29.05.2004

"Die Jungen sollen sich die Hörner abstoßen"

RNZ-Kandidatenrunde heute mit den ältesten Kandidaten jeder Liste - Braucht die Stadt Schriesheim einen Seniorenrat?

Die RNZ-Gesprächsrunde zur Kommunalwahl mit den ältesten Senioren jeder Liste geriet zum interessanten Meinungsaustausch. Im Gespräch mit RNZ-Lokalredakteur Roland Kern (von hinten zu sehen) von links: Oswald Czaikowski (FDP), Prof. Hans-Martin Pawlowski (CDU), Frieder Schoenel (FWV), Stadtrat Karl-Heinz Schulz (SPD) und Vladimir Starowiecki (Grüne Liste), der erst vor wenigen Wochen die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen hat. Fotos: Dorn

Von Roland Kern

Schriesheim. Die RNZ-Kandidatenrunde mit den ältesten Kandidaten der Liste für die Kommunalwahl am 13. Juni war keine leichte Sache. Denn unterschiedlich waren Interessen und Ziele der Senioren. Kein Wunder, die ältesten Kandidaten bilden die am wenigsten homogene Gruppe der RNZ-Tischrunden. Stadtrat Karl-Heinz Schulz zum Beispiel ist mit 60 Jahren noch ein junger Hüpfer gegenüber Oswald Czaikowski, der mit 80 Jahren der wahre Senior aller Listen ist. Aber klar wurde RNZ-Redakteur Roland Kern im Gespräch mit den Senior-Kandidaten: sie machen sich durchaus alle Gedanken über das Leben in ihrer Stadt. Die Gesprächsrunde im Wortlaut.
In Schriesheim kandidieren in diesem Jahr so viele Jugendliche wie noch nie auf der Liste für den Gemeinderat. Empfinden das die Älteren nicht ein bisschen befremdlich, denn eigentlich sind Sie in der Gesellschaft ja in der Mehrheit?

Schoenel: Nein, das ist genau richtig. Die Jungen sollen sich die Hörner ruhig abstoßen.

Pawlowski: Es ist sehr richtig und wir sind froh darüber, dass wir so viele junge Leute haben. Ohne Jugend kann der Staat nicht existieren, er würde ausbluten. Was wir Alten zum demokratischen Funktionieren tun können, das tun wir.

Starowiecki: Frischer Wind kann nur gut tun.

Schulz: Ich sehe das ein bisschen differenzierter, vielleicht auch weil ich der einzige Stadtrat in der Runde bin. Man darf die Erfahrung eines Gremiums nicht unterschätzen. Stellen wir uns einmal vor, dass alle Jugendlichen in den Gemeinderat gewählt werden. Was da an Erfahrung verloren ginge.
"Wie bringen wir die Jungen und die Alten zusammen"

Pawlowski: Naja, dieser Wahlausgang ist ja auch eher unwahrscheinlich. Dazu sind auch die Themen zu wichtig. Schauen Sie sich unsere marode Haushaltslage an.

Schoenel: Stimmt. Da haben es Jugendliche ohne eigene Lebenserfahrung schwer.

Czaikowski: Für mich stellt sich eine andere Frage: wie bringen wir die Alten und die Jungen zusammen? Wie definieren wir Ziele, die sich für beide anzustreben lohnen? Das ist eine Herausforderung an unsere Gesellschaft. Und viele Dinge sind da auch auf kommunaler Ebene machbar, zum Beispiel Wohngemeinschaften.

Zum Thema Finanzen: braucht die Stadt zur Konsolidierung die Lebenserfahrung von älteren Menschen?

Schoenel: Unbedingt, die Jungen haben die Erfahrung noch nicht dazu. Man geht anders mit Geld um, wenn man im Berufsleben entsprechende Positionen inne hatte.

Schulz: Natürlich ist es wichtig, dass sich junge Menschen engagieren und auch in den Gemeinderat gewählt werden. Aber wir Älteren müssen aufpassen, dass auch andere Themen besetzt werden. Wir reden zum Beispiel vom Jugendpark, aber wer redet von der Talstraße und den Belästigungen, denen die Anwohner dort ausgesetzt sind?

Haben Senioren in Schriesheim keine Lobby?

Pawlowski: Bei der CDU kann man das nicht sagen. Aber wir haben auch kein Übergewicht, es geht um andere Themen.

Schulz: Aber die Realität im Wahlkampf ist eine andere, es geht doch überwiegend um Jugendthemen - auch in letzter Zeit im Gemeinderat.

Ist Schriesheim eine seniorenfreundliche Stadt?

Schoenel: Natürlich! Wir haben unseren Seniorengarten, wir haben mit Altenbach vier Altenheime. Auch ist hier die Tradition sehr stark, seine alten Angehörigen zu Hause zu pflegen.

Starowiecki: Und viele Senioren fühlen sich in den Vereinen besonders gut aufgehoben.

Pawlowski: Zum Beispiel am Stammberg, als es um die Überquerungshilfe ging, da haben sich alle Fraktionen gemeinsam mit der Stadt eingesetzt.

Schulz: In Schriesheim wird viel getan für die ältere Bevölkerung: auch die AWO kümmert sich viel um die älteren Menschen, die Kirchengemeinden leisten ihren Beitrag, das funktioniert.
Aber dennoch wollte die Stadt jetzt bei den Seniorennachmittagen Zuschüsse kürzen.

Schulz: Ja, aber das wurde vom Gemeinderat in großer Einigkeit gekippt.
Die SPD fordert im Kommunalwahlkampf einen Seniorenrat, wieso?

Schulz: Einfach zur besseren Orientierung für die Menschen. Man kann ja nicht sagen, dass zu wenig getan wird. Aber es gibt keine Vernetzung zwischen den Aktivitäten, eine Stelle, bei der es zusammenläuft. So etwas fehlt.

Czaikowski: Es bringt uns Senioren nichts, wenn wir ständig unsere eigenen Probleme vortragen. Wir müssen auf die Jugend auch zugehen. In Zeiten öffentlicher Armut und privaten Reichtums müssen die Älteren den Jüngeren auch Unterstützung anbieten.
Wie beurteilen Sie als ältere Menschen die Jugendlichen in unserer Gesellschaft?

Czaikowski: Es ist schade, dass große Gräben entstanden sind zwischen den Generationen.

Pawlowski: Mit meinen Studenten habe ich keine Probleme, das sind fleißige junge Leute. Auch wenn sie seit Ende der 90er Jahre immer schlechter ausgebildet aus der Schule kommen.
Aber in Schriesheim haben zumindest die Besucher des Jugendtreffs "Juts" keinen besonders guten Ruf bei den Älteren. Es gibt immer wieder Beschwerden.

Starowiecki: Das sind halt fröhliche junge Menschen.

Czaikowski: Ich wundere mich darüber, dass der Gemeinderat nicht einfach mal dort hingeht und mit den Jugendlichen persönlich spricht.

Schulz: Das ist nicht die Aufgabe des Gemeinderates, das müsste unsere Sozialarbeiterin leisten können. Das kann sie aber nicht, weil sie mit ihrer halben Stelle keine Zeit dazu hat. Dann bekommt sie die Anordnung, nicht ihre Arbeitszeit für eine einzelne Gruppe von Jugendlichen zu opfern. Und die Mehrheitsfraktionen im Gemeinderat behaupten dann, sie brauche nicht mehr Zeit. Das ist doch das Problem.

Pawlowski: Man beschwert sich heutzutage aber auch leicht . . .
"Die Jugendlichen wollen doch gar keinen Sozialarbeiter"

Schulz: Wir müssen natürlich die Beschwerden der Anwohner ernst nehmen, aber auch die Jugendlichen müssen wir verstehen. Die Jugendlichen brauchen einen anderen Platz als im Moment.

Pawlowski: Ich war als Minderheit in meiner Partei ja immer für eine Sozialarbeiterin, aber im Moment muss ich auch sagen: eine ganze Stelle geht schon aus finanziellen Gründen nicht.

Schulz: Die CDU sollte sich nicht hinter dem Geld verstecken, daran hat es nicht gelegen.

Schoenel: Die Jugendlichen wollen doch gar keinen Sozialarbeiter.

Pawlowski: Das ist völlig schnuppe, ob die wollen oder nicht. Sie müssen betreut werden, sonst geht etwas schief. Vor allem, wenn es ein Jugendhaus geben sollte. Da muss ein Sozialarbeiter dazu, sonst bauen wir ein Haus für Rauschgifthändler.

Schulz: Für mich steht fest: wenn die Stadt ein Jugendhaus hat, muss sie darin auch für Aufsicht sorgen.

Schoenel: Da muss ich jetzt mal eine Lanze brechen für die Jugend, die meisten sind sehr vernünftig.

Zurück zum Thema Finanzen: Was raten erfahrene Leute mit Lebenserfahrung der gebeutelten Stadt?

Pawlowski: Das ist sowieso schwierig. Die Lage der Kommunen wird nur besser, wenn die staatlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen andere werden. Bisher gehen wir ja alle davon aus, dass es irgendwann mal wieder besser wird. Nur für den Fall, dass es so bleiben könnte, hat noch keiner ein Konzept.

Schulz: In Schriesheim mussten wir ja noch nicht wirklich sparen. Es gibt schon noch Einsparmöglichkeiten.

Oder sind neue Gewerbegebiete, wie von der FDP gefordert, ein probates Mittel, um an Geld zu kommen?

Schulz: Also zur FDP. Jeder sollte selbst im Wahlkampf bedenken, was er sagt. Gerade im Moment wird der Flächennutzungsplan für die nächsten 15 Jahre fortgeschrieben. Und für Schriesheim gibt es darin kein Gewerbegebiet. Also was soll dann das Gerede? Das ist nicht realisierbar.

Czaikowski: Das ist wie mit dem Branich-Tunnel, der kommt auch nie und wird von der CDU regelmäßig alle vier Jahren zum Wahlkampf benutzt. Man muss sich überlegen, ob man das Geld nicht spart und für andere sinnvolle Dinge ausgibt.

Schulz: Nein, nur ein Tunnel kann Schriesheims Verkehrsprobleme lösen.

Czaikowski: In einer Stadt, in der so viele reiche Leute leben wie in Schriesheim, könnte man doch eine Stiftung gründen für einen Sozialarbeiter.

Es gibt einen Jugendgemeinderat, sollte nicht als Pendant ein Seniorenrat installiert werden?

Schulz: Das wäre sicherlich nicht schlecht für Menschen, die Interesse haben, sich einzubringen. Dort könnte man Ideen bündeln und an den Gemeinderat herantragen.

Starowiecki: Es ist immer gut, wenn die Betroffenen selbst ihre Meinung sagen können.

Pawlowski: Davon halte ich gar nichts. Bei der Jugend ist das etwas anderes, die muss an den Staat herangeführt werden. Aber bei den anderen Gruppen? Sie könnten haufenweise Räte aufstellen, das würde den Entscheidungsprozess hemmen. Außerdem sind wir ja alle Mitglieder in Parteien oder auf Listen: wir werden schon gefragt, wenn uns Themen betreffen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung