10.10.2019

Volksbegehren: Bauern und Winzer sehen ihre Produktion infrage gestellt

Volksbegehren: Bauern und Winzer sehen ihre Produktion infrage gestelltProtest unter "Grünem Kreuz" gegen Volksbegehren - Sie seien nicht Verursacher von Artenschwund und Klimakrise

Die Vertreter mehrerer Generationen von Schriesheimer Winzer- und Bauernfamilien hörten Karl-Otto Jäck (im Vordergrund) zu. Der Arbeitskreisvorsitzende Erwerbsobstbau Heidelberg-Bergstraße erörterte, warum das Volksbegehren "Rettet die Bienen" irreführend sei. Foto: Dorn

Von Nicoline Pilz

Schriesheim. Mal angenommen, in den Supermärkten würde es keinen Wein, keine Äpfel, Kartoffeln oder andere in Schriesheim erzeugte Produkte mehr geben. Sondern nur noch Lebensmittel aus Importen, von denen man nicht weiß, wie belastet sie sind. Oder wenn die Hofläden verschwinden würden, weil sie keine wettbewerbsfähigen Produkte mehr verkaufen können.

Es ist ein Szenario, das die Landwirte fürchten, seitdem zwei Imker in Baden-Württemberg das Volksbegehren zum Artenschutz unter der Überschrift "Rettet die Bienen" gestartet haben. Es beinhaltet unter anderem ein Verbot von Pflanzenschutzmitteln in bestimmten Gebieten, auch in ökologisch bewirtschafteten.

Rund 770.000 Baden-Württemberger müssten es unterschreiben, damit sich der Landtag damit befasst. "Wenn das so kommt, wird es bei Landwirten, Winzern und Obstbauern massive Einschnitte geben und für die Betriebe existenzielle Folgen haben", sagt Matthias Heberle, der Vorsitzende des Ortsbauernverbands Schriesheim. Obwohl mitten in der Weinlese, hat der Verband zu einer Protestaktion in der Leutershäuser Straße aufgerufen, wo eins von fünf "Grünen Kreuzen" auf der Gemarkung steht.

Das 2,50 Meter hohe Mahnzeichen will Politik und Gesellschaft für die Sorgen der Bauern sensibilisieren. Hinter den "Grünen Kreuzen" steht eine von "Bauer Willi" gegründete Bewegung, der sich inzwischen zahlreiche Bauernverbände verschiedener Bundesländer angeschlossen haben.

"Unsere Produktion wird durch das Volksbegehren infrage gestellt", betont Karl-Otto Jäck. Der Arbeitskreisvorsitzende Erwerbsobstbau Heidelberg-Bergstraße ist hauptberuflich Obstbauberater und Mitglied im Landesverband Erwerbsobstbau für die Region Nordbaden. Am "Grünen Kreuz" in der Leutershäuser Straße klärt er auf, dass die Bezeichnung "Rettet die Biene" irreführend sei und das baden-württembergische Volksbegehren wegen der unterschiedlichen Standards nicht mit dem bayerischen zu vergleichen sei.

"Es geht nicht direkt um die Biene, sondern um Insekten an sich", sagt Jäck. Viele Imker würden das Volksbegehren ablehnen, sagt er, weil sie mit den Obstbauern gut zusammenarbeiten und gern ihre Völker in deren Wiesen stellen, um die erste Tracht mitnehmen zu können.

"Der Artenrückgang ist wissenschaftlich belegt. Aber er hat nichts mit unserer Wirtschaftsweise zu tun", so Jäck weiter. Der Lebensraum der Menschen wachse und verdränge den von Insekten und für diese wichtigen Blühpflanzen. Jutta Becker wirft ein, dass die Landwirtschaft acht Prozent Anteil an den CO2-Emissionen trage.

Die Bauern aber sehen sich mehr und mehr in der Rolle der Sündenböcke fürs Artensterben. "Dabei haben wir genug Probleme, etwa mit der Hofnachfolge", sagt Georg Bielig. "Es macht Sinn, Populationen zu stärken mit Angeboten zur Erholung. Dazu müssen wir gemeinsam Ausgleichsflächen als Blühgebiete schaffen", sagt Karl-Otto Jäck. Pro Tag würden in Baden-Württemberg 60 Hektar Fläche neu versiegelt. Ohne Pflanzenschutz gehe es nicht, das würden auch viele Grüne so sehen.

Auch die meisten Ökobetriebe seien gegen das Volksbegehren. Doch die Bevölkerung, gerade in den Städten, könne die Folgen ihrer Unterschrift nicht abschätzen. Jäck spricht von einer "kalten Enteignung", deren Kosten die Landwirte tragen müssten. "Das Grüne Kreuz steht fürs Höfe-Sterben. Und durch das Volksbegehren wird das beschleunigt. Den Billigprodukten können wir nichts entgegensetzen", sagt er.

Deutschland habe heute schon das strengste Pflanzenschutzgesetz in Europa, die Mittel würden gezielt und selektiv eingesetzt. "Die Lebensmittelproduktion ist bei uns sehr gut kontrolliert. Wenn wir das aus der Hand geben, weiß der Verbraucher nicht mehr, wo die Lebensmittel herkommen", ergänzt Jutta Becker. "Wir haben uns einen Standard erarbeitet, wir arbeiten sozial und fair. Das Volksbegehren ist für uns existenziell", sagt Bielig. Die anderen Winzer in der Runde nicken.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung