22.01.2004

Drei Tage, die in Erinnerung bleiben

Aus dem Schriesheimer Jahrbuch: Bewegender Rückblick auf den Besuch der Schriesheimer Juden

Erwin Maier im Mai beim Besuch des Familiengrabes auf dem Schriesheimer Friedhof. Foto: Dorn

Schriesheim. (ron) Es war das Ereignis des Jahres 2003: der Besuch der einst von den Nazis aus Schriesheim vertriebenen Juden. Im neuen Schriesheimer Jahrbuch blicken die Organisatoren der Einladung, Joachim Maier und Monika Stärker-Weineck, auf die bewegenden Tage im Mai letzten Jahres zurück.

"Ich habe einen der schönsten Tage meines Lebens hier in Schriesheim erlebt", so lautet der Satz, den Erwin Maier ins Goldene Buch der Stadt geschrieben hat. "Ich freue mich sehr, wieder in meiner Geburtsstadt zu sein", so hat sich Lore Tobias ausgedrückt. Die Schriftzüge im ledergebundenen Wälzer erinnern an den Besuch der ehemals in Schriesheim lebenden Juden. Im Mai waren Maier, Tobias und Martin Wimpfheimer zum ersten Mal als offizielle Gäste der Stadt in ihre alte Heimat zurückgekehrt, zuvor waren alle drei allerdings bereits privaten Einladungen an den Ort ihrer Kindheit gefolgt.

Die "Dokumentation der Ausstellung aus Anlass des Besuchs der jüdischen Schriesheimer", wie der Untertitel des Jahrbuch-Artikels lautet, ist auch von Dankbarkeit geprägt: Joachim Maier und Monika Stärker-Weineck betonen darin die enorme und gefühlvolle Resonanz, die der Besuch in der Schriesheimer Bevölkerung ausgelöst hat. Maier liefert zu dem Rückblick auf den Besuch noch einmal die "Spuren jüdischen Lebens" gleichsam als historische Grundlage des Besuchs. Dieser Vortrag hatte auch schon im Vorfeld des Besuchs großen Anklang gefunden.

Die Jahrbuch-Arbeit widmet sich aber auch dem Nachhall des Besuchs, der in der gesamten Bevölkerung zu spüren war. In anrührenden Fotos (zumeist der RNZ entlehnt, die täglich ausführlich berichtet hat) zeichnen die Dokumentatoren die Tage wieder, von der Ausstellungeröffnung im Historischen Rathaus, bei der es unter anderem ein Wiedersehen zwischen Lore Tobias und Adele Metzger gegeben hat. Adele Metzgers Mann, Wilhelm Metzger, hatte am Tag nach der Reichspogromnacht eine Seite aus einem jüdischen Gebetbuch aus einem Ascheberg gerettet. Dieses Gebetbuchseite zeigte das Plakat der Ausstellung: "Spuren jüdischen Lebens." Maier und Stärker-Weineck fassen die besonders bewegenden Momente des Wiedersehens und der Versöhnung zusammen. Etwa die Bilder und Gedichte, die von den Schriesheimer Schülern entworfen worden waren. Eine Schülerin sagte zur Begrüßung nach eingehender geschichtlicher Vorbereitung: "Wir haben ein Grauen gesehen, das wir uns nicht vorstellen konnten. Wir danken Ihnen für Ihren Besuch."

Interessant ist es übrigens, zu beobachten, wie der Besuch und die Berichterstattung darüber sehr schnell Wellen geschlagen hat. Die RNZ befragte unter anderem am Vorabend des Besuchs alte Schulfreunde der jüdischen Gäste nach ihren Erinnerungen. Unter anderem Willi Arras erzählte dabei eine Beobachtung: eine jüdische Frau, die auf der Treppe der Gendarmerie kniete, damit man ihren Mann freiließe, dafür aber zu Boden geschlagen wurde. Schon wenige Tage später schrieb der ehemalige Schriesheimer Herbert Marx aus den USA: "Das war meine Mutter, mein lieber Vater wurde nach Dachau verschleppt, ich darf heute noch nicht daran denken."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung