01.11.2019

Auf der Jagd zwischen Rebzeilen: Stefan Ewald geht in den Schriesheimer Weinbergen auf Pirsch

Ewald schützt die Weinberge der Winzer und Feldflur der Landwirte vor Wildschäden. Dabei trifft er nicht nur auf Rehe und Wildschweine.

Von Frederick Mersi

Schriesheim. "Da vorne ist was." Stefan Ewald verlangsamt seine Schritte, hält die Wärmebildkamera vor sein linkes Auge. Ein Tritt auf trockenes Laub - und seine Ziele wären auf und davon. Vor ihm liegt der Waldrand. Die erste Pflanzenreihe wird noch vom Streulicht der Schriesheimer Häuser erhellt, dahinter ist es stockfinster. Ein lautes Knacken, Ewald bleibt stehen, sein Gewehr liegt noch auf seinem Rücken. Durch die Wärmebildkamera ist immer noch nichts zu sehen. Doch nur wenige Meter entfernt ertönt im Dunkeln ein tiefes, deutlich vernehmbares Grollen.

Rund eine Stunde ist Ewald an diesem Dienstagabend schon auf der Pirsch. Er ist auf der Suche nach Wildschweinen, "Schwarzwild" sagt er als Jäger. Seit April 2018 liegen die Schriesheimer Weinberge in Richtung Dossenheim in seiner Zuständigkeit als Jagdpächter - mehr als 220 Hektar, die der 41-Jährige wie seine Westentasche kennt. "Als Kind war dieses Gebiet hier mein Spielplatz", sagt er. "Wenn heute einer sagt, dass ich zum Silvaner-Wingert vom Schneiders-Hans kommen soll, weiß ich eigentlich mit verbundenen Augen, wo ich hinmuss."

Ewald schützt die Weinberge der Winzer und Feldflur der Landwirte vor Wildschäden. Vor allem Wildschweine haben es im Herbst erst auf die Trauben abgesehen, dann auf Engerlinge und Larven im Boden zwischen den Rebzeilen. Bei der Suche danach wühlen die Tiere das Erdreich manchmal so sehr auf, dass die Traktoren der Winzer ins Schwanken geraten.

Ewald bewundert seine Ziele. "Das ist für mich kein Widerspruch", sagt er. Ihn fasziniere vor allem die Intelligenz und Anpassungsfähigkeit der Wildschweine: "Sie wissen genau, wann sie sich in welches Gebiet wagen dürfen, verstecken sich im Schatten der Rebzeilen, ziehen sich beim kleinsten Geräusch oder Witterung in den Wald zurück."

Jetzt steht die grollende Bache, die Frischlinge führt, nur wenige Meter entfernt vor ihm. Ihr Laut wirkt wie eine letzte Drohung, sich nicht weiter zu nähern. Ewald steht still, schaut wieder durch die Wärmebildkamera. Wäre ihm ein Treffer heute Nacht wichtig, hätte er sich anders genähert: gegen die Windrichtung, so leise und vorsichtig wie möglich. "Ansprechen" heißt dieses Auskundschaften im Jäger-Jargon. Der Schütze muss sich klar machen: Welches Tier habe ich vor mir? Wie alt ist es? Sind Junge dabei? "Manchmal können die letzten 80 Meter zum Ziel fast eine halbe Stunde dauern", sagt Ewald.

Die Weinberge sind kein leichtes Jagdgebiet. Eiserne Pfosten der Rebzeilen können die Kugeln ablenken, an vielen Stellen darf Ewald den Abzug nicht drücken, weil hinter dem Ziel kein "Kugelfang" ist. Jäger müssen sicherstellen, dass die Projektile im Boden landen, um Querschläger zu vermeiden. In Rebzeilen, die parallel zum Hang verlaufen, kann das schwierig werden. "Wenn ich mir bei irgendeiner Sache unsicher bin, bleibt der Abzugsfinger gerade", sagt Ewald.

Doch es gibt einen unkalkulierbaren Faktor, der Ewald seine Aufgabe deutlich erschwert: der Mensch. "Im Sommer sind hier bis in die Nacht feiernde Jugendliche, Spaziergänger, Jogger und Mountainbiker unterwegs - auch abseits der Wege", sagt er. "Wenn ich durch die Wärmebildkamera etwas zwischen den Rebzeilen sehe, könnten es auch zwei Menschen sein, die aufeinanderliegen." Sex in den Weinbergen? Ewald lacht. "Alles schon erlebt." Mehr Rücksicht würde sich Ewald, hauptberuflich bei der Sparkasse für das Firmenkundengeschäft zuständig, von denjenigen wünschen, die ihre Freizeit in Weinbergen und Wald verbringen.

"Die Tiere brauchen ihre Rückzugsorte", sagt er. "Da helfen Mountainbiker, die nachts mit Helmlampen durchs Gelände fahren, nicht." Gerade wenn Wildschweine den Wingerten fernbleiben sollten, müssten diese im Wald zur Ruhe kommen können. "Aber da gibt es für viele gefühlt keine Grenzen mehr." Aufpassen muss bei diesem Verhalten vor allem einer: der Jäger. "Wir haben die Verantwortung, was auch gut so ist", sagt Ewald. "Jäger sein ist ja nicht einfach nur irgendein Hobby, es erfordert Sachverstand, Leidenschaft und Respekt vor der Kreatur."

Der Respekt ist Ewald anzumerken, als er am Dienstagabend an der Steinschleife auf die Bache trifft. Nach ihrem Grollen ist es kurz still, dann ein Rascheln, ein lautes Klackern. Ewald atmet durch. "Sie hat sich in den Wald zurückgezogen", sagt er. Sein Jagdkonzept geht auf, er macht sich auf den Rückweg. Geschossen hat er heute nichts. Das sei kein Problem, sagt er. "Bei den Zielvereinbarungen zu Rehen mit Stadt und Forst liegt alles im Rahmen, und beim Schwarzwild schieße ich nicht mehr als vom Bestand her möglich - und nötig."

Ewald sieht die Jägerzunft vor allem als Anwalt und Heger der Natur: Biotope schaffen, Blühstreifen anlegen, Hegegemeinschaften bilden, Tiere beobachten, mit Landwirten, Winzern und Behörden zusammenarbeiten - all das gehöre zu seinen Aufgaben. "In Schriesheim funktioniert das weitgehend auch wirklich gut", sagt er. Doch auch das Schießen der Tiere ist Teil seiner Tätigkeit: "Wir haben hier beim Schwarzwild keine Fressfeinde wie Bären oder Wölfe, die den Bestand in Grenzen halten können."

Dass für ihn am Ende Wildfleisch herausspringt, sieht Ewald als nachhaltige Verwendung: "Ich weiß, was dafür nötig war, und esse das bewusster." Deswegen empfinde er bei einem Treffer vor allem eins: "Dankbarkeit".

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung