20.09.2018

Weinlese 2018: "Wir können uns freuen"

Weinlese 2018: "Wir können uns freuen"

Winzer im Kraichgau und an der Bergstraße ziehen eine euphorische Zwischenbilanz der Weinlese

Trauben wie gemalt hängen auch in Schriesheims Weinbergen. Foto: Dorn

Von Carsten Blaue

Schriesheim/Wiesloch. Die lange Trockenheit: kein Problem. Die enorme Hitze: geschenkt! Lange war es für die Weinbauern in der Region nicht mehr so schön, Winzer zu sein: "Wir können uns freuen", sagt Werner Bauer, Vorstand der "Winzer von Baden" eG in Wiesloch. Die Weinernte ist in vollem Gange. Schon jetzt ist klar, dass es in Sachen Menge und Qualität ein außergewöhnlich guter Herbst wird für die Betriebe im Kraichgau und an der Bergstraße.

"Wir haben schon mit mehr Ertrag gerechnet. Doch die Menge ist noch höher als erwartet", so Bauer. Er schätzt, dass es am Ende etwa 20 Prozent mehr werden könnte als im Durchschnitt. Bei guter Pflege der Reben waren Pilzbefall und Fäulnis auch aufgrund der trockenen Witterung kein großes Thema. Ältere Anlagen mit ihren tiefen Wurzeln haben die fehlenden Niederschläge gut verkraftet. Gelitten haben allerdings junge Rebstöcke. Und weil es die Kirschessigfliege lieber feucht mag, blieb auch sie am Ende des Traubenwachstums aus. Hier und da war höchstens Sonnenbrand in stark entblätterten Anlagen ein Problem.

Doch das trübt die Stimmung nicht: "Wir sind sehr entspannt", so Bauer. Die Sonnentage könne man jetzt ausreizen, sodass sich der Saft in den Beeren noch etwas konzentriert: "Dass das Lesegut so gesund ist, habe ich als Winzer noch nie erlebt", sagt der Weingutinhaber vom Heidelberger Dachsbuckel. Allerdings seien die Tage für die Lese etwas zu warm. Der Winzer an sich mag es eher kühl und trocken: "Also müssen wir bis mittags durch sein. Aber mit dem Vollernter ist man da schlagkräftig." Also kommt erst gar keine Hektik auf. Im Gegenteil.

"Von Montag bis Donnerstag haben wir die Weißweinlese eingestellt." Denn der Ertrag war so enorm, dass die Kapazitäten ausgeschöpft sind. Jetzt muss der Most erst mal in die Lagertanks. Wenn dadurch Platz geschaffen wurde, kann es mit dem Pressen der angelieferten Trauben weitergehen. Bis Anfang Oktober will die Genossenschaft ihre Ernte eingefahren haben. Rund 60 Prozent der Burgunder-Sorten sind eingeholt, etwa 40 Prozent vom Riesling. Und der Müller-Thurgau, der immer zuerst gelesen wird, ist schon vergoren. Die großen Mengen werden der "Winzer von Baden" eG gut tun: "Denn vom 2017er ist der Keller leer", sagt Bauer. Umso größer ist die Vorfreude auf die 2018er: "Ab dem Frühjahr starten wir durch."

Guter Dinge ist auch Otto Guthier, der Geschäftsführer der Bergsträßer Winzer eG in Heppenheim.statistisches bundesamt wiesbaden

Die Südhessen haben schon über die Hälfte geerntet: "Und wir sind sehr zufrieden." Die Rotweinqualitäten seien weit über dem Durchschnitt, und vom Weißburgunder mit 110 Grad Öchsle Mostgewicht aus den ertragsreduzierten Anlagen sei er selbst überrascht gewesen, so Guthier: "Wir werden dieses Jahr schöne, fruchtige Weißweine bekommen." Von der Trockenheit seien im Bereich seiner Genossenschaft höchstens zehn Prozent der Anlagen betroffen. An ein paar Stellen gab es zuletzt etwas Hitzestress. Für Guthier aber kein Grund zur Klage: "In 14 Tagen sind wir durch." Müller-Thurgau und Silvaner sind im Keller, gestern war letzter Lesetag des Grauburgunders. Spätburgunder und Riesling bekommen noch Zeit. Cabernet Sauvignon und Merlot sind bei den Hessen zum Schluss dran. Am Ende rechnet Guthier mit rund 30 Prozent mehr Ertrag: "Aber da will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen." Fest steht jedoch auch für ihn: "Diesen Herbst hat so keiner erwartet."

Das gilt auch für Harald Weiss, den Geschäftsführer der Schriesheimer Winzergenossenschaft: "Schon im April gab es ja einen Riesen-Hype um diesen Jahrgang. Ich war da immer vorsichtiger und hatte etwas Bauchweh, dass nach dem langen Sommer irgendwann der Regen kommt. Und im schlimmsten Fall genau in der Lese." Seine Befürchtungen waren - bis jetzt - unbegründet: "Die Qualitäten sind schon bombastisch. Die Öchslegrade schießen nach oben. Und die Lese ist viel einfacher, wenn die Trauben so gesund sind." In Sachen Quantität erwartet er einen der größten Herbste der vergangenen Jahre: "Aber es ist ja überall gut."

Daher erwartet das Statistische Bundesamt in Wiesbaden für ganz Deutschland eine deutlich größere Ernte als üblich. Die Menge werde nach ersten Schätzungen voraussichtlich bei 9,75 Millionen Hektolitern liegen. Das ist rund eine Million mehr als im Mittel der Jahre 2012 bis 2017. Im Vergleich zum Vorjahr beträgt das Plus sogar voraussichtlich über zwei Millionen Hektoliter. Lohn der Mühen.

"Vom Austrieb bis zur Blüte ging es dieses Jahr im Galopp", so Weiss. Die Winzer hätten ihre Laub-Arbeit in den Weinbergen flott erledigen müssen. Gas geben wollen die Schriesheimer Genossenschaftswinzer auch in den nächsten Tagen. Der Silvaner soll noch diese Woche eingeholt werden: "Auch beim Riesling wollen wir Fahrt aufnehmen", so Weiss. Der Endspurt für einen großen Jahrgang beginnt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung