11.09.2018

Jüdischer Friedhof Schriesheim: "Ich mache das, bis ich umfalle"

Jüdischer Friedhof Schriesheim: "Ich mache das, bis ich umfalle"Monika Stärker-Weineck führt seit 16 Jahren Besucher über den jüdischen Friedhof - Im RNZ-Interview spricht sie über ihre Motivation

"Es ergeben sich Gespräche, die nicht nur mit dem Friedhof zu tun haben", sagt Monika Stärker-Weineck (r.). "Ich komme von den Führungen oft ganz beschwingt nach Hause." Foto: Dorn

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Seit 2002 führt Monika Stärker-Weineck jedes Jahr Besucher über den jüdischen Friedhof in Schriesheim, langweilig ist ihr das nie geworden. Im RNZ-Interview spricht die pensionierte Realschullehrerin über ihre Motivation, Gedenken und eindrückliche Erlebnisse.

Frau Stärker-Weineck, zum zigsten Mal über einen Friedhof führen - wird das nicht irgendwann langweilig?
Nein, das wird es nie. Es kommen immer interessierte Leute - inzwischen meist nicht mehr aus Schriesheim, sondern aus der Umgebung, weil sie auf den Tag des offenen Denkmals aufmerksam geworden sind. Da werden immer interessante Fragen gestellt, es ergeben sich Gespräche, die nicht nur mit dem Friedhof zu tun haben: über jüdische Religion, Israel-Politik und rechtsradikale Tendenzen heute. Ich komme von den Führungen oft ganz beschwingt nach Hause.

Warum haben Sie 2002 damit begonnen?
Der Anlass war, dass 2003 die ehemaligen jüdischen Mitbürger auf Einladung der Stadt aus den USA zu Besuch kommen sollten. Die Führungen waren eine Art Vorbereitung darauf. Viele alteingesessene Schriesheimer haben damals von Begegnungen mit jüdischen Mitbürgern in ihrer Kindheit erzählen können. Meine persönliche Motivation ist, dass ich den Zweiten Weltkrieg als Kind miterlebt habe. Gedenken liegt mir am Herzen, das zieht sich durch mein ganzes Leben. Als Studentin wollte ich auch den Staat Israel mit aufbauen, als Wiedergutmachung. Aber die "Aktion Sühnezeichen" hat mir nur Lager im Hochsommer angeboten, das habe ich mir nicht zugetraut (lacht). Stattdessen hat mir der Christliche Friedensdienst eine Begegnungsreise in die DDR angeboten. Das habe ich 25 Jahre lang gemacht, auch mit Schulklassen, weil es mir wichtig war, dieses andere Deutschland nicht zu vergessen.

Ist Gedenken heute noch wichtiger als damals?
Das würde ich so unterschreiben. Wir haben auch mit der Besuchergruppe am Sonntag darüber gesprochen, vor dem Hintergrund der Stolpersteinverlegung im Juli. Gerade jetzt muss man rechtsextremen Tendenzen entgegentreten.

Sind Sie wegen Ihrer Arbeit angefeindet worden?
Nein, nie. Im Gegenteil: Als Joachim Maier und ich 2002 im Jahrbuch unseren ersten Beitrag zum jüdischen Leben in Schriesheim veröffentlicht haben, kam Heinrich Rufer, ein langjähriger CDU-Stadtrat, auf mich zu und sagte: "Endlich geht jemand dieses Thema mal an, wir Einheimischen können das ja nicht." Das hat mich sehr gefreut, weil es damals im Gemeinderat noch Widerstand gegen die Einladung der jüdischen Bürger seitens der Stadt gab, auch in der CDU.

Warum gab es vor der jüngsten Stolpersteinverlegung immer noch Gegenwind?
Vor dem Gemeinderatsbeschluss im Oktober 2017 waren es die Besitzer von fünf ehemaligen jüdischen Häusern, die sich noch gewehrt haben. Vor drei Gebäuden haben wir inzwischen Stolpersteine verlegt. Manchmal wurden gar keine Argumente für die Ablehnung vorgebracht, sondern es hieß es nur: "Es muss doch endlich mal damit Schluss sein."

Warum sollte Ihrer Meinung nach nicht Schluss sein?
Weil das gefährlich ist. Wenn wir vergessen, was im Dritten Reich passiert ist, kommen die Leute zu Wort, die sagen, dass wir unser deutsches Vaterland hochhalten müssen, das angeblich über allen anderen steht. Diese nationalistischen Sprüche sind jetzt wieder im Umlauf.

Sind Ihnen von den Führungen Erlebnisse in Erinnerung geblieben?
Vor ein paar Jahren kam eine Frau mit einem Mann mit langem, schwarzen Bart im Rollstuhl vorbei. Das waren Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Mannheim. Wir haben dann über die Entwicklung des jüdischen Lebens in Deutschland gesprochen. Ein anderes Mal haben amerikanische Juden, die gerade hier zu Besuch waren, über die Bestattungskultur dort berichtet, das war sehr interessant.

Wie lange wollen Sie die Führungen noch machen?
Ich mache das, bis ich umfalle! (lacht) Wie lange das noch geht, weiß ich nicht. Aber ich habe mit Maren Fahmi beim Arbeitskreis Schriesheimer Senioren jemanden gefunden, die das seit drei Jahren mit mir zusammen macht und das weiterführen wird. Das ist mir wichtig.

Hintergrund zur Person
Monika Stärker-Weineck, aufgewachsen in Gelsenkirchen-Buer, hat Französisch und Deutsch auf Lehramt in Freiburg, Paris, Berlin und Essen studiert. Fünf Jahre übte sie ihren Beruf in der Türkei aus, 33 Jahre in der Quadratestadt. 1984 zog sie nach Schriesheim. Seit 2002 engagiert sie sich mit dem katholischen Theologen Joachim Maier für das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, beide sind Mitglieder der Initiativgruppe Stolpersteine. (fjm)

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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