07.10.2019

Kulturherbst in Schriesheim: Von Handicaps, Hilfen und Heiterkeit

Kulturherbst in Schriesheim: Von Handicaps, Hilfen und Heiterkeit

Heidelberger Beschwerdechor brachte "Circus Inclusioni" auf die Bühne - Publikum durfte eigene Inklusionsfähigkeit erproben

Immer wieder gern gesehen in Schriesheim: der Chorleiter und Komponist Bernhard Bentgens (l.). Jetzt gastierte er mit dem Heidelberger Beschwerdechor in der Mehrzweckhalle, wo das Publikum begeistert applaudierte. Foto: Dorn

Von Volker Knab

Schriesheim. Es ist eine Zirkus-Welt ganz anderer Art, in die der Heidelberger Beschwerdechor sein Publikum am Samstagabend in der Schriesheimer Mehrzweckhalle mit seinem Programm "Circus Inclusioni" entführt hat. Eine Welt, die davon handelt, wie es sich anfühlt, wenn Menschen mit Handicap unterwegs und vom Traum erfüllt sind, dem möge nicht mehr so sein: eine Welt der Inklusion, die eben keinen mehr ausschließt.

Das Ganze wird mit zum Teil brillantem Witz, sanfter Ironie und hervorragender musikalischer Begleitung erzählt, vom gesanglichen Können des Heidelberger Beschwerdechors einmal ganz abgesehen. Dank der schmalen und doch sehr kunstvollen Kostümierung der Akteure auf der Bühne findet sich der Zauber der Zirkuswelt rasch ein. Dafür sorgen nicht zuletzt die gekonnt gesetzten Lichteffekte.

Mehrzweckhalle war bis auf letzten Platz gefüllt

An diesem Abend stimmt einfach alles. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Schriesheimer Mehrzweckhalle brandet deshalb immer wieder aufs Neue frenetischer Beifall auf, während der Beschwerdechor in seinen Liedtexten zum Beispiel davon erzählt, warum es sich lohnt, den Alten zu helfen, oder wie es ist, wenn ein Mensch mit Rollator verzweifelt auf der Suche nach einem Klo ist.

Die Texte zeigen mit saftigem Witz und sanfter Ironie, was ein Leben mit Behinderung ausmacht, angefangen von eigentlich Selbstverständlichem, wenn es heißt: "Hilf mir, wenn ich es nicht kann", aber nur dann, "wenn ich es brauch’", denn nur "Mitleid hilft mir kaum". In der Welt des Circus Inclusioni setzt der Beschwerdechor anschließend diese Liedzeilen unter Mithilfe einiger Menschen ohne Handicap in eine artistische menschliche Pyramide um, die sich eben auch mit Rollatoren und in Rollstühlen sitzend bauen lässt. Es ist einfach alles nur eine Frage der Imagination.

So ist es auch später bei der "Raubtiernummer". Die wird unter Einbeziehung des Publikums bei völliger Dunkelheit - schließlich wollen unter anderem die ängstlichen Männer geschont werden - nur dramatisch erzählt. Aber da das Publikum bei den Tieren das "A" und bei "wilde Tieren" das "O" lauthals einzubringen hat, entwickelt sich rasch eine spannende Geschichte voller tonaler Elemente samt heiteren Momenten.

Unterbrochen wird das knapp zweistündige Programm von einer kurzen Pause. Da darf das Publikum bei verschiedenen Spielen, darunter einem Rollstuhlparcours oder einem Memory seine Inklusionsfähigkeit erproben. Als Hauptgewinn winkt die einmalige Chance, in den Heidelberger Beschwerdechor zu inkludieren.

Nach der Pause geht es mit viel Witz, Charme und weiteren herausragenden Nummern weiter. Dramatisch wird es bei "Vorsicht Stufe". Denn am Ende, "so ein Mist, ist die Achse gebrochen und der Rollstuhl gekippt".

Viele der Melodien zu den großartigen Texten reizen das Publikum auf ihren Sitzen zum Mitswingen. Der Reigen reicht von Steppenwolf, über Paul Simon bis hin zu Den Prinzen oder Stevie Wonder. Auch als im zweiten Block das Lied von der Blindenstockklingel ertönt: "Die macht Rabatz und wer sie hört, der macht mir Platz." Der Text stammt von Jochen Kienzler, selbst mit diesem Handicap versehen. Er steht dabei auf dem Podest, mit der Blindenstockklingel in der Hand, während hinter ihm stehend der Beschwerdechor singt. Die Texte des Heidelberger Beschwerdechors, der seinen Ursprung in einem Workshop vor fünf Jahren hatte, sind alle gemeinsam entstanden, erläutert Chorleiter Bernhard Bentgens im Pausengespräch der RNZ.

Beim Publikum in Schriesheim jedenfalls kam das Programm sehr gut an, und die Integrationsbeauftragte der Stadt Schriesheim, Karin Reichel, war sehr zufrieden mit der Resonanz auf diese Veranstaltung im Schriesheimer Kulturherbst. "Wir mussten noch zusätzliche Stühle heranschaffen", sagte sie.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung