17.10.2018

Frederick-Tag in Schriesheim: Eine Kindheit ohne Schuhe und Schule

Autor Salim Alafenisch, Sohn eines Beduinenscheichs, erzählte am Kurpfalz-Gymnasium spannende Wüstengeschichten

Von Nicoline Pilz

Schriesheim. Salim Alafenisch ist ein lebhafter Mann, einer, der gestikuliert und vor allem einer, der mit seinen Erzählungen Bilder in die Köpfe seiner Zuhörer zaubert. Seinen fantastischen Geschichten lauschten am Montagvormittag die siebten Klassen am Kurpfalz-Gymnasium in zwei Runden - hellwach, interessiert und im Prinzip mucksmäuschenstill, abgesehen von den schulalltäglichen Störungen in einer Aula.

Der 70-jährige Autor, 1948 in der Negev-Wüste als Sohn eines Beduinenscheichs geboren, nahm es gelassen. Alafenisch, zumeist auf Deutsch schreibender palästinensischer Schriftsteller mit israelischer Staatsbürgerschaft, strahlte ohnehin eine Ruhe aus, die irgendwie ansteckend wirkte. Vielleicht lag es daran, dass er als jüngstes von elf Kindern im Zelt mit einem Dach aus Ziegenhaar wie alle Geschwister vor ihm an der mittleren Zeltstange geboren wurde. Die Zeltstange, so erfuhren seine Zuhörer am Montag, dem bundesweiten "Frederick-Tag", stehe für die stabile Mitte. Gab es Komplikationen bei der Geburt, feuerten die Frauen die Zeltstange an.

Ohne Schuhe und ohne Schule, dafür mit einer Frisur, wie sie heute als "Undercut" wieder modern geworden ist, lebte der Junge ein glückliches Leben, indem er zunächst die Kamele des Vaters hütete. Als immer mehr Briefe aus der Stadt kamen, die keiner lesen konnte, errichteten die Nomaden eine kleine Schule. Mit 19 zog Salim ins 250 Kilometer entfernte Nazareth, machte dort Abitur, ging für ein Jahr nach London, bekam dort keinen Studienplatz für Jura und verlegte seinen Lebensmittelpunkt nach Heidelberg, wo er Soziologie, Ethnologie und Psychologie studierte, eine deutsche Frau heiratete und zwei Töchter bekam. Und schließlich vor 30 Jahren begann, die Wüstengeschichten seiner Kindheit aufzuschreiben, auch weil viele Sitten und Gebräuche seiner Heimat im Angesicht moderner Zeiten zu vergessen drohten.

Ob er denn gerne im Hier und Jetzt lebe, wollten die Schüler wissen. "Ja", nickte Alafenisch. Er finde, er habe einen großen und bunten Blumenstrauß in Händen, sei in Heidelberg stark verwurzelt und fasziniert von der Schweiz. Er erzählte aber auch von Feuerproben, denen sich Beschuldigte einer Straftat stellen mussten - wie sein Bruder, der damit den Vorwurf ausräumen konnte, die Familie habe etwas mit einem Mordfall in der Nachbarschaft zu tun. Dabei muss der zur Ehrenrettung Angetretene mit seiner Zunge dreimal an einer glühenden Kohlenpfanne lecken. Bleibt die Zunge heil, was beim Bruder der Fall war, ist die Unschuld erwiesen. "Die Araber glauben, dass die Zunge mit dem Herzen verbunden ist", sagte Alafenisch.

Es war ein spannender Morgen, an dem die Schüler erfuhren, wie Bilder im Kopf entstehen und wie man von Geschichten zehren kann. Insofern passte diese Lesung ins Konzept des "Frederick-Tages", an dem Kinder erfahren, wieso Bücher toll sind. "Weil sie unserer Fantasie großen Spielraum lassen", stellte Demet Üstünel-Hartbauer fest. Die Deutsch-Fachschaftsleiterin hatte die Autorenlesung mit dem Heidelberger Autoren initiiert und war selbst begeistert.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung