26.06.2019

MGV Eintracht Schriesheim: Diesen Verein haut so schnell nichts um

MGV feiert am Samstag 120-jähriges Bestehen – Selbst im Zweiten Weltkrieg hielten Hilfsdirigenten die Proben am Laufen

Von Werner Hildebrand

Schriesheim. Die "Eintracht" feiert Jubiläum: 120 Jahre alt wird der Männergesangverein, noch länger besteht auf diesem Gebiet nur der Liederkranz in Schriesheim. Als reiner Männerchor im August 1899 gegründet, hat sich der MGV Eintracht im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. Mittlerweile gehört die Volkstanzgruppe genau so fest zum Verein wie die Laienschauspieler der Theatergruppe.

Ihre Ursprünge hat die "Eintracht" in einem "Arbeiterbildungsverein", der im Jahr 1890 von Schriesheimer Handwerkern ins Leben gerufen wurde. Die "Pflege des Gesangs" gehörte schon damals zu den Aufgaben der Mitglieder, jedoch blieb das Engagement nicht von Dauer: Der Verein musste seine Tätigkeit nur fünf Jahre nach seiner Gründung wieder einstellen.

Auf Anregung des Kaufmanns Louis Müller folgte vier Jahre später der Neuanfang: 1899 wurde ein neuer Gesangverein gegründet, mit dem Namen "Eintracht" und Leonhard Dreikluft an der Spitze, der zum Ersten Vorsitzenden gewählt wurde. Am 11. Mai 1906 erhielt der Verein seine erste Vereinsfahne, ab 1908 beteiligte sich der MGV an Sängerwettbewerben. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kamen die Vereinsaktivitäten weitgehend zum Erliegen, die meisten Sänger mussten als Soldaten an die Front.

Doch im März 1919 trafen sich die aktiven Sänger der "Eintracht" wieder, und im Jahr 1924 feierte der Verein das 25. Jubiläum. Nicht einmal zehn Jahre später wurden die Aktivitäten der Mitglieder erneut stark eingeschränkt: Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Vereine zunehmend gleichgeschaltet und auf Linie mit dem Regime gebracht. Viele Sänger hätten damals die Freude am Gesang verloren, heißt es in einer Chronik des MGV.

1939, kurz nachdem Deutschland den Zweiten Weltkrieg begonnen hatte, feierte die Eintracht noch mit einem Festkonzert das 40-jährige Bestehen. Doch in den Kriegsjahren mussten abermals viele Schriesheimer Männer an die Front, sodass nur durch die Unterstützung von Hilfsdirigenten der Verein am Leben gehalten werden konnte. Doch die "Eintracht" hielt durch - und feierte 1949 ihr 50. Jubiläum. Das erste Fest mit Gesangswettstreit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde richtungsweisend für den gesamten Sängerkreis. 124 Männer waren damals im Chor der Eintracht aktiv.

Bis heute nicht geändert hat sich dagegen der Grundsatz, dass das Spitzenpersonal dem Verein treu bleibt: Die Vorsitzenden des MGV "Eintracht" übten ihre Funktion oft über viele Jahre hinweg aus, wie auch Helmut Hölzel, der aktuell die Geschicke des Vereins lenkt. Wenn man diesen Posten übernehme, gleiche das einer Lebensaufgabe, sagte er kürzlich bei einem Pressegespräch.

Während die Vereinsführung also konstant blieb, gab es in der Vergangenheit zahlreiche Dirigentenwechsel - bis vor 19 Jahren Hans Kaspar Scharf die Leitung des Chores übernahm, ein Glücksfall für die "Eintracht", wie sich herausstellen sollte. Bis heute dirigiert Scharf neben vielen weiteren Chören in der Region auch den der "Eintracht". Partnerschaften bestehen bis heute mit dem MGV Frohsinn Nachrodt in der Nähe von Dortmund sowie dem MGV Raetia St. Ulrich und der Blaskapelle Pufels aus dem Grödnertal in Südtirol.

Die Achtziger waren für die "Eintracht" Jahre der Expansion: Mit dem Laientheater "Bergsträßer Heimatbühne" (1980), dem Knabenchor und der Volkstanzgruppe (1984) wurde der MGV um gleich drei Ensembles erweitert, die sich in den Folgejahren jedoch völlig gegensätzlich entwickelten. Der Knabenchor mit 18 Jungen unter der Leitung von Thomas Reis fand in den ersten Jahren seines Bestehens große Beachtung. Nur acht Jahre später wurde das Ensemble aufgegeben - aus Mangel an Nachwuchssängern.

Die Volkstanzgruppe, die zu Beginn aus sieben Paaren bestand, ist dagegen bis zum heutigen Tag auf vielen Veranstaltungen aktiv und feiert unter der Leitung von Jürgen Gustke nun ihr 35-Jähriges. Vor 19 Jahren kam noch eine Kinder- und Jugendabteilung dazu, die sich großer Beliebtheit erfreut. Auch die "Bergsträßer Heimatbühne" entwickelte sich prächtig und kann im kommenden Jahr ihr 40. Jubiläum feiern.

Der MGV Eintracht ist also mehr als ein Gesangverein - und gerade deswegen mit seinen aktuell 256 Mitgliedern immer noch erfolgreich. 1999, zum 100. Jubiläum, wurde der Verein vom Bundespräsidenten mit der Zelter-Plakette ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung für Amateurchöre in Deutschland.

Am Samstag, 29. Juni, wird nun gefeiert, mit einem kostenlosen Open-Air-Konzert, zahlreichen befreundeten Chören und der Volkstanzgruppe. Von 18.30 Uhr an wird der Untere Schulhof mit Chorgesang erfüllt. Das hätte sich Initiator Louis Müller 1899 wohl kaum erträumt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung