05.06.2018

Schriesheimer Brieftaubenzucht: Seine Tiere legen über 600 Kilometer zurück

Karl-Heinz Weber züchtet erfolgreich Brieftauben - Heute bereichern sie auch Hochzeiten

Von Katharina Schröder

Schriesheim. Es gurrt und flattert. Beim Betreten des Taubenschlags von Karl-Heinz Weber zeigen sich viele neugierige Tauben. Scheu kennt keine von ihnen: Weber züchtet Brieftauben.

Der Tag beginnt für den Taubenzüchter um sechs Uhr morgens. Weber füttert die Tiere und lässt sie eine Zeit lang fliegen. Er hält 24 Männchen im so genannten Witwerschlag und 24 Weibchen im Weibchenschlag. Dazu kommen noch 80 Tiere im Jungschlag. "Die Brieftaubenzucht ist zeitintensiv", sagt der 61-Jährige. "Aber fängt man einmal an, kann man nicht mehr aufhören."

Seine über 100 Brieftauben hält Weber in einem umgebauten Lastwagen mit Voliere - links die Weibchen, rechts die Männchen. Außerhalb der Zuchtzeit sind die Pärchen getrennt, erklärt er. Die brütenden Paare kümmern sich momentan noch um den Nachwuchs. Tauben leben monogam. Der Züchter zeigt ein Nest mit einem frisch geschlüpften Jungtier und einem Ei daneben. "Heute Nacht wird die kleine Taube schlüpfen", sagt Weber und geht mit dem Ohr nah an das Ei. Man kann tatsächlich hören, wie von innen gegen die Schale gepickt wird. So geht es von Saison zu Saison, von Flug zu Flug.

Beim Gang durch den Taubenschlag sieht man Weber die Freude an seinen Tieren an. "Die hier, das ist eine Granate", sagt er und zeigt auf ein Weibchen, das bei den Preisflügen erfolgreich abschneidet. "Oder der hier, der kämpft immer mit mir", sagt er und lacht, während der Tauber ihm mit seinem Schnabel hinterher eilt. Weber kennt seine Vögel.

Seit er 14 ist, hält er Brieftauben. Mit ihnen nimmt er an Preisflügen teil. Dafür werden die Tiere in Transport-Lastwagen an Auflassorte gefahren. Dort werden sie freigelassen und treten den Heimflug an. Die Zeit, die sie für die Heimreise brauchen, wird gemessen. "Wo die Tauben zum ersten Mal herausfliegen, kommen sie immer wieder zurück", erklärt Weber.

Wie genau sie sich zurechtfinden und immer wieder an ihren Heimatort zurückkehren, weiß man noch nicht sicher. Dieses Verhalten wurde vor der Erfindung von Telegrafie und Telefonie zur Übermittlung von Nachrichten ohne Boten genutzt. Heute werden Brieftauben nur noch für sportliche Zwecke oder für Veranstaltungen wie Hochzeiten verwendet. Auch Weber hat nun ein paar weiße Tauben für Hochzeiten.

Er trainiert die Jungtiere zunächst auf kleinen Strecken, beginnend mit etwa fünf Kilometern. Die Distanz steigert er bis zu den Preisflügen. Für den Endflug müssen sie über 300 Kilometer heimfliegen. Die Alttauben, ab einem Jahr, legen bei ihrem letzten Flug in der Saison über 600 Kilometer zurück. Ist das Wetter schlecht, werden die Flüge verschoben, der Züchter muss auch am nächsten Tag noch Zeit haben, auf die Tiere zu warten. Urlaub in den Sommermonaten sei ausgeschlossen, meint Weber.

Die Ankunftszeit der Vögel wird elektronisch erfasst. Jede Taube hat zwei Kennungsringe an den Beinen. Dadurch werden die Tiere von einer Antenne am Taubenschlag erkannt. Auf den Ringen steht die Kennnummer des Verbandes, das Geburtsjahr und die Telefonnummer des Züchters - für den Fall, dass sich ein Tier verirrt. "Vor Kurzem ist eine Taube in Leutershausen bei einer Familie gelandet", sagt Weber und zeigt auf eine braune Taube im Schlag. Sie hatte sich bei einem Wettkampf verflogen. Weber steht mit dem Züchter, der aus Dortmund kommt, in Kontakt. Jetzt päppelt er die Taube auf und lässt sie bald frei. Sie wird dann nach Dortmund zurückfliegen - falls sie sich nicht ein weiteres Mal verirrt.

Die großen Strecken sind anstrengend für die Tiere. Zum Wettkampf hin hat das Futter deshalb einen immer größeren Fettanteil. Weber vergleicht den Taubensport mit Leichtathletik: "Die Sportler essen ja auch vor einem Wettkampf viele Nudeln."

Aber nicht nur die optimale Versorgung der Tiere ist eine Herausforderung. Unter Naturschutz stehende Wildvögel machen den Brieftaubenzüchtern Sorgen. "Die sind ein Riesenproblem. Wir Züchter verstehen nicht, dass sie immer noch geschützt sind", ärgert sich Weber. Im Sommer finden die Wildvögel noch genügend andere Fresstiere. "Wenn man die Tauben aber im Winter rauslassen würde, würde jeden Tag eine fehlen", sagt er.

Regelmäßig versorgt er verletzte Tauben, die es nach einem Angriff noch nach Hause schaffen. "Wenn so ein Vogel mal eine schnelle Taube von mir erwischt, wäre das ein großer Schlag für mich" sagt Weber. Umso größer ist die Freude, wenn seine Tiere wohlbehalten in den Lastwagen zurückkehren.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung