02.12.2013

Wahlkampf in Ursenbach: Zwischen Citybus und Datenbus

Von Carsten Blaue

Schriesheim-Ursenbach. Am Ende kommt sie doch noch, die Frage an Michael Becker. Nach allem, was man über ihn gelesen habe, sei sie verunsichert, meinte Ortschaftsrätin Imke Felden. Welche Motivation er denn habe, Bürgermeister zu werden. Becker reagiert sicher. Die Motivation sei noch dieselbe. Schriesheim sei eine "supertolle Stadt" und habe sich ja nicht geändert, so der Kandidat, der jetzt ohne die Unterstützung von CDU, Freien Wählern (FW) und FDP weiter macht. Auch deren Spitzenvertreter sind am Montagabend im Ursenbacher Dorfgemeinschaftshaus bei der amtlichen Vorstellung der Bürgermeisterkandidaten.

Es ist Beckers erster, mit Spannung erwarteter Auftritt nach dem Eklat um seine Parteimitgliedschaften. Doch er geht darauf in seiner Bewerbungsrede gar nicht ein, gibt sich selbstbewusst und bindet den Ortsteil in seine Überlegungen ein. Das tut auch Hansjörg Höfer. Der Amtsinhaber ist in den amtlichen Präsentationen immer als erster dran - streng nach Eingang der Bewerbungen und der Reihenfolge auf dem Stimmzettel für die Wahl am kommenden Sonntag.

Höfer beginnt geschickt mit seinen Bezügen zu Ursenbach und weist dann erneut die Stillstandskritik von CDU, FW und FDP zurück: "Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, der weiß, dass das fundamentale Opposition ohne Basis ist", so Höfer wörtlich. Auch in Ursenbach findet er Gegenbeispiele, etwa die grundlegende Sanierung des Dorfgemeinschaftshauses und Planungen für eine bessere Internetverbindung. Nächstes Jahr soll sie ausgeschrieben werden und spätestens 2016 verfügbar sein.

Dafür bedarf es aber wohl eines Funkmastes. Das sind die ortsspezifischen Aspekte, die Höfer in seine Rede zu den bekannten Eckpunkten seiner Politik einfließen lässt. Dazu gehört, dass er den Branichtunnel als Segen bezeichnet - auch für Ursenbach. Auf spätere Anfrage von Traudel Edelmann kündigt er an, dass die abrutschgefährdete Kapelle durch eine Konstruktion aus Betonstelzen gesichert werden soll.

Becker begegnet Kritikpunkten offensiv. Etwa in Bezug auf sein Kontaktstudium oder sein Idiom: "Gute Arbeit hat nichts mit Dialekt zu tun." Schriesheim brauche einen engagierten Bürgermeister, der anpacke und nichts auf die lange Bank schiebe. Also ihn. Auch in Ursenbach wirbt Becker für sein Citybus-Konzept. Das kommt an. Zumal die Ursenbacher Abenteuerliches zu erzählen haben von Bussen, die einfach vorbeifahren oder gar nicht erst kommen. Anders als in Schriesheim spart sich Becker zum Schluss die Bemerkung, dass die Bürger die Wahl hätten zwischen Stillstand und Fortschritt. Dafür hatte man ihn in der Kernstadt am Freitag noch ausgebuht. In Ursenbach setzt er auch das Thema Windkraft ans Ende seiner Rede. Für die sei er, aber nicht dort, wo der Wind so schwach blase wie in Schriesheim.

Ganz auf regenerative Energien setzt Peter Weinkötz, der Ursenbach einen "wunderbaren Luftkurort" nennt - und den Raum im Dorfgemeinschaftshaus lobt, in dem die Kandidaten während der 15-minütigen Einzelvorstellung ihrer Mitbewerber verweilen. Zum Hintergrund: In Schriesheim hatte sich Weinkötz über das "Kabuff" beklagt, in das die Kandidaten "gesperrt" worden seien. Der Vorsitzende des Gemeindewahlausschusses, Anselm Löweneck, greift das Thema schon in seiner Anmoderation des Abends in Ursenbach auf, spricht mit Schmunzeln vom "Loft": "Hier wartet auf die Kandidaten kein 'Kabuff', sondern ein Raum mit 70 Quadratmetern, Teppichboden, Gebäck und Getränken. Manche haben es zu Hause nicht so schön."

Weinkötz sieht dennoch Grund zur Klage, sogar zur Verfassungsklage. Er werde das Verbot der Stadt, in ihren Räumen Wahlveranstaltungen anzubieten und im Mitteilungsblatt Wahlwerbung machen, vor das Verfassungsgericht bringen. Denn es sei fragwürdig, wie eine Stadt für ein halbes Jahr lang die Freiheitsrechte wie die Meinungs-, Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit einfach aushebeln könne.

Inhaltlich wirbt Weinkötz für Energiegenossenschaften, die genauso funktionieren würden wie die Winzergenossenschaft. Wind, Wasser, Sonnenstunden, Holz: Schriesheim habe von alle dem in Hülle und Fülle und müsse die Energie aus den regenerativen Quellen einfach besser nutzen. Gerade Ursenbach hätte das Zeug dazu, energieautark zu werden, so Weinkötz. Auch touristisch gehe hier mehr: "Ursenbach ist so was von wunderschön. Ich wundere mich, warum es hier kein Landhotel oder einen Gasthof gibt." Sogar ein "Kabinenlift" sei denkbar - auch als Alternative zum Citybus für die Kernstadt, den Branich und die Ortsteile. Der koste die Stadt natürlich Geld und könne nicht nur über Fahrpreise refinanziert werden, wie Becker in der Fragerunde einräumt. Man merkt: Über dieses Thema spricht er lieber als über seine bisherigen Mitgliedschaften in Parteien.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung