30.10.2019

Soll ein Biotop für Trinkwasser weichen?

Schriesheim macht sich Hoffnungen auf Erschließung einer dritten Quelle - Erster Vorstoß war 2014 am Naturschutz gescheitert

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Die Dürre des vorigen Sommers und der trockene Winter forderten Anfang Mai ihren Tribut: Schriesheim musste auf Trinkwasser aus seinen Odenwaldquellen verzichten, zum zweiten Mal in Folge. Wegen des Klimawandels rechnen die Stadt und die Wasserversorgungs- und -entsorgungs GmbH (WVE) damit, dass dies in den kommenden Jahren noch öfter vorkommen könnte - und hoffen jetzt, eine eigentlich verloren geglaubte Quelle vielleicht doch noch erschließen zu können.

Neben Plattengrube und Leopoldsgrund gibt es auf der Schriesheimer Gemarkung einen weiteren Ort, an dem die WVE Trinkwasser gewinnen könnte: die Drachendellenquelle. Schon im Dezember 2013 wandte sich die Stadt mit einer Voranfrage an die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt des Rhein-Neckar-Kreises, um zu prüfen, ob sie die dritte Quelle erschließen dürfe. "Sie ist so ergiebig, dass wir das Wasser als Trinkwasser verwenden könnten", sagt Kämmerer Volker Arras. "Aber der Naturschutz hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht."

Denn die Drachendellenquelle liegt nicht nur im Landschaftsschutzgebiet Bergstraße Nord, sondern speist auch einen gleichnamigen Bach. Der wird als Biotop durch das Bundesnaturschutzgesetz geschützt. "Die Fassung der Quelle käme einer Zerstörung des Biotops gleich. Hierfür wäre eine Ausnahme erforderlich", erklärt Jörg Bayer, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde. "Eine Ausnahme kann nur erteilt werden, wenn ein gleichartiges Biotop als Ausgleich hergestellt wird." Diese Möglichkeit habe die Behörde damals nicht gesehen. Damit war die Drachendellenquelle für die Trinkwasserversorgung erst einmal vom Tisch.

Hoffnung macht WVE und Stadtverwaltung jetzt aber ein Rechtsgutachten der Universität Trier. Darin kommt Jura-Professor Michael Reinhardt vom Institut für Deutsches und Europäisches Wasserwirtschaftsrecht zu dem Ergebnis, dass die Gewinnung von Trinkwasser nicht immer mit den rechtlichen Anforderungen des Naturschutzes vereinbar sein muss. Vielmehr sei dies Abwägungssache.

In Auftrag gegeben hat das Gutachten der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DWGV). Der fordert jetzt, der Wasserversorgung im Naturschutzrecht durch eine Klausel Vorrang zu geben. So soll auch in Zeiten des Klimawandels die Trinkwasserversorgung sichergestellt werden. In einem Dialogformat will der DWGV bis zum Frühjahr 2020 eine Lösung finden.

Sollten dadurch die rechtlichen Voraussetzungen für eine Erschließung der Drachendellenquelle geschaffen werden, könnten die Stadt Schriesheim und die WVE einen neuen Vorstoß wagen. "Dadurch könnten wir ein größeres Gebiet mit Quellwasser versorgen", sagt Kämmerer Arras. Allerdings müssten die WVE und die Stadt als Mehrheitseigner des Unternehmens dafür eine Menge Geld in die Hand nehmen: Eine Quellfassung wäre nötig, ebenso die Verlegung mehrerer Kilometer Rohre. Möglicherweise müsste auch eine Erweiterung der Aufbereitungsanlage in der Nähe des Waldschwimmbads in Betracht gezogen werden.

Gleichzeitig könnten Stadt und WVE durch die Erschließung aber Geld sparen: "Als die Quellen im vergangenen Sommer nicht mehr geschüttet haben, haben wir 35.000 Euro mehr an den Lobdengauverband zahlen müssen", sagte Arras bei der jüngsten Sitzung des Gemeinderats am Mittwoch. Aus Ladenburgs Tiefenbrunnen kommt normalerweise etwa die Hälfte des Schriesheimer Trinkwassers, im Sommer 2018 und 2019 waren es zeitweise bis zu 75 Prozent.

Dazu kommt, dass das Trinkwasser aus Ladenburg zwar den gesetzlichen Vorschriften entspricht, der Qualität des Schriesheimer Quellwassers aber deutlich hinterherhinkt. "Der Lobdengauverband hat ein Nitratproblem", sagt Claudia Harms, Geschäftsführerin der WVE. "Der Gehalt liegt zwar unter dem Grenzwert, aber nahe dran." Mit einer dritten Quelle könne man zwar nicht auf Trinkwasser aus Ladenburg verzichten, aber die Qualität durch einen höheren Anteil aus Schriesheim verbessern.

Bis darüber entschieden wird, konzentrieren sich Stadt und WVE aber erst einmal darauf, die hohen Wasserverluste während des Transports in den Griff zu bekommen. "Wir haben teilweise ein Verteilnetz wie ein Schweizer Käse", sagte Arras den Stadträten. 300.000 Kubikmeter Wasser gingen pro Jahr verloren, davon 83.000 durch registrierte Rohrbrüche. Viele Leitungen seien in den 50er- und 60er-Jahren nicht ordnungsgemäß verlegt worden, so Arras. "Das sind Versäumnisse der Vergangenheit, die uns jetzt einholen." Bei der Trinkwasserversorgung könnten sie aber eine mindestens ebenso große Rolle spielen wie die Drachendellenquelle.

Hintergrund: Die Wasserversorgungs- und -entsorgungs GmbH (WVE) Schriesheim wurde im Jahr 2000 gegründet. Sie gehört zu 51 Prozent der Stadt, weitere Anteilseigner sind die MVV Energie AG und die AWS GmbH, eine Tochter der Gelsenwasser AG, mit je 24,5 Prozent. Aufsichtsratschef ist Bürgermeister Hansjörg Höfer.

Die WVE fördert und bezieht pro Jahr rund 900.000 Kubikmeter Trinkwasser aus zwei Schriesheimer Quellen, vom Wassergewinnungsverband Lobdengau (Ladenburg) und vom Zweckverband Eichelberggruppe (Wilhelmsfeld). Das Quellwasser wird in eine Aufbereitungsanlage am Waldschwimmbad geleitet, wo der pH-Wert angehoben und die natürlichen Anteile von Mangan, Eisen und Aluminium herausgefiltert werden.

Die WVE verkauft pro Jahr nur etwa 600.000 Kubikmeter Trinkwasser. Der Rest geht durch Schäden oder versteckte Anschlüsse an dem etwa 80 Kilometer langen Rohrnetz verloren. (fjm)

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung