28.05.2019

Kommunalwahl 2019: In Schriesheim ist Grün das neue Schwarz

Kommunalwahl 2019: In Schriesheim ist Grün das neue Schwarz

Wählervereinigung baut Vorsprung auf CDU aus - Sieben Gruppen sind nun am Ratstisch vertreten

Von Frederick Mersi

Schriesheim. "Ich muss mal kurz rausgehen", sagt Robert Hasenkopf. "Die Stimmung hier ist sehr ausgelassen." 32,5 Prozent der Stimmen und damit neun Sitze im Gemeinderat hat die Grüne Liste bei der Kommunalwahl 2019 in Schriesheim geholt, ihr Rekordergebnis von 2014 damit noch einmal leicht verbessert. Entsprechend gut ist die Stimmung bei der Wahlparty im "HandWerk".

"Wir wären schon froh gewesen, wenn wir die acht Sitze gehalten hätten", sagt Vorsitzender Hasenkopf. Immerhin traten mit der stellvertretenden Bürgermeisterin Barbara Schenk-Zitsch, Heinz Waegner und Sabine Fath drei Stadträte nicht mehr an, die vor fünf Jahren noch dazu beigetragen hatten, dass die Grüne Liste vor der CDU stärkste Fraktion am Ratstisch wurde. Mit Stadträtin Fadime Tuncer kommt nun sogar die neue Stimmkönigin (6056) aus den Reihen der Grünen. Ist Grün also nun das neue Schwarz in Schriesheim?

Christiane Haase macht sich darüber keine Illusionen: "Wir haben uns gedacht, dass die Grünen stärkste Fraktion bleiben", sagt die Vorsitzende des CDU-Stadtverbands. Die Christdemokraten verlieren zwar gegenüber 2014 vier Prozentpunkte, behalten aber ihre sechs Sitze - was auch Haase selbst in den Rat verhilft. "Darüber bin ich froh, vor allem, wenn man sich die Ergebnisse bei den Wahlen am Sonntag insgesamt anschaut", sagt Haase.

Die "grüne Welle" sieht auch der scheidende Fraktionssprecher der Freien Wähler, Heinz Kimmel, als Ursache des Wahlergebnisses. Der Stimmkönig von 2014 trat dieses Jahr nicht mehr an, die Fraktion setzte auf junge Kandidaten und verlor einen Ratssitz. "Ich hätte mir gewünscht, dass wir diesen Generationenwechsel besser vollziehen", sagt Kimmel. "Ein paar junge Leute hätte ich gern im Rat gesehen." Leid tue es ihm auch um die SPD.

Denn die Sozialdemokraten verlieren ebenfalls einen Ratssitz und sind dort künftig nur noch zu viert vertreten. Fraktionssprecher Sebastian Cuny ist am Montagabend nicht mehr erreichbar, ein Erklärungsversuch kommt nur von Bürgermeister Hansjörg Höfer: "Der Bundestrend hat wohl auch vor dem Gemeinderat keinen Halt gemacht." Stadträtin Irmgard Mohr, Vorsitzende des Verkehrsvereins, wird deshalb keine weiteren fünf Jahre als Stadträtin aktiv sein.

Verstärkung bekommt FDP-Einzelstadtrat Wolfgang Renkenberger: Die Freien Demokraten holen knapp 6,1 Prozent der Stimmen und über ein Ausgleichsmandat den zweiten Sitz, den sie als Wahlziel gesetzt hatten. Mit Ulrike von Eicke wird eine der enorm aktiven Liberalen Frauen im Gemeinderat vertreten sein. Mit der Alternative für Deutschland (AfD; 3,4 Prozent) und der Bürgergemeinschaft Schriesheim (BgS; 3,3 Prozent) dürfen zwei weitere Gruppen über die Kommunalpolitik in der Weinstadt mitentscheiden. "Wir haben schon damit gerechnet", sagt AfD-Ortsverbandschef Andreas Geisenheiner - auch wenn er zugibt, dass seine Partei kaum um Stimmen geworben hat: "Unsere Möglichkeiten sind da noch begrenzt."

Deutlich aktiver war die BgS mit zahlreichen Ständen und Treffen. Für sie wird Liselore Breitenreicher am Ratstisch Platz nehmen und die Interessen derer vertreten, die ihre Meinung über eine eigens eingerichtete Online-Plattform kundtun. "Bisher haben sich noch nicht allzu viele dort registriert", gibt Initiator Stefan Bernauer zu. "Aber dass wir den ersten Schritt gemacht haben, könnte eine Sogwirkung entfalten."

Eine weitere Gewinnerin steht am Montagabend ebenfalls fest: die Demokratie. In Schriesheim steigt die Wahlbeteiligung von 58,3 auf 70,3 Prozent. "Darüber freue ich mich", sagt Bürgermeister Höfer, der sich auch bei den vielen Wahlhelfern bedankte. "Das ist eine ganz hohe Leistung."

Für fünf Schriesheimer und eine Ursenbacherin beginnt am Mittwoch, 26. Juni, eine neue Lebensphase: Dann werden sie von Bürgermeister Hansjörg Höfer als Stadträte vereidigt. Stimmkönigin unter den Neulingen ist Psychotherapeutin Claudia Kockrow: Die 53-Jährige holte für die Grüne Liste – auf Platz acht kandidierend – aus dem Stand 3190 Stimmen.

Ebenfalls neu im Gremium sind aus Schriesheim Dagmar Wenger (Grüne Liste), Christiane Haase (CDU), Ulrike von Eicke (FDP), Thomas Kröber (AfD) und Liselore Breitenreicher (BgS). In Altenbach verteidigten Christian Wolf (GL), Karl Reidinger (CDU), Hans Beckenbach (FW) und Renate Hörisch-Helligrath (SPD) ihre Sitze im Gemeinderat. Ursenbach wird künftig durch Gerlinde Edelmann (GL) vertreten.

Hoffnungen auf das Amt der stellvertretenden Bürgermeisterin darf sich Stimmkönigin Fadime Tuncer von der Grünen Liste machen: Die 49-Jährige holte 6056 Stimmen, exakt 1000 mehr als Fraktionskollege Robert Hasenkopf. Zum Vergleich: 2014 hatte Heinz Kimmel, Fraktionschef der Freien Wähler, mit 5148 Stimmen die Rangliste angeführt. „Darüber, wer das Stellvertreter-Amt übernimmt, haben wir aber überhaupt noch nicht gesprochen“, sagte Robert Hasenkopf am Montagabend. „Jetzt feiern wir erst einmal.“

Gar nicht danach zumute sein wird wohl SPD-Stadträtin Irmgard Mohr: Die Vorsitzende des Verkehrsvereins war für Marco Ginal ins Gremium nachgerückt und wird auch wegen des schwachen Abschneidens der Sozialdemokraten nicht am Ratstisch vertreten sein. Die 72-Jährige ist damit neben Philipp Jäck (CDU) die einzige aktive Stadträtin, die an der Wiederwahl scheitert.

Dennoch wird das Gremium in der kommenden Wahlperiode deutlich weiblicher: Wurden 2014 noch sieben Frauen in den Gemeinderat gewählt, sind es dieses Jahr 13 – was fast einer Verdoppelung und knapp der Hälfte aller Vertreter am Ratstisch entspricht.

Jüngere Altersgruppen sind dagegen wenig präsent: Mit 33 Jahren ist CDU-Stadträtin Lisa Hartmann die Jüngste im künftigen Gemeinderat, gefolgt von Bernd Molitor (35 Jahre, Grüne Liste) und Nadja Lamprecht (36 Jahre, Freie Wähler).

Grüne bei Kreistagswahl vorn
Die ehemalige Weinkönigin Sophie Koch (20 Jahre, CDU) und ihre Prinzessin Sofia Hartmann (19 Jahre, Freie Wähler) schafften den Sprung in den Rat nicht.

Das Gesamtergebnis der Kreistagswahl im Wahlkreis 3, der Schriesheim, Dossenheim und Hirschberg umfasst, stand am Montag noch nicht fest. In der Weinstadt überholen die Grünen (27,2 Prozent) aber erstmals die CDU (22,6 Prozent). Die SPD sackt um sechs Prozentpunkte auf 17,6 Prozent ab, die Freien Wähler kommen auf 15,6 Prozent. Die FDP verbessert sich leicht auf 6,6 Prozent, fast gleichauf mit der AfD (6,8). Dahinter folgt mit 3,8 Prozent Die Linke. Am meisten Stimmen sammelt mit großem Abstand Fadime Tuncer (Grüne; 5229), dahinter folgen Rainer Dellbrügge (SPD; 3279) und Andrea Diehl (CDU; 2527).

Ein Kommentar von Frederick Mersi
So ganz schlau wird man nicht aus dem Ergebnis der Gemeinderatswahl. Sicher profitierte die Grüne Liste vom starken Ergebnis bei der Europawahl, sicher hatten die Freien Wähler nach dem Verlust von drei altgedienten Stadträten einen schweren Stand, und definitiv litt die SPD unter ihrem schlechten Abschneiden bundesweit - so weit die Binsenweisheiten.

"Wer viel macht, bekommt eben auch viele Stimmen" fällt ebenfalls in diese Kategorie der Ursachenforschung. Der Grünen Liste half sicher ihr Engagement mit unzähligen Veranstaltungen - bei einem Pensum, das Vertreter anderer Parteien kaum leisten können. Das Gleiche mag für die Liberalen Frauen gelten. Doch ist das der Beweis für die genannte These?

Das beste Gegenbeispiel ist die AfD: Sie hat sich in der Werbung um die Gunst der Wähler auf Aufkleber auf ihren Veranstaltungsplakaten beschränkt. Ihre Kandidaten in Schriesheim waren - mit einer Ausnahme bei einer Parteikundgebung im Zehntkeller - weder in Person, noch auf Plakaten sichtbar. Trotzdem reichte es am Ende mit einer weitgehend unbekannten Rumpfliste zum erhofften Ratssitz. Frei nach dem Motto: Antreten ist alles. Für Irmgard Mohr, die sich in verschiedenen Vereinen und als SPD-Stadträtin unzählige Stunden ehrenamtlich für die Stadt engagiert hat und künftig nicht mehr am Ratstisch sitzt, muss sich das wie blanker Hohn anfühlen.

Die AfD muss - genau wie die neu gegründete Bürgergemeinschaft - nun erst einmal den Beweis antreten, dass sie den Wählern etwas bieten kann. Von Einzelstadträten sind zwar keine Wunderdinge zu erwarten. Aber Wolfgang Renkenberger von der FDP hat zuletzt beim Grundsatzbeschluss zur Sanierung des Kurpfalz-Gymnasiums gezeigt, dass eine einzelne Stimme im großen Sitzungssaal einen großen Unterschied machen kann.

Insofern bleibt das Ergebnis in Schriesheim trotz grüner Welle, Volkspartei-Krise und Generationenwechseln paradox. Denn das Abschneiden von SPD und Freien Wählern zeigt: Wer viel macht, bekommt nicht automatisch viel zurück.

Wahl zum Gemeinderat Schriesheim 2019:

Grüne Liste: 32,5 Prozent (+1,7)
CDU: 20,7 Prozent (-4)
Freie Wähler: 18,8 Prozent (-2,9)
SPD: 15,3 Prozent (-2,5)
FDP: 6,1 Prozent (+1,1)
AfD: 3,4 Prozent
BgS: 3,3 Prozent
(auf eine Nachkommastelle gerundet)

Sitze: Grüne: 9 (8), CDU: 6 (6), FW: 5 (6), SPD: 4 (5), FDP: 2 (1), AfD: 1 (-), BgS: 1 (-)
Wahlbeteiligung: 70,3 Prozent (Wahlberechtigte: 12.070, davon Wähler: 8488)

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung