21.08.2019

Im Eilverfahren zum eigenen Betrieb

Im Eilverfahren zum eigenen BetriebHeute Teil eins: Michele Lagana und Luca Cassia haben sich am Tennisplatz einen Traum erfüllt.

"Sie haben sich wirklich gut eingearbeitet": Nicht nur beim Tennisclub ist man mit den neuen Pächtern am Sportzentrum zufrieden. Michele Lagana (l.) und Luca Cassia freuen sich seit der Neueröffnung jeden Abend über zahlreiche Besucher in "La Scala". Foto: Dorn

Von Nadine Rettig

Schriesheim. Auf der Terrasse vor dem Eingang sorgt ein großer Olivenbaum für mediterranes Flair, eine Tafel davor lockt mit den Spezialitäten des Tages. Schnell wird klar, dass auch nach dem Pächterwechsel eines im Clubrestaurant des Tennisclub Schriesheim gleich geblieben ist: Es lockt mit italienischer Küche.

Seit dem 7. Juli führen die beiden Sizilianer Michele Lagana und Luca Cassia die Gaststätte, die nun den Namen "La Scala" trägt. Für Lagana, der für den Service verantwortlich ist, und seinen Onkel Cassia, der in der Küche die Fäden in der Hand hält, ist es der erste Betrieb, den sie in eigener Leitung führen. Doch dass den beiden Gastronomie im Blut liegt, steht außer Frage.

Seine Eltern hätten früher ein Restaurant in der Nähe von Stuttgart betrieben, erzählt Lagana. Auch der Kontakt zu dem Clubrestaurant in Schriesheim sei über die Familie zustande gekommen. "Mein Onkel und ich hatten schon länger vor, einen Gastronomiebetrieb gemeinsam zu übernehmen, aber wir haben nie das passende Objekt gefunden", erklärt Lagana, der zuvor viele Jahre in einer Gastronomie in Wiesloch gearbeitet hatte. Ein Onkel von ihm sei jedoch der Wirt des Tennisclubs in Leimen und über ihn sei schließlich der Kontakt nach Schriesheim hergestellt worden.

Dort fühlten sich Lagana und Cassia auf Anhieb wohl und schnell wurde klar, dass hier endlich der Traum vom ersten Restaurant in eigener Leitung wahr werden sollte. "Die große Terrasse hat uns besonders gut gefallen", erinnert sich Lagana zurück und lässt den Blick über den Platz gleiten, der Raum für etwa 80 Gäste bietet.

Im Inneren der Gaststätte warten ungefähr 60 weitere Plätze auf die Besucher. Doch nicht nur die neuen Pächter waren überglücklich, nach langer Suche endlich das passende Objekt gefunden zu haben. Auch der Tennisclub selbst freute sich, einen zuverlässigen neuen Partner an seiner Seite zu haben.

"Es ist wirklich schwierig, jemanden zu finden", erklärt Ulrich Alles vom Tennisclub. Gerade in Zeiten, in denen es für Gastronomiebetriebe schwieriger ist als noch vor einigen Jahren. "Leicht war es noch nie, aber heute ist es noch schwerer. Es wird sehr viel verlangt", sagt auch Lagana. Und dennoch freut er sich auf die neuen Herausforderungen, die der selbst geleitete Betrieb mit sich bringt.

Die nötige Bestärkung bekommt er dabei von den Gästen, die seit der Eröffnung eifrig die neuen Pächter besuchen. "Bisher hatten wir jeden Abend voll, das gibt natürlich die nötige Motivation, um in der stressigen Anfangszeit durchzuhalten", ist sich Lagana sicher. Doch nicht nur die Gäste sind mit den Sizilianern zufrieden und genießen die Abende auf der Terrasse. Auch Alles freut sich über die gute Zusammenarbeit.

"Sie haben sich wirklich gut eingearbeitet", findet er nach den ersten eineinhalb Monaten. Nun gilt es für die beiden Gastronomen ihren eigenen Rhythmus zu finden und noch die letzten Veränderungen und Verschönerungen im Restaurant zu vollenden.

Auch dabei haben Lagana und Cassia bereits einen wahren Kraftakt hinter sich gebracht. Normalerweise brauche man schon etwa zwei Monate, um ein Restaurant wiederzueröffnen. Doch die engagierten Männer haben eifrig geputzt, gestrichen und dekoriert und so tatsächlich nach einem guten Monat Vorlaufzeit am 7. Juli zum letzten Spieltag der Tennissaison eröffnet. Gemeinsam mit ihren Mitarbeitern wollen sie den Besuchern nun italienisches Flair nach Schriesheim bringen.

Dazu sollen nicht nur der große Olivenbaum auf der Terrasse und der Duft nach Pizza beitragen, der den Besuchern im Inneren entgegenweht, sondern vor allem die gute Stimmung im Mitarbeiter-Team und die herzliche Art der neuen Pächter. Die wollen sie auch in den kommenden Monaten nicht verlieren.

Hintergrund: Womit Gastronomen zu kämpfen haben

Der "Franke-Dokter", das Hotel "Kaiser", das Restaurant "Sonus": Allein seit dem vergangenen Jahr hat Schriesheim drei Gastronomien verloren - bisher ersatzlos. Die Gründe sind vielfältig: die fehlgeschlagene Suche nach einem Nachfolger, ein unpassendes Konzept und abnehmende Besucherzahlen in einem ländlichen Ort.

Doch der Rückgang von Gastronomien in der Weinstadt ist Teil eines breiteren Trends: Landesweit sinkt die Zahl der Gasthäuser, besonders außerhalb der Großstädte. Aus Zahlen des Landesamts für Statistik zur Umsatzsteuer, die der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) ausgewertet hat, geht hervor, dass zwischen 2007 und 2018 insgesamt 1913 Gastronomien in Baden-Württemberg weggefallen sind. Damit hat auch die Versorgungsdichte abgenommen. Besonders dramatisch ist die Entwicklung im ländlich geprägten Neckar-Odenwald-Kreis: Dort sank die Zahl der Betriebe innerhalb von elf Jahren von 310 auf 255. Aber auch im Rhein-Neckar-Kreis geht die Zahl der Gastronomien zurück: Waren es 2007 noch 1311 Betriebe, sank deren Zahl bis 2018 auf 1216.

In einer Umfrage unter den Mitgliedern im Landesverband Baden-Württemberg machte der Dehoga vor allem "steigende Arbeitsbelastung, dürftige Erträge und ungelöste Nachfolgeprobleme" als Probleme aus. "Die Umfrage zeigt ganz klar: Wenn politisch nichts passiert, wird das Gasthaus-Sterben im Land weitergehen", wird Landesvorsitzender Fritz Engelhardt in einer Pressemitteilung zitiert.

Der Branchenverband beklagt zudem einen Mangel an Mitarbeitern und ein aus seiner Sicht zu strenges Arbeitszeitengesetz. Vor allem die Inhaber der Betriebe müssten dadurch mehr arbeiten. Durch die Einführung und Anpassung des Mindestlohns sind zudem in vielen Restaurants und Lokalen die Personalkosten gestiegen, auch die Vorgaben in Sachen Hygiene sind immer wieder verschärft worden. (fjm)

In der Serie "Wer, Was, Wirt" widmet sich die RNZ in loser Reihenfolge denjenigen in Schriesheim, die dennoch ihre eigene Gastronomie führen - manche erst seit wenigen Wochen, andere bereits seit Jahrzehnten.

Rezept: Tagliatelle mit Pfifferlingen und Garnelen zum Nachkochen für zwei Personen:

> Zutaten:
Etwa zwölf Garnelen
Sechs Kirschtomaten
Eine Handvoll Pfifferlinge
Petersilie
Knoblauchöl
Rote Zwiebeln
Ein Schuss Brandy
Vegetarische Gemüsebrühe
Ein kleiner Löffel Sahne
Wenig Butter
Salz und Pfeffer
Tagliatelle

> Zubereitung:
Die Tagliatelle abkochen. Dann die Pfifferlinge waschen und die Kirschtomaten halbieren, Petersilie und rote Zwiebeln klein schneiden und alles zusammen gemeinsam mit den Garnelen und Knoblauchöl für etwa drei Minuten anbraten. Einen Schuss Brandy dazugeben und verdampfen lassen. Das Ganze mit vegetarischer Gemüsebrühe ablöschen. Einen kleinen Schuss Sahne dazugeben, etwas Butter unterrühren und in der Pfanne schwenken. Am Ende mit Salz und Pfeffer würzen, dann mit den Tagliatelle vermischen.

Guten Appetit wünschen Michele Lagana und Luca Cassia. (nare)

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung