12.03.2019

Mathaisemarkt 2019: So verlief der Auftritt von Kultusministerin Susanne Eisenmann

Mathaisemarkt 2019: So verlief der Auftritt von Kultusministerin Susanne Eisenmann

Im BDS-Zelt einen guten Eindruck hinterlassen - Im Festzelt hatte sie als Rednerin ihre Schwierigkeiten - Händeschütteln vor höheren Aufgaben?

"Ich schaffe jede Statistik ab, wo wir nicht wissen, wozu wir sie brauchen", versprach Eisenmann eine Entbürokratisierung der Schulen. Foto: Peter Dorn

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Die Überraschung stand Alice Müller ins Gesicht geschrieben, als sie auf einmal die Kultusministerin des Landes Baden-Württemberg anlächelte und ihr die Hand schüttelte. Susanne Eisenmann schaute gerade am Stand der Mannheimer Tankschutz-Firma Zimmermann vorbei, Müller nach ihrem kleinen Sohn. "Ich arbeite gar nicht hier", sagte die junge Mutter und lachte. Die Festrednerin der BDS-Mittelstandskundgebung lachte ebenfalls und zog weiter - samt einer Ausgabe des Buchs "Mannemer Humor" als Geschenk der Firma.

In den 30 Minuten zwischen der Pressekonferenz in den Gaststuben "Hauser" und dem Beginn der Kundgebung im Festzelt nahm sich die CDU-Ministerin Zeit für ein Kurz-Quiz zum "Schriesemer" Dialekt am RNZ-Stand, eine Vorstellung beim gemeinsamen Stand des Schriesheimer Handwerks, ein Viertel Wein mit den "Montagsmädels" und Gespräche mit Ausstellern, Verkäufern und der Bibliotheksleiterin. Eisenmann lächelte, drehte am Glücksrad, wünschte viel Erfolg und schüttelte zahllose Hände - kontrolliert, aber sympathisch. Fast wirkte der Rundgang wie ein vorgezogener Wahlkampf für die 54-Jährige, die als Spitzenkandidatin ihrer Partei für die Landtagswahlen gehandelt wird.

Ambitionen auf diese Position hatte Eisenmann zuvor auf Nachfrage weder dementiert noch bestätigt. Doch ihre Blitz-Zusage als Festrednerin in Schriesheim feuerte die Spekulationen darüber weiter an. Im direkten Gespräch hinterließ sie bei ihrem ersten Auftritt in Schriesheim meist einen guten Eindruck: nahbar, sympathisch und schlagfertig. "Sie wirkt bodenständig", sagte Georg Grüber, Zimmerermeister und Stadtrat der Grünen Liste, nach der Begegnung am Handwerksstand.

Bei den "Montagsmädels" holte sich Eisenmann eine "Schuldudd" mit Zuckerwatte und Süßigkeitenkette ab, auf einige Schlucke Schriesheimer Wein wollte sie ebenfalls nicht verzichten.

Dennoch schaffte es die gebürtige Stuttgarterin pünktlich, eine Minute vor dem offiziellen Beginn, ins Festzelt, sodass der Musikverein Mühlhausen erst mit seinem Marsch einsetzte, als die ersten Fotos bereits geschossen waren. In den hinteren Reihen blieben einige Bänke auch nach Beginn der Rede leer.

Dass sie das Gespräch einer Predigt vorziehe, hatte Eisenmann der RNZ schon im Vorhinein gesagt. Im Festzelt bestätigte sich dies weitgehend. Nur vereinzelt wurde die Kultusministerin angriffslustig und wetterte gegen "linke Umverteilungsfantasien" oder warnte vor einem Schulverständnis als "Reparaturbetrieb der Gesellschaft". Stattdessen dominierten oft Worte wie "Handlungsbedarf", "veränderte Herausforderungen" oder Forderungen, "Rahmenbedingungen zu verbessern". Eine Ausdrucksweise, die zu Eisenmanns Ruf als Pragmatikerin passt, aber das Festzelt-Publikum trotz einiger gelungener Pointen und Beispiele eher leiser als lauter werden ließ.

Rolf W. Edelmann, Chef des Schriesheimer BDS-Ortsverbands, bewertete dies positiv: "Sie hat jeden hier im Saal angesprochen, auch in den hinteren Reihen waren die Besucher aufmerksam." Das fand auch Bürgermeister Hansjörg Höfer: "Es ist schwierig, als Kultusministerin in einem Weinzelt über Schulentwicklung zu sprechen. Aber die Leute haben ihr zugehört."

Edwin Keller, Vorsitzender des Gewerbevereins Tengen, wo jährlich eine weitere große Mittelstandskundgebung des BDS stattfindet, versprach Eisenmann sogar gleich, sie dem Bürgermeister als Rednerin vorzuschlagen: "Was Sie heute gesagt haben: Hut ab." Auch Realschulleiterin Petra Carse lobte die Kultusministerin: "Sie wertet die Realschule und auch die Werkrealschule wieder auf. Denn wir brauchen die beiden Schultypen." Und Landrat Stefan Dallinger bilanzierte: "Sie kann auch Festzelt."

Eisenmann selbst sagte, sie habe sich wohlgefühlt und wolle wiederkommen: "Es hat mir heute Spaß gemacht." Wenn sie sich zwischen Gespräch und Predigt entscheiden müsse, sei ihre Wahl aber unverändert klar: "Definitiv Gespräch."

HINTERGRUND
Eisenmanns Reifeprüfung

Selbstverständlich ist das alles Zufall. Ein Zufall, dass an diesem Montag auf dem Schriesheimer Mathaisemarkt erst Susanne Eisenmanns große Festzeltrede Susanne Eisenmanns große Festzeltrede und direkt danach eine "Talentshow" angekündigt werden. Ein Zufall auch, dass sie ihre Vorab-Pressekonferenz mit dem schönen Wort "Jägerstube" an der Wand in ihrem Rücken geben muss. Aber es passt doch so gut!

Susanne Eisenmann gilt als potenzielle "Jägerin", als großes politsches Talent in der Südwest-CDU. Die 44. Mittelstandskundgebung des "Bunds der Selbständigen" (BDS) könnte eine Art Bewerbungsrede sein, zumal hier seit 1970 schon zahlreiche Ministerpräsidenten (und noch mehr, die es werden wollten) ihre mal mehr, mal weniger bejubelten Auftritte haben durften.

Ob die Kultusministerin also auch noch was werden will? "Clever gemacht, aber es ist aufgefallen", weicht sie augenzwinkernd der Frage aus. "Ich bin schon was." Für alles andere gelte es, zunächst die anstehenden Kommunal- und Europawahlen zu bestehen - und danach "gemeinsam" zu einer Entscheidung zu kommen. "Zunächst allerdings parteiintern".

Gedanken hat Eisenmann sich natürlich trotzdem gemacht, wie ihre Rede vor rund 800 Gästen im Festzelt denn so laufen müsse. "Meine Mama hat immer gesagt, ich sei ein bissle a Laute", gesteht sie. Jetzt hoffe sie auf einen guten Tag und das richtige Gespür für die Atmosphäre. Fettnäpfchen will sie unbedingt meiden. "Ich werde mich weder zu Doppelnamen noch zu Toiletten äußern", verspricht sie auf Nachfrage. "Das ist durch." Sie habe keinesfalls vor, ihre Gastgeber zu blamieren.

Das Ergebnis ist dann eine sehr zielgruppenorientierte Ansprache, die Eisenmann vor gut gefüllten Festzeltreihen, vor einem wohlwollenden Publikum hält. Die Leistungsschau des Handwerks, der lokalen Unternehmen, habe sie beeindruckt, steigt Eisenmann ein. "Deshalb möchte ich mit einem Dank beginnen, einem Dank all Ihnen, die unseren Wirtschaftsstandort tagtäglich pflegen." Und sie endet nach 40 Minuten mit einem Lob: "Sie sind die Schaffer in diesem Land und nicht die Melkkühe linker Umverteilungsfantasien." So der atmosphärische Rahmen.

Inhaltlich bleibt die 54-Jährige streng im eigenen Fachgebiet. Bürokratieabbau? Verspricht sie an den Schulen im Land. "Ich schaffe jede Statistik ab, wo wir nicht wissen, wozu wir sie brauchen." Da gibt es den ersten längeren Applaus.

Gut kommt auch ihr kritischer Blick auf Abitur und Hochschulstudium an. Als sie auf Übergangsquoten aufs Gymnasium von landesweit 44 Prozent verweist, schiebt sie noch ein spöttisches "In Heidelbergs sind’s 78 Prozent - da sind sie besonders intelligent..." hinterher. Sie sei überzeugt: "Der Mensch beginnt nicht beim Abitur." Und ein Studium sei ja schön und gut: Aber Abbrecher landeten am Ende doch in der Dualen Ausbildung - warum nicht gleich damit beginnen? Den Beweis, dass der promovierte Kulturwissenschaftler besser verdiene als der Schreinermeister, habe ihr jedenfalls noch niemand erbringen können.

Ansonsten geht es um passgenaue Bildungsbiografien, Digitalisierung und die richtigen Förderansätze ("Überforderung und Unterforderung - gleichermaßen falsch"). Auch gehe Schule nicht ohne Eltern, die ihre Erzieherrolle ernst nehmen. Viele Köpfe nicken zustimmen.

War das nun die Bewerbungsrede für das Ministerpräsidentenamt, für die CDU-Spitzenkandidatur? Zumindest eine, die alle Türen offen hält. Auch wenn Eisenmann vorab im RNZ-Interview verkündet hatte, Diplomatie eigne sich eher für Stehempfänge: Sie weiß durchaus, sich auf heiklem Parkett zu bewegen.

Sie erreicht ihr Publikum, widersteht aber auch der Versuchung, schon in einen aggressiven Wahlkampfmodus zu verfallen. Die wenigen Spitzen, die sich Eisenmann erlaubt, zielen dann aber recht eindeutig auf grün-rote Bildungspolitik. Wenn auch ohne Namensnennung. SPD-Bildungsexperte Gerhard Kleinböck dürfte, in erster Reihe sitzend, innerlich gekocht haben.

Eisenmanns Schriesheimer Rede - eine bestandene Reifeprüfung. Selbst den letzten Fallstrick wittert die Schwäbin. Und schmettert inbrünstig das Badnerlied mit. (sg)

... beim Gespräch mit Schaustellern ... Foto: Dorn

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung