21.01.2014

Die alte Schwelle der Schriesheimer Hütte gibt es noch heute

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Blättert man im Fotoalbum der Naturfreunde, so findet sich im Jahr 1964 ein ungewöhnliches Bild. Es zeigt eine Barbarenhorde im Schriesheimer Wald. Tatsächlich steckten unter den filzigen Bärten und wuchtigen Helmen Mitglieder, die beim Jubiläumsfestzug eine Gruppe Franken darstellten. Mit dabei war damals auch Georg Weber, Vater der heutigen Naturfreunde-Vorsitzenden Lilo Ortmann. 50 Jahre später, zum 1250. Jubiläum von Schriesheims erster urkundlicher Erwähnung, schlüpfen übrigens die Mitglieder des Odenwaldklubs in die Rolle der frühmittelalterlichen Krieger, während die Naturfreunde sich diesmal eines eher heiklen Themas annehmen: den hygienischen Verhältnissen um 1900.

Der Brand als Chance

Mit "Donnerbalken" und Nachttöpfen kann man sie gern als rustikal bezeichnen, und das gilt auch für die Sanitäranlagen in den ersten Jahren der Schriesheimer Hütte. Was das anging, erwies sich der Brand im Jahr 1967 trotz finanzieller Folgen in mehrfacher Hinsicht als Chance: Teile des alten Hauses waren nicht mehr zu retten und mussten abgetragen werden. Auf den Fundamenten wurde größer und auch komfortabler gebaut. Erstmals waren Duschen und Toiletten im Haus untergebracht, zudem gab es Waschbecken in den Zimmern.

Der neue Bau war um ein Drittel größer, außerdem war das Dach jetzt nach Osten ausgerichtet, was mehr Licht ins Obergeschoss ließ. Es gab sechs Zimmer mit anfangs 20, später 15 Betten. Wo es ging, wurde auf die Reste des alten Hauses gebaut, und so gibt es noch heute in der Hüttenstube eine Schwelle, wo früher der Austritt auf die Veranda war.

Im Fotoalbum des Vereins schließen sich die Bilder des Wiederaufbaus nahtlos an die der Brandkatastrophe an. Tatsächlich wurde es Sommer 1970, bis das Haus wieder bezogen werden konnte. Ohne die Unterstützung zahlreicher Spender, aber auch die Arbeitsleistung auch von Mitgliedern anderer Vereine wären die Probleme und Schwierigkeiten vielleicht viel größer gewesen.

So aber wurde am 14. Juni 1970 das Haus wieder eröffnet, verbunden mit einem großen Bezirkstreffen des Naturfreundeverbands. Bei der Feier spielten Bezirks-Ensembles, außerdem erhielt das Haus eine Weihe. Als symbolischen Neuanfang dichtete "Hüttenlied"-Schöpferin Else Hitzfeld ein neues Hüttenlied, das seither in der neuen Form gesungen wird. In den nächsten drei Jahren versahen Käthe und Richard Potkowa das Amt der Hüttenwarte, von 1973 bis 1984 Wilhelmine und Werner Hamann.

Die nächsten Jahre waren Arbeiten am Außengelände gewidmet, etwa 1974 eine Rodungsaktion, der eine eher ungewöhnliche Art der Garten-Gestaltung folgte. Heute würde man wohl von "Synergieeffekten" sprechen, als der Verein unter Leitung von Ewald Bachert eine Einladung an die US-Streitkräfte aussprach, auf der Mannswiese eine Übung mit schwerem Gerät durchzuführen. Im Gegenzug sollten sie danach das Erdreich zusammenschieben, um die Grundlage für die große, noch heute genutzte Terrasse zu legen. Als 1975 eine eindrucksvolle Kolonne aus Baggern, Jeeps und anderen tarnfarbenen Maschinen den Weg ins Schriesheimer Tal einschlug, mochte sich mancher an den Einmarsch der Truppen dreißig Jahre zuvor erinnert fühlen. Tatsächlich verwandelten sie den waldigen Naturfreunde-Garten in eine Mondlandschaft, mit dem Bau der Terrasse kam aber das erhoffte Happy End.

1984 wurde auf der Hütte eine große Feier des Partnerschaftsvereins abgehalten, ein Foto zeigt die "Gründungs-Bürgermeister" Peter Riehl und Jean-Luc Chapon Hand in Hand. Ein Jahr später wurden Hannelore und Heinrich Höfer Hüttenwarte, ein Amt, das sie bis heute bekleiden. 1986 folgte das nächste große Projekt: In nur 14 Tagen verlegten die Mitglieder Strom- und Telefonkabel im Boden, ausgehend vom Sportplatz Rippenweier bis zur Hütte. Es war ein Kraftakt, erinnert sich Ortmann, seit 1995 Vorsitzende: "Aber die Arbeit schweißt auch zusammen."

Ferienspiele auf der Hütte, die Einrichtung eines Biotops und des Insektenhotels waren die Aufgaben der letzten Jahre. Daneben sind es bis heute vor allem die Geselligkeit und die gemeinsamen Erinnerungen, die die Generationen verbinden, weiß Ortmann: "Die Jungen hören immer aufmerksam zu, wenn die Älteren von früher erzählen."


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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung