07.03.2019

Mathaisemarkt 2019: Dieses Wahrzeichen kann man singen

Beim Festzug des Mathaisemarkts kommt man um das „Schriesemer Lied“ nicht herum

Von Nicoline Pilz

Schriesheim. Drei Tage lang suchte Altbürgermeister Peter Riehl nach der einen Schallplattenaufnahme vom 22. Januar 1978, als alle vier Schriesheimer Gesangvereine - aus der Kernstadt und Altenbach - das "Schriesemer Lied" als einstimmige Männerchorfassung unter der Leitung von Musikdirektor Gerhard Wind einsangen.

Riehl bringt zum Pressegespräch die "kleine" Schallplatte des Labels "Kristina" mit; es gibt noch eine große Doppel-LP unter dem Titel "Musikalische Grüße aus Schriesheim" vom Tonstudio Walldorf. "Viele alte Schriesheimer sind da auf dem Bild", sagt Riehl und deutet auf die schwarz-weiß Fotografie des Plattencovers. Sein Vater Theodor ist darunter, der "Hausers Schorsch" oder auch Kurt Arras. Ob es einen besonderen Anlass für diese Aufnahme gab? Der Ehrenbürger der Stadt schüttelt den Kopf. "Das weiß ich nicht mehr", meint er.

Er sei aber immer bemüht gewesen, "so Schriesemer Sachen" zu dokumentieren. Und dabei auch junge Leute zu unterstützen. Wie Frank Fleschenberg. Der Endzwanziger habe zu dieser Zeit in Schriesheim gewohnt und wollte in die Unterhaltungsbranche einsteigen. Das ist dem heute weltbekannten Unternehmer und Präsidenten des "Eagles Charity Golf Club" fraglos gelungen. Fleschenberg hat mit seinen Golfturnieren - auch dank tatkräftiger Unterstützung zahlreicher Prominenter - rund 35 Millionen Euro für den guten Zweck eingespielt. "So Leute habe ich gesucht, denn von ihnen haben wir immer wieder profitiert", sagt Riehl. Fleschenberg habe die Aufnahme umsonst produziert, nicht aber vergebens. Riehl dazu: "Ich habe ihm gesagt, die Einnahmen daraus kann er behalten."

Auf der B-Seite singt der langjährige Bürgermeister übrigens solo das "Schriesheimer Weinlied", nach der Musik von Toni Hämmerle und dem Text von Georg Hauser. "Ich war von Anfang an im Liederkranz und im Quartett der Lyra und habe immer viel Spaß gehabt", erzählt er. Als zweiter Bass habe er auch noch ein, zwei Jahre nach Amtsantritt 1974 weitergesungen.

Doch der Altbürgermeister muss passen, wenn es um die Frage geht, woher das "Schriesemer Lied" eigentlich stammt, wer es wann und warum geschrieben hat. Dabei ist die Stadthymne ja das Identifikationssymbol schlechthin, ein Lied, das nicht nur auf dem Mathaisemarkt, sondern auch bei zahlreichen anderen Vereinsfesten oder in fröhlicher Runde zum Besten gegeben wird. Wie beim Stammtisch in der Weinstube Hauser, dem auch Riehl angehört und wo Dieter Lebherz gerne zum Akkordeon greift und "Freund, ich bin vun Schriese …" und somit die erste Strophe des musikalischen Wahrzeichens der Stadt anstimmt. Um dieses wird man auch beim Festzug nicht herumkommen. Schließlich lautet das Motto "Unserååns in Schriese". Und für "Unserååns" ist das Lied quasi ein Teil der heimatlichen Identität.

Allerdings: Der Autor des ursprünglichen "Schriesheimer Liedls" war gar nicht von hier, sondern aus Mannheim. August Göller war eine herausragende Lehrerpersönlichkeit, Lyriker und Komponist. Offenbar ging der gebürtige Rettigheimer auch fleißig wandern und kehrte dabei gerne in Schriesheim, vermutlich im "Adler", ein. Dessen Wirt bat Göller darum, ein Lied für die Schriesheimer zu schreiben, was der damals wohl bereits pensionierte Göller auch tat. Wann das "Liedl" entstand, ist etwas unklar. Wahrscheinlich Anfang der 1920er Jahre - ein Liedblatt des Verkehrsvereins datiert aus dem Jahr 1926 und ist die einzige bis jetzt bekannte Quelle zum ursprünglichen Text und der damals gesungenen Melodie.

Stadtarchivar Dirk Hecht verweist im Zusammenhang mit dem "Schriesemer Lied" auf das Schriesheimer Jahrbuch aus 2002. Darin hat Hans Rectanus einen bemerkenswert akribisch recherchierten Aufsatz über das "Schriesheimer Lied" und seine Veränderungen über die Zeit verfasst. So hat sich nicht nur die erste, ursprüngliche Strophe Göllers nach einem alten Postkartenmotiv von 1910 nicht durchsetzen können. Auch eher ungebräuchliche Wörter wie beispielsweise "selbanner" wurden über die Jahre verändert. Daraus wurde "Sylvaner" ("und mer trinkt Sylvaner kreizfidel sich zu …"), der 1930 bei der Gründung der Winzergenossenschaft noch 60 Prozent der Gesamtanbaufläche ausmachte.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung