25.10.2019

Sanierung der Talstraße wird mehr als sieben Jahre dauern

Erneuerung der Talstraße soll rund neun Millionen Euro kosten - Planer wirbt für Tempo 20 und Entgrenzung von Gehweg und Fahrbahn

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Für Autofahrer und Anwohner wird es ab kommendem Jahr in der Talstraße noch enger: Von 2020 bis mindestens 2027 wird die Hauptverbindung ins Schriesheimer Tal für schätzungsweise neun Millionen Euro in sieben Abschnitten komplett erneuert, inklusive eines Brückenneubaus und einer weitgehenden Modernisierung der Kanalisation und Wasserleitungen. Details zum Ablauf und Umfang stellte Erich Schulz vom beauftragten Planungsbüro am Mittwochabend im Gemeinderat vor.

Beginnen wird die Großbaustelle bei der Gaulsbrücke. "Die können wir nicht mehr sanieren, sondern müssen einen Ersatz bauen", so Schulz. Allein das kostet mehr als eine Million Euro. Weil die östlich gelegene Schotterersbrücke in einem etwas besseren Zustand ist, kann dort laut Schulz eine neue Brücke ins alte Profil eingezogen werden. Die Kosten dafür schätzen die Planer auf knapp 500.000 Euro. Bei beiden Brückenarbeiten kann die Stadt auf Zuschüsse von bis zu 70 Prozent der förderfähigen Baukosten vom Land hoffen, wie Bauamtsleiter Markus Schäfer sagte.

Bei der Planung der Baustellenabschnitte musste das Hirschberger Ingenieurbüro einerseits darauf achten, dass die Anwohner jederzeit ihre Häuser und Wohnungen erreichen können. Gleichzeitig sollen Rettungswagen die Talstraße in Notfällen immer noch nutzen können. Zudem soll diese möglichst lange zumindest in eine Richtung als Umleitungsstrecke bei Sperrung des Branichtunnels nutzbar sein.

Der schwierigste Abschnitt wird in dieser Hinsicht die Sanierung der Talstraße östlich der Schotterersbrücke. Dort verlaufen im Untergrund bis zu vier Wasserleitungen parallel, die laut Schulz komplett erneuert werden müssen. "Einen Durchgangsverkehr wird es während der Arbeiten nicht geben." Sperrungen zur Wartung des Branichtunnels müssten deshalb mit Kreis und Land abgestimmt werden. "Im Notfall muss der Verkehr dann über Großsachsen umgeleitet werden", ergänzte Bürgermeister Hansjörg Höfer.

Wie die Talstraße künftig aussehen soll, dürfen auch die Schriesheimer bei einem Bürgerworkshop am Donnerstag, 21. November, mitentscheiden. Ideen zur Gestaltung lieferte am Mittwoch Verkehrsplaner Stefan Wammetsberger vom Büro Koehler & Leutwein. Er warb dafür, mit der "maximalen städtebaulichen Option" zu beginnen.

Für die Talstraße würde das bedeuten: Tempo 20, eine Mittelrinne statt Bordsteinen an den Straßenseiten und geteilte Räume für Autofahrer, Radler und Fußgänger. "Das wäre für das Sanierungsgebiet die Best-case-Variante", so Wammetsberger. An unsicheren Stellen könnten Poller geschützte Räume für Fußgänger abgrenzen.

"Bei Begegnungen weichen Autofahrer sonst auf die Seitenflächen aus", sagte Wammetsberger. "Da ist Rücksichtnahme gefragt." Der Verkehrsplaner merkte aber auch an, dass diese Straßengestaltung nicht richtliniengemäß ist. "Da muss man dicke Bretter bohren", so Wammetsberger. Gleichzeitig müssten sich die Behörden die Frage stellen, ob sie die Talstraße lieber als Umleitungsstrecke für den Branichtunnel an wenigen Tagen im Jahr oder als aufgewerteten Raum für die Anwohner während des Großteils der Zeit gestalten wollen. Löse man sich von Bordsteinkanten und der klassischen Fahrbahn, die genug Platz für Gegenverkehr bietet, könne an manchen Abschnitten und Kreuzungen auch Raum für Bänke, Begrünungen und Parkplätze entstehen.

Wie die Talstraße letztlich ausgebaut wird, muss die Stadt nach dem Workshop entscheiden. Klar ist laut Bürgermeister Höfer jetzt schon: "Die Talstraße wird uns noch einige Jahre beschäftigen."

Info: Bürgerworkshop zur Talstraße am Donnerstag, 21. November, voraussichtlich um 18 Uhr, Mehrzweckhalle.


Hintergrund: Wie es derzeit in der Talstraße aussieht

Marode Brücken, ein Flickenteppich auf der Fahrbahn und Gehwege, die nicht mal einen Meter breit sind: Schon vor der vorbereitenden Untersuchung zum Sanierungsgebiet in der Talstraße war sicher, dass die Planer dort die vorausgesetzten "städtebaulichen Missstände" finden würden. Über Jahrzehnte waren im Schnitt etwa 13.000 Autos pro Tag durch das Nadelöhr zum Vorderen Odenwald gerollt, bevor im Jahr 2016 der Branichtunnel eröffnet wurde.

Damit war der Weg frei, die Talstraße nach Jahrzehnten zu sanieren und als Wohnraum aufzuwerten. Im Oktober 2018 wurde die ehemalige L536 zur Ortsstraße heruntergestuft. Seitdem ist die Stadt Schriesheim für die Instandhaltung verantwortlich. Deshalb müssen jetzt die Kosten für die Sanierung auch von ihr gestemmt werden.

Allerdings einigten sich Kommune und Land vor der Herabstufung auf eine Art Ablösesumme von rund 2,8 Millionen Euro - quasi als Entschädigung für den Sanierungsstau, den das Land Baden-Württemberg über die Jahrzehnte nicht abgebaut hatte. Inzwischen passieren je nach Abschnitt nur noch 4400 bis 6000 Autos pro Jahr die Talstraße, wie Verkehrsplaner Stefan Wammetsberger am Mittwoch in der Sitzung des Gemeinderats mitteilte. Etwa 12.000 Fahrzeuge nutzen dagegen täglich den Branichtunnel.

Radfahrer nutzen die Talstraße wegen der engen Fahrbahn und des schlechten Belags kaum: Zwischen 40 und 180 sind es laut Wammetsberger je nach Abschnitt pro Tag. "Das ist bisher eine typische Straßenplanung der 70er Jahre", sagte der Verkehrsplaner. "Da kann man an den Seiten noch Räume gewinnen." Aber auch die Busse der Linie 628, die je nach Tageszeit im Halbstundentakt fahren, nutzen die Talstraße.

Bevor der Straßenraum neu eingeteilt wird, müssen aber zunächst die marode Gaulsbrücke ersetzt, die in die Jahre gekommene Schotterersbrücke saniert und zahlreiche Leitungen für Trink- und Abwasser neu verlegt werden. Nur der Bereich zwischen B3 und Friedrichstraße, der letzte Bauabschnitt, ist derzeit laut Ingenieur Erich Schulz im Unterbau noch in "sehr gutem Zustand". Auf die Planer und die Bauarbeiter wartet also in den nächsten Jahren eine Menge Arbeit. (fjm)

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung