05.07.2018

Kurpfalz-Gymnasium Schriesheim: Die Wahrheit kommt ans Licht, sagt der TV-Anwalt

Kurpfalz-Gymnasium Schriesheim: Die Wahrheit kommt ans Licht, sagt der TV-AnwaltStrafverteidiger Christopher Posch diskutierte mit Schülern über Gerechtigkeit, Recht und moralische Fragen

Über 100 Fragen hatten die Schüler des Kurpfalz-Gymnasiums via Facebook an Christopher Posch gestellt. Am Montag gab er in der Aula einige Antworten. Foto: Dorn

Von Marco Partner

Schriesheim. Wann ist man im Recht? Ab wann wird jemand schuldig gesprochen? Und wer hat überhaupt das Recht, darüber zu urteilen? Ein Experte zu diesen Fragen stattete dem Kurpfalz-Gymnasium am Montag einen Besuch ab: Christopher Posch, Jurist und TV-Anwalt - unter anderem bekannt aus den Serien "Alarm für Cobra 11", "Mario Barth deckt auf" oder "Ich kämpfe für Ihr Recht" - stellte sich den insgesamt knapp 100 Fragen, welche die Gymnasiasten aus den Klassen 8 bis 11 dem Rechtsanwalt und Fernsehstar im Vorfeld via Facebook übermitteln konnten.

Ein hochkomplexes, manchmal trockenes Thema lebendig veranschaulichen - das ist der Ansatz der besonderen Unterrichtseinheit. "In Gemeinschaftskunde ist Recht ein großes Thema. Wir gehen mit den Schülern auch zum Gericht. Aber es ist schön, einmal direkt etwas aus der Praxis eines Anwalts zu erfahren und die Zusammenhänge zu verstehen", erklärt Lehrer Maximilian Bayer, der den Deal mit Posch einfädelte. Und das hat familiäre Hintergründe: Bayers Onkel Andreas Pott nämlich kennt Posch persönlich.

Aber nicht nur das: Gemeinsam planen sie das neue TV-Format "Jetzt habt ihr Recht", bei dem Schüler an die Welt der Paragrafen und Gesetze herangeführt werden sollen. "Es ist interessant zu erfahren, wie Schüler mit dem Thema umgehen, welche Erfahrungen sie bereits gesammelt haben. Andererseits wollen wir sie auch sensibilisieren, ein Bewusstsein schaffen: Denn rechtliche Fragen spielen in unserem täglichen Leben eine große Rolle", sagt Pott über das Pilotprojekt, das nun in Schriesheim startete.

Wie stark Recht unseren Alltag durchdringt, wird gleich zu Beginn deutlich: Eine Einverständniserklärung müssen die Schüler unterzeichnen, denn in der Aula sind bei der Aufzeichnung des Vortrags auch viele Kameras auf sie gerichtet. Was bedeutet also Recht?

"Es ist der Boden, auf dem wir uns bewegen, das gesellschaftliche Leben muss nach Regeln vonstattengehen", erläutert Posch. Letztlich fuße alles auf dem Grundgesetz, doch Vorsicht sei geboten: Die Frage nach Gerechtigkeit sei hochkomplex - und nie einfach zu beantworten.

"Es ist nicht immer so, wie es auf dem ersten Blick erscheint", warnt der Anwalt vor einem vorschnellen Urteil, der simplen Einteilung in Gut und Böse, schuldig oder nicht schuldig. "Vor dem Gesetz sind alle gleich: Ob Bankräuber, vermeintlicher Mörder oder Schwarzfahrer", gibt Posch zu bedenken.

Er selbst arbeitet als Strafverteidiger - und das wirft moralische Fragen auf. Wie kann man jemanden vertreten, bei dem man weiß, dass er schuldig ist, fragen die Schüler. "Jeder hat eine faire Chance verdient", findet Posch. "Man steht Leuten zur Seite, die niemanden mehr haben, die ihnen Glauben schenken." Da sei Fingerspitzengefühl und Durchhaltevermögen gefragt, aber es dürften auch keine falschen Hoffnungen geweckt werden. Vor allem nicht bei Mandanten, die im Gefängnis sitzen.

Doch schlussendlich könne mancher Prozess, bei dem alles klar zu sein scheint, plötzlich dramatische Wendungen nehmen. Das sei das Spannende an der Arbeit, sagt Posch. So habe er einmal einen Thai-Boxer verteidigt, der beim Hundespaziergang nach üblen Wortgefechten von zwei Passanten angegriffen wurde. Dass der Gassigeher mit einem High Kick kontern würde, damit hätten sie wohl nicht gerechnet. Ganz klar: Notwehr.

Dafür plädiert auch die Mehrheit der Schüler, deren Finger schnell nach oben gehen, als Posch sie nach ihrem Urteil fragt. Doch das Gericht sah das ein wenig anders. Der Thai-Boxer bekam eine 13-monatige Freiheitsstrafe aufgebrummt, als Kampfsportler hätte er wissen müssen, wie er sich zur Wehr setzen darf.

Doch Posch ging in Berufung - und bekam in zweiter Instanz Recht. Die Aussagen der beiden vermeintlichen Opfer, die angeblich schlimme Verletzungen davontrugen, entpuppten sich als bloße Behauptung. "Man muss schon genau hinsehen, es gibt auch immer eine Kehrseite der Geschichte", sagt Posch - und zeigt auf, wie schnell jeder mit dem Gesetz in Konflikt geraten kann. "Wurden eure Eltern schon mal geblitzt?", fragt der Rechtsanwalt - und nahezu alle Finger ragen nach oben.

Sich gegen diese Strafe zu wehren, helfe aber leider in den seltensten Fällen - und mache es mitunter nur noch schlimmer. Posch hat hierbei schon viel erlebt. Autofahrer mit Telefon am Ohr, die behaupteten, sie hätten sich "nur" rasiert - oder im Nachhinein einfach ein anderes Familienmitglied an Steuer setzen wollen. "Meine Arbeit ist spannend, dramatisch, manchmal traurig, aber durchaus auch amüsant", verrät Posch. Und letztendlich komme die Wahrheit meist doch irgendwie ans Licht.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung