27.08.2019

Warum der "Goldene Hirsch" mehrere Standbeine hat

Fabian Gieser und Michael Adamietz führen seit 2017 den "Goldenen Hirsch"

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Wo es denn Frühstück gebe, fragt der Mann. "Du kannst zum Beispiel gegenüber zum Bäcker gehen oder ins Kaffeehaus", sagt Michael Adamietz. Es ist kurz nach 9 Uhr, das Metallica-Konzert in Mannheim ist noch nicht lange zu Ende, der Apartment-Gast trotzdem schon wach, das Restaurant "Goldener Hirsch" noch geschlossen. Für Betriebsleiter Adamietz und Pächter Fabian Gieser, die im Innenhof sitzen, ist es kein Problem, Gäste in solchen Fällen zur Konkurrenz zu schicken. "Die dürfen in dem Bereich gern ihr Geschäft machen", sagt Gieser. Hauptsache, dem Gast ist geholfen.

Ende 2017 haben sich Gieser, 31 Jahre alt, Sohn einer Heidelberger Gastronomen-Familie, und Adamietz, 47 Jahre alt, Schriesheimer und gelernter Allfinanzkaufmann, zusammengetan, um das Traditionsgasthaus in der Heidelberger Straße zu führen. "Das war eine Symbiose", sagt Gieser in Bezug auf die Zusammenarbeit mit seinem Betriebsleiter und die Kombination aus Gebäude und Gastronomie.

Eigentlich habe er nach der "Sudpfanne" in Heidelberg noch kein weiteres Gasthaus übernehmen wollen, sagt Gieser. "Aber ich habe mich in das Gebäude verliebt." Zum "Hirsch" gehören inzwischen nicht nur ein Restaurant und ein Veranstaltungssaal, sondern auch ein Apartmenthaus. Im Oktober soll eine Tapas-Bar im Anbau an der Heidelberger Straße folgen. "Das wird eine tolle Sache", sagt Gieser. "Wenn ich nur das Restaurant hätte machen dürfen, hätte ich abgesagt."

So steht der "Hirsch" auf mehreren Standbeinen: auf einer Gastronomie mit hauptsächlich deutscher Küche zu moderaten Preisen, einem Apartmenthaus und einer Bar. "Für reine Restaurants wird die Luft immer dünner", sagt Gieser. Gestiegene Personalkosten, höhere Auflagen und Mitarbeitermangel: Die Herausforderungen sind vielfältig. Gieser und Adamietz setzen auf ein junges Team, rekrutieren ihr Personal auch mal in der Bäckerei oder bei Gästen im Innenhof. "Es wird selbst in der Unistadt Heidelberg immer schwerer, Leute zu finden", sagt Gieser, "obwohl sich die Lohnsituation in der Gastronomie wirklich verbessert hat."

Viele junge Menschen würden durch die Aussicht auf Arbeit am Wochenende abgeschreckt, so Adamietz. "Früher habe ich einfach gesagt, du studierst, dann kannst du doch nebenher hier arbeiten. Das geht heute nicht mehr so leicht." Bisher habe man aber immer irgendwie tolle Mitarbeiter gefunden, sagt Gieser, vor allem durch persönliche Gespräche. "Die sollten auch eigentlich hier im Mittelpunkt stehen."

Der direkte Kontakt mit unterschiedlichen Menschen ist nicht nur das, was den studierten Betriebswirt an der Gastronomie reizt, sondern auch eine Eigenschaft Schriesheims, die er besonders mag. "Die Einwohner hier schätzen die Gastronomie vor Ort, man lernt unglaublich schnell viele Menschen kennen", sagt Gieser. Um dort zu arbeiten, müsse man in besonderem Maße die Fähigkeit mitbringen, mit Menschen umzugehen. "Gastronomie ist keine Angelegenheit für die Stechuhr." Gleichzeitig habe dieser direkte Kontakt auch Vorteile: "Die Leute hier wissen, dass wir auch nur Menschen sind, die Fehler machen können."

Einen großen Wunsch haben Gieser und Adamietz noch: die Heidelberger Straße als Fußgängerzone. "Als wir dort auf einem Parkplatz eine Bestuhlung eingerichtet haben, wurden wir von manchen Leuten beschimpft", sagt Adamietz. Nachdem auch die Stadtverwaltung die Genehmigung mit neuen Auflagen verbinden wollte, gaben die beiden das Vorhaben wieder auf. "Dabei könnte man die Heidelberger Straße damit neu beleben", sagt Gieser. "Der Festplatz ist zum Parken doch groß genug. Aber es wäre ja schlimm, wenn man gar keine Wünsche mehr hätte."

Hintergrund: Der "Goldene Hirsch" in der Heidelberger Straße hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Das Gebäude wurde 1682 von dem Heppenheimer Küfer Peter Kling dort gebaut, wo einst der Marstall der Strahlenberger war. Über fünf Generationen war es ein Bierlokal ohne Schildrecht, das eine Vollverköstigung der Gäste erlaubte. Das kaufte Wirt Karl Hoffmann erst 1858. Der "Hirsch" galt danach vor allem als Unterkunft für Handwerker.

20 Jahre später erwarb Jakob Rufer das Gebäude, das in dieser Ära saniert und im Inneren zur Weinstube umgebaut wurde - unter tatkräftiger Hilfe des Kraftsportvereins (KSV) Schriesheim bei den Handwerksarbeiten. Lange war der "Hirsch" die Heimat des Vereins. Peter Rufer verkaufte das Gasthaus 1938. 21 Jahre später übernahm ihn KSV-Sportsfreund Georg Schuster. Oben im Tanzsaal fanden Rundenkämpfe statt, später fand die Tanzschule Schattner hier ihr Domizil. 1969 erwarb die Winzergenossenschaft den "Hirsch", verkaufte ihn an den Unternehmer Peter Bausback, der den "Hirsch" liebevoll gestaltete. Ihm gehört das Gebäude heute noch, doch die Pächter wechselten: Der ehemalige Sterne-Koch Manfred Führer verköstigte von 1998 bis 2004 hier Gäste. Susanne Schneider, deren Mann Jürgen im "Strahlenberger Hof" Jahr um Jahr einen Michelin-Stern erkochte, führte den "Hirsch" ab April 2005 als gehobene "Weinwirtschaft". Es folgten kurze, von weniger Erfolg gesegnete Engagements von Domenic Mack und Albert Kesseler, dessen Koch Ivo Prakljacic den "Hirsch" im September 2012 übernahm und Ende 2014 wieder schloss. Von 2015 bis 2017 führte der Schriesheimer Gastronom Jürgen Opfermann das Traditionsgasthaus, bevor Ende 2017 der Heidelberger Fabian Gieser als Pächter übernahm. (cab/fjm)

Traditionelle Paella zum Nachkochen für zwei Personen:

> Zutaten:
Hähnchenfleisch
Paprika
Tomaten
Knoblauch
Venusmuscheln
Miesmuscheln
Meeresfrüchte
Garnelen
Reis
Safran
Brühe
Olivenöl
Erbsen

> Zubereitung: Die Paprika klein schneiden, ebenso die Tomaten und den Knoblauch. Alles in Olivenöl anbraten. Dann das geschnittene Hähnchenfleisch dazugeben und weiter anbraten. Jetzt kommen die Meeresfrüchte hinzu. Einmal das Ganze salzen, den Reis kurz mit anbraten und mit Brühe aufgießen. Dann den Safran dazugeben und zehn Minuten köcheln lassen. Jetzt kommen Venus- und Miesmuscheln dazu. Dann die Garnelen und Erbsen bestreuen. Einmal abschmecken und dann das Ganze 25 bis 30 Minuten köcheln lassen. Guten Appetit wünschen Fabian Gieser, Michael Adamietz und ihr spanischer Koch Manuel Martin Lopez vom Gasthaus "Zum Goldenen Hirsch". fjm

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung