04.03.2019

Einen wie Anton Geiß würde die Demokratie heute brauchen

An seinem Grab und im Zehntkeller gedachte die Stadt am Sonntag des Sozialdemokraten und ersten badischen Staatspräsidenten

Von Stefan Kern

Schriesheim. Es war eine beachtliche und prominent besetzte Gruppe, die sich gestern am Grab der Eheleute Anton und Karolina Geiß versammelte. Für Bürgermeister Hansjörg Höfer ein Zeichen der Wertschätzung. Immerhin stand der Sozialdemokrat und erste badische Staatspräsident Anton Geiß in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wie kaum ein anderer Pate für die junge Demokratie.

Sein Credo sei die Suche nach einem Konsens gewesen, sagte der SPD-Ortsvorsitzende Axel Breinlinger - und zwar von ganz links bis in den Palast des Großherzogs hinein. Der Name Anton Geiß ist weitgehend vergessen, obwohl er einer der entscheidenden Figuren auf dem Weg zur Demokratie war. "Ein Unding, das geändert gehört", sagte Breinlinger über den Mann, der am Sonntag vor genau 75 Jahren in Schriesheim verstarb.

In Zeiten, in denen die Suche nach gemeinsamen Nennern und Kompromissen zunehmend als Schwäche in Verruf gerieten, sei die Erinnerung an Geiß Balsam für die Demokratie. Mit ein entscheidender Grund dafür, weshalb die Weinstadt am Sonntag im Beisein der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer sowie den Historikern Professor Bernd Braun und Martin Furtwängler des Sozialdemokraten am Grab und anschließend im Zehntkeller gedachten. Wobei es Furtwängler ganz in Geiß’ Sinn weniger um den Mann als um die Sache ging. Geiß, so zitierte der Historiker mit Marianne Weber eine der ersten Frauen im badischen Parlament, sei frei von Eitelkeiten oder Machtgier gewesen. "Er kannte sein Maß und blieb, wer er war."

Ministerin Bauer, die nach dem musikalischen Auftakt mit Schülern der Musikschule Schriesheim im Zehntkeller die erste Rede hielt, hob die Bedeutung der Erinnerungskultur hervor. Für die Grünen-Politikerin entsteht ein tragendes Fundament der Gesellschaft im Erinnern an Vergangenes. Nicht aus Gründen der Nostalgie oder Romantisierung, sondern um zu lernen. Es sei eine Art, gesellschaftliche Selbstvergewisserung mit dem Ziel die Demokratie zu stärken und den Frieden zu sichern.

Geiß habe in unruhigen Zeiten Mut bewiesen, in dem er auf andere zugegangen sei und Kompromisse suchte. Auf dieses Weise habe er auch politisch Andersdenkende mitgenommen. Seine Überzeugung, dass nur der Kompromiss Frieden und Freiheit sichere, gelte auch heute noch und sollte in jeder Demokratie richtungsweisend sein.

Die Tragweite dieser Epochenwende in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, weg von der Monarchie und hin zur Demokratie, wurde für Furtwängler an der Person Geiß überdeutlich. Der Weg vom Hirtenjungen aus dem bayerischen Allgäu über den Schreiner und Gastwirt in Ludwigshafen und Mannheim bis zum ersten Staatspräsidenten Badens in Karlsruhe sei faszinierend und würde die revolutionären Umwälzungen in Deutschland geradezu grell offenbaren.

Dabei war Geiß für den Historiker ein Glücksfall der Geschichte. Dass die badische Revolution 1918/1919 ohne jedes Blutvergießen blieb, sei diesem umsichtig agierenden Politiker zu verdanken. Das sah auch Bernd Braun so. Geiß habe Bürgernähe mit einer zutiefst humanistischen Gesinnung verbunden. Die grundlegende Aufgabe eines Politikers sei in dessen Augen die Herstellung von Vertrauen gewesen. Dafür müssten Politiker nah bei den Menschen sein, ihnen zuhören und ihr Tun erklären. Das gefährlichste Gift für die Demokratie sei Misstrauen.

Daher habe Geiß im Umgang mit den in Teilen weit auseinander stehenden gesellschaftlichen Kräften Entspannungspolitik betrieben, bevor es das Wort überhaupt gab, so Braun. Mit ihm, betonte Höfer, ehre man nicht nur einen verdienten Demokraten, sondern die Demokratie selbst.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung