28.01.2019

KSV-Vorsitzender über die Mauer, Schulden und verrückte Ideen

Herbert Graf ist 100 Tage im Amt - RNZ-Interview über aktuelle Brennpunkte

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Eine Herkulesaufgabe übernahm Herbert Graf, als er am 12. Oktober 2018 zum neuen Vorsitzenden des Kraftsportvereins (KSV) gewählt wurde. Im Gespräch mit der RNZ zieht er nach Erreichen der 100-Tage-Marke eine erste Bilanz.

Herr Graf, unter Ihrem Vorgänger wurde die Mauer zwischen KSV- und Mehrzweckhalle gebaut, jetzt wird sie wieder eingerissen. Was machen Sie besser?
Gar nichts. Man muss einfach mit den Leuten reden. Das habe ich Kollegen von anderen Vereinen gesagt, die ich am Mittwoch getroffen habe. Diesen harten Ton gegenüber der Stadt, der in den letzten Jahren angeschlagen wurde, finde ich nicht okay. Ich werde das anders machen. Aber es gab für den Mauerbau auch keinen triftigen Grund außer des vorauseilenden Gehorsams der Stadt.

Gespräche mit der Stadt gab es auch, bevor Sie Vorsitzender wurden. Hilft ein direkter Draht zum Bürgermeister?
Das glaube ich nicht. Es geht darum, wie man miteinander umgeht. Und wenn man da zum Teil fast beleidigend wird, kann ich verstehen, dass manche Leute auf stur schalten. Wenn die Fronten verhärtet sind, ist es schwierig, das wieder auf die Reihe zu bekommen. Ich habe natürlich den Vorteil, dass ich neu angefangen habe. Aber man sollte nicht nur Dreck schmeißen, sondern zusammen eine Lösung finden.

Glauben Sie denn, dass die Mauer bald wirklich Geschichte ist?
Eine schwierige Frage. Aber ich glaube, dass sie mittelfristig Geschichte sein wird.

Wie würden Sie Ihre ersten 100 Tage als KSV-Vorsitzender übertiteln?
Spaß, aber auch viel Arbeit. Jeder Tag ist anders, als Vorruheständler habe ich zum Glück die Zeit dafür. Ich sehe erste Erfolge im Umgang miteinander und dass man zwischen den Abteilungen wieder näher zusammenrückt. Aber auch ganz viele Aufgaben, die ich erfüllen will. Zum Glück habe ich mit Dieter Philipp einen tollen Zweiten Vorsitzenden an meiner Seite.

Sie haben sich die Gewinnung von jungen Mitgliedern als Ziel gesetzt und den Weg für eine Theatergruppe freigemacht. Haben Sie darauf auch negative Reaktionen bekommen?
Nein, nur positive. Der Vorstand hat sich einstimmig dafür entschieden. Und bisher kam auch nichts Negatives von den Mitgliedern.

Was folgt in dieser Richtung noch?
Wir sind im Moment am Überlegen bezüglich neuer Angebote, und da sind auch einige verrückte Ideen dabei. Aber nach drei Monaten da schon viel bewegen zu wollen, ist zu kurzfristig gedacht. Ende 2019 kann ich Ihnen hoffentlich mehr sagen. Wenn es Anfang 2020 wird, kann ich damit auch leben.

Das andere kulturelle Angebot, der Fanfarenzug, kämpft seit Jahren ums Überleben. Hat sich das geändert?
Nein. Die Abteilung des Fanfarenzugs gibt es aus meiner Sicht faktisch nicht mehr, was ich sehr bedaure. Aber ich glaube nicht, dass es im Moment möglich ist, daran etwas zu ändern.

Welches Gefühl haben Sie, wenn Sie die finanzielle Situation ihres Vereins anschauen?
Da hat sich nichts verändert: Wir werden den Sparkurs, den mein Vorgänger, Sven Witteler, eingeschlagen hat, weiter verfolgen. Unsere Halle verursacht hohe Fixkosten, ebenso die Gehälter und Löhne für Übungsleiter und Trainer. Dieser Sparkurs ist eine der schwierigsten Aufgaben der kommenden Jahre.

Lähmen diese Schulden den Vorstand?
Gar nicht, mich motiviert das. In acht bis neun Jahren wollen wir die Schulden getilgt haben, aber ich suche nach Wegen, das schneller zu schaffen.

Müssen sich die Mitglieder des Fitnessstudios auf Preiserhöhungen einstellen?
Nein. Ich habe mal gesagt, ich möchte ein Vorsitzender sein, unter dem es keine Beitragserhöhungen gibt. Versprechen kann ich es nicht, aber ich werde es versuchen.

Ein finanzielles Risiko wäre auch der Aufstieg der Ringer in die Bundesliga. Könnte das bald möglich werden?
Das hatte sich zuletzt erledigt, weil wir die Kämpfe am Saisonende verletzungsbedingt nicht gewonnen haben. Aber mit einem Aufstieg hätte ich mich schwergetan, das gebe ich zu. Meine Skepsis hat nicht nur finanzielle Gründe, denn die Abteilung Ringen finanziert sich durch Werbeeinnahmen und Sponsoren.

Welchen Wunsch würden Sie sich 2019 gern erfüllen lassen?
Dass es nicht mehr durch unser Hallendach regnet. Das bereitet mit schlaflose Nächte, auch wenn sich unser Mitglied Thomas Rath ehrenamtlich darum kümmert. Eine Komplettsanierung könnten wir uns nicht leisten. Ich wünsche mir auch, dass wir Mitglieder gewinnen und sich mehr Menschen ehrenamtlich engagieren.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung