26.01.2019

NS-Opfer in Schriesheim: Die Gaskammer war als Duschraum getarnt

Margarethe Hauser fiel dem "Euthanasie-Programm" zum Opfer - Öffentliches Gedenken am Samstag

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Als die Stadt Schriesheim im Postkartenformat über den Tod von Margarethe Hauser informiert wurde, stimmte auf der offiziellen Mitteilung außer dem Namen und Geburtsdatum fast nichts. Die 41 Jahre alte Schriesheimerin war nicht am 29. Oktober 1940 in Hartheim bei Linz (Oberösterreich) gestorben, sondern bereits zwei Wochen zuvor in einem Schuppen in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb ermordet worden.

Hauser litt seit einigen Jahren an Depressionen, ihr Leben war damit nach Ansicht der Initiatoren der "Aktion T4" nicht mehr lebenswert. "Aktion Gnadentod" nannten die Nationalsozialisten die Ermordung von mehr als 100.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen zwischen 1940 und 1945, die zur "arischen Rassenhygiene" beitragen sollte. Nicht nur Margarethe Hauser fiel dieser Aktion zum Opfer: Auch ihr Sohn Wilhelm, der an einer geistigen Behinderung litt, wurde in Grafeneck ermordet - knapp einen Monat vor seiner Mutter, im Alter von gerade einmal sechs Jahren.

Kinder waren die ersten Opfer des als "Euthanasie" bekannt gewordenen Massenmords der Nationalsozialisten. 2019 jährt sich der durch ein Schreiben Adolf Hitlers offiziell datierte Beginn der Aktion zum 80. Mal. Theologie-Professor Joachim Maier will deshalb zum öffentlichen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am heutigen Samstag, 11 Uhr, die Schicksale von Schriesheimer Opfern der NS-Euthanasie vorstellen. Margarethe Hauser ist eine von ihnen.

Sie wurde am 28. Januar 1899 als Margarethe Weber in Schriesheim geboren, ihr Vater, Georg Weber, war Schuhmacher. Im Alter von 26 Jahren heiratete sie Jakob Abraham Hauser, der hauptsächlich als Landwirt arbeitete, sich aber immer wieder in anderen Berufsfeldern ein Zubrot verdiente, zum Beispiel im Steinbruch, als Wald- oder als Bahnarbeiter. Das Paar hatte drei Kinder: die beiden Töchter Elsa Elisabetha und Katharina sowie Sohn Wilhelm, der 1934 zur Welt kam.

Zwei Jahre später folgte der erste Bruch in der Familie: Margarethe Hauser wurde wegen einer Depression in die Psychiatrische Klinik Heidelberg eingewiesen und anschließend in der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch untergebracht. Wegen der Räumung einiger Häuser der Anstalt wurde sie im Februar 1940 nach Weinheim verlegt. Die Ehe mit Jakob war bereits 1939 geschieden worden, und Sohn Wilhelm war bereits seit Januar 1938 in der Pflegeanstalt Mosbach untergebracht.

Doch mit dem Start der Aktion T4, benannt nach dem Ort der zentralen Verwaltung in der Tiergartenstraße 4 in Berlin, dauerte es nicht lange, bis Mutter und Sohn unabhängig voneinander mit Bussen in Weinheim und Mosbach abgeholt und nach Grafeneck "verlegt" wurden. Auch das war eine Lüge der Nationalsozialisten: In dem ehemaligen Schloss auf der Schwäbischen Alb gab es überhaupt keine Möglichkeit, die Patienten unterzubringen. Stattdessen wurden sie noch am Tag ihrer Ankunft in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet.

Die gefälschte Benachrichtigung der Angehörigen übernahm das Sonderstandesamt Hartheim, das in der dortigen Tötungsanstalt untergebracht war. Besonders häufig wurde dort "Lungentuberkulose" als angebliche Todesursache genannt, weil Opfer dieser ansteckenden Krankheit sofort verbrannt werden mussten. Die wahre Todesursache blieb den Angehörigen verborgen.

Am 25. Juni 2013 verlegte Künstler Gunter Demnig zwei Stolpersteine für Margarethe und Wilhelm Hauser vor ihrem letzten Schriesheimer Zuhause in der Entengasse 11. Elftklässler des Kurpfalz-Gymnasiums trugen dabei weiße Masken als Sinnbild für ungeklärte Schicksale der Opfer des Euthanasie-Programms. Es sei ein Teil der Geschichte, "dem wir uns stellen müssen", sagte Bürgermeister Hansjörg Höfer.

Am heutigen Samstag soll dies bei der öffentlichen Gedenkveranstaltung fortgesetzt werden. Zu Beginn werden die Glocken der evangelischen und der katholischen Kirche eine Minute lang läuten.

Info: Öffentliches Gedenken anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus, am Samstag um 11 Uhr an der Kriegsopfergedenkstätte in der Bismarckstraße.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung