01.04.2004

Wahnsinn: Riehl macht es doch nochmal!

Sensation in Schriesheim: Der amtierende Bürgermeister kandidiert überraschend zur fünften Amtszeit - "Stadt noch nicht reif für jüngere Hände"

Ich bleibe der Kapitän, bis sich das Schiff wieder im sicheren Fahrwasser befindet": Peter Riehl will es nochmal wissen - zum Wohl seiner Stadt. Foto: Dorn

Von Roland Kern

Schriesheim. Riesenüberraschung im Schriesheimer Rathaus: Bürgermeister Peter Riehl (62) tritt entgegen bisheriger Ankündigungen am November nächsten Jahres doch nochmal zur Wahl an. Der dienstälteste Bürgermeister im Rhein-Neckar-Kreis will es zum fünften Mal wissen.

"Die Stadt ist noch nicht reif für jüngere Hände", so erklärte Riehl gestern im Gespräch mit der RNZ seine sensationelle Meinungsänderung. Und er ließ durchblicken, dass die aktuellen kommunalpolitischen Diskussionen dabei eine Rolle gespielt haben. Vor allem die Finanzkrise, in der die Stadt steckt: "Ich bleibe der Kapitän", so Riehl, "bis sich das Schiff wieder im sicheren Fahrwasser befindet". Bekanntlich musste er den Gemeinderat in der letzten Woche einen Minus-Etat verabschieden lassen - und Aussicht auf Besserung gibt es nicht. In einer Krise will Riehl sein Lebenswerk aber nicht beenden. Vielmehr habe er zahlreiche Konzepte für die nächsten Jahre, mit denen er die wirtschaftlichen Probleme lösen will. Unbestätigt sind noch Gerüchte, nach denen der Schriesheimer Bürgermeister auch für den Stuttgarter Landtag kandidieren will. Aber seine Absicht hat er zumindest angedeutet: "Heutzutage kann man für die Kommunen nur etwas bewegen, wenn man Bundes- oder Landespolitiker ist."

"Es gibt eine Menge zu tun", erklärte der Überraschungs-Kandidat gestern bei seiner Presseerklärung. Neben der Haushaltskonsolidierung sieht er die Hauptaufgaben in den nächsten Jahren in der Instandsetzung der öffentlichen Gebäude und in einem raschen Vorankommen im Neubaugebiet Nord. Bekannt wurde in diesem Zusammenhang, dass sich Riehl aus dem Baugebiet auch erhebliche Gewerbesteuereinnahmen verspricht. In einer Eilentscheidung hat er durchgesetzt, dass die Grundstücke an der bestehenden Bebauung umgewidmet werden können: künftig sollen dort auch Industriebetriebe angesiedelt werden dürfen. "Das reißt uns heraus", hofft er. Daneben eröffnet der Rotkreuz-Kreisverband eine Testzentrale für Martinshörner und andere Beschallungen.

Offen erklärte Riehl auch, dass die gehandelten Kandidaten für eine Nachfolge seine Kehrtwende beeinflusst haben. "Großartig ist das nicht gerade, was man da hört", schüttelte er den Kopf. Trotz aller Sorgen freue er sich auf eine weitere Amtszeit, versicherte Riehl. In vier Jahren wird das "Schriesheimer Lied" am Mathaisemarkt durch eine weitere Hymne ergänzt: "Mit 66 Jahren . . .". Gesundheitlich traue er sich das aufreibende Amt noch in jedem Fall bis ins Jahr 2010 zu: "So lange es noch Weißherbst gibt, geht es mir gut."

Reservierte Reaktionen
Die Gemeinderats-Fraktionen reagierten gestern überwiegend reserviert auf die neue Nachricht: "Naja, er hat sich ja Wacker geschlagen", äußerte sich CDU-Sprecher Siegfried Schlüter ausweichend. "Jetzt werden wir wieder kleinere Brötchen backen müssen", resignierte der Grüne Christian Wolf höflich. Die SPD blieb kühn(y): "Wir stellen den passenden Kandidaten, Alt gegen Jung", so die Kampfansage von Fraktionschef Hans-Jürgen Krieger. Nur die Freien Wähler jubelten und ließen spontan durchblicken, dass sie vielleicht doch noch Ehrenbürger Peter Hartmann für die Gemeinderatswahlen aufstellen wollen. Der bald 90-jährige Senior hat Ambitionen, Bürgermeister-Stellvertreter zu werden.

INFO: Wie man es von Bürgermeister Riehl erwartet, will er seine überraschende Entscheidung heute mit möglichst vielen Bürgern feiern: Wer zwischen 10 Uhr und 11 Uhr aufs Rathaus kommt, wird zu einem Gläschen Wein eingeladen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung