09.11.2018

Tagesthema Pogromnacht 1938: So viel Geschichte steckt in Schriesheims ehemaliger Synagoge

Markus Enzinger zog 2010 unwissentlich ein - Heute setzt er sich für Erinnerung an jüdisches Leben ein

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Als Markus Enzinger sein künftiges Zuhause entdeckte, hatte er keine Ahnung, welche Geschichte sich in dem Gebäude verbarg. "In der Anzeige stand etwas von einem ehemaligen Pfarrhaus", erinnert sich der 48-Jährige. "In der Lutherischen Kirchgasse hat das auch Sinn ergeben." Beim Einzug dann die Überraschung: An der Wand prangte eine Gedächtnis-Plakette der Stadt, bei Enzingers neuen Wohnort in der Altstadt handelte es sich um die ehemalige Synagoge einer einst blühenden jüdischen Gemeinde.

Etwa acht Jahre später, am Donnerstagabend, steht Enzinger im Dunkeln vor dem Fachwerkhaus, das einst als jüdisches Gemeindehaus diente. "Ich wollte mal schauen, wie das Licht für Freitagabend ist", sagt der gebürtige Münchner mit Blick auf die Beleuchtung. Denn am Freitagabend beginnt im Hof vor seinem Zuhause um 19 Uhr die Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht vor 80 Jahren.

Wo Enzinger heute wohnt und in seiner Praxis als systemischer Berater aktiv ist, zerstörten am 10. November 1938 junge Männer die gesamte Inneneinrichtung und legten Stroh und Holz bereit, um das Gebäude niederzubrennen. Bürgermeister Fritz Urban verhinderte dies nur, weil er Angst hatte, dass auch die umliegenden Häuser in der dicht bebauten Innenstadt Feuer fangen könnten.

Diese Geschichte nahm Enzinger zum Anlass, sich intensiver mit dem jüdischen Leben in seiner neuen Heimat zu beschäftigen. Bei einem Vortrag im Historischen Rathaus lernte er Theologie-Professor Joachim Maier kennen, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema auseinandersetzt. "Wir haben uns in den Schriesheimer Jahrbüchern schnell eingelesen, meine Frau hat auch eine Mappe mit Zeitungsartikeln zusammengestellt", sagt Enzinger. "Wenn man merkt, welche Geschichte in diesem Haus steckt, will man auch mehr darüber wissen."

Doch dabei beließ er es nicht: Kamen einzelne Besucher oder Schulklassen zu der ehemaligen Synagoge, sprach Enzinger mit ihnen - im Zweifelsfall auch über die Hofmauer hinweg. "Ich bin nicht der Eigentümer des Gebäudes, sonst würde ich Besucher auch in den Hof einladen." Besondere Gäste lud er am 5. Juli dieses Jahres aber doch in den Garten seiner Wohnung ein: Lora Tobias, geborene Lore Sussmann, kam anlässlich der Verlegung ihres eigenen "Stolpersteins" mit Angehörigen und Nachfahren der Familie Marx in die Weinstadt. Sie war das letzte in Schriesheim geborene jüdische Kind und musste 1938 in die USA fliehen.

Der Flyer für die Gedenkveranstaltung am Freitagabend zeigt Sussmann als Mädchen vor der Synagoge. "Dieses Bild hat seit ihrem Besuch eine ganz andere Bedeutung für mich", sagt Enzinger. "Als wir sie zu Gast hatten, kamen auch einige Schriesheimer dazu, die sie noch von damals kannten. Es ist schön, dass dieser Ort etwas Verbindendes haben kann."

Enzinger wird beim Gedenken an die Reichspogromnacht selbst einige Gedanken vortragen. "Das war mir wichtig", sagt er. Für ihn habe Gedenken nichts mit irgendeiner Kollektivschuld zu tun. "Aber wir haben alle eine gemeinsame Verantwortung." Mit Menschen ins Gespräch über die Geschichte seines Zuhauses zu kommen sei eine leichte und angenehme Weise, dieser gerecht zu werden.

Zehn Jahre lang hatte der gelernte Holzbau-Ingenieur in Italien keinen direkten Bezug zu jüdischer Geschichte gehabt. In Schriesheim änderte sich das: "Mit dem Einzug hatte ich einen unmittelbaren Berührungspunkt." Seit mehreren Jahren engagiert sich Enzinger, inzwischen Geschäftsführer der Katholischen Sozialstation in Weinheim, um die Erinnerungskultur in Schriesheim weiter zu stärken.

"Das hat sich in den vergangenen Jahren schon verändert", sagt er. "Es ist bemerkenswert, was hier diesbezüglich auf die Beine gestellt wird." Enzinger, bekennender Fan des Grundgesetzes ("Ich find’s einfach saucool"), tut dies auch vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen. Bei der Veranstaltung "Kirche hellwach" kritisierte er die Äußerung von AfD-Vorsitzendem Alexander Gauland, die Nazis seien nur ein "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte. Denn: "Auch die Reichspogromnacht ist nicht plötzlich über Deutschland hereingebrochen", sagt Enzinger. "Das war ein schleichender Prozess der Relativierung."

Info: Gedenken anlässlich 80 Jahren Reichspogromnacht am Freitag, 9. November, 19 Uhr, beginnend im Hof der ehemaligen Synagoge, Lutherische Kirchgasse 12.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

11. Schriesheimer Weihnachtsdorf

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