18.01.2020

Die kleine "Grande Dame" Schriesheims

Wie Gisela Reinhard von einer Theologie-Studentin zur grünen Bürgermeister-Kandidatin wurde

Von Frederick Mersi

Schriesheim. "Ich wurde auf der Trittleiter eines Zuges im zerbombten Essen geboren", sagt Gisela Reinhard. "Das kann schon Auslöser für einiges gewesen sein, was später passiert ist." Genau 76 Jahre danach sitzt Reinhard im Begegnungszentrum "mittendrin" und geht eine Reihe von Mappen und Ordnern durch. Darin befindet sich alles, was sie über die Anfangsjahre der Grünen an der Bergstraße finden konnte. Reinhard kam 1979 zur Partei, am Sonntag feiert der Kreisverband Neckar-Bergstraße 40. Jubiläum.

Dass ausgerechnet Reinhard zu einem Urgestein der Grünen in Schriesheim werden würde, zeichnet sich während ihrer Schulzeit im Ruhrgebiet nicht ab. "Ich war minimal politisch interessiert", sagt sie. Eine Ausnahme ist ihre Teilnahme an einer Arbeitsgemeinschaft in Gemeinschaftskunde. "Ich habe mir sogar mal überlegt, ins Kloster oder in die Mission zu gehen", sagt sie und lacht.

Reinhard wird katholisch erzogen, absolviert nach ihrem Abitur 1963 ein einjähriges Studium Generale in Tübingen. "Da habe ich gemerkt, dass ich mich vor Autoritäten nicht fürchten muss", sagt sie und erzählt von Professoren-Besuchen in Studentenbuden. Philosoph Ernst Bloch debattiert mit ihr auf dem Bett sitzend. Dennoch wählt Reinhard die Fachrichtung katholische Theologie, hört während eines Semesters in München eine Vorlesung von Joseph Ratzinger, der fast 40 Jahre später Papst Benedikt XVI. wird.

1968 erfolgt für Reinhard der Bruch mit der katholischen Kirche: Sie tritt aus und studiert Sonderpädagogik an einem freien Institut der Universität Heidelberg. Reinhard baut Beziehungen zum Hochschulpolitischen Kollektiv auf, "der undogmatischen Linken", wie sie es nennt. Sie wird Mitglied im Sozialistischen Lehrerbund, engagiert sich in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften. Nach Stationen in Buchen, Heidelberg und Neckarhausen zieht sie 1973, inzwischen als Sonderschullehrerin in Mannheim tätig, nach Schriesheim.

"In dieser Zeit habe ich gemerkt, dass sich die Linke oft in theoretischen Debatten verzettelte", erinnert sie sich. "Meine Realität waren Hausbesuche bei Schülern in den Benz-Baracken, bei denen ich öfter einfach rausgeworfen wurde." Reinhard will etwas verändern, engagiert sich bis 1979 aber vor allem auf Gewerkschaftsebene. "Die Bürgermeisterwahl 1974, als Peter Riehl gewählt wurde, habe ich nur vage wahrgenommen", sagt sie.

Das ändert sich im Vorfeld der Europawahl 1979. "Da habe ich im amtlichen Mitteilungsblatt von einem Ortsverband der Grünen gelesen", sagt sie und zeigt auf einen Artikel vom 23. Mai. "Zuvor hatte ich mit Umweltschutz zwar eigentlich nichts zu tun gehabt, aber mit der Friedens- und der Anti-Atomkraft-Bewegung." Nachdem die Grünen bei der Europawahl in Schriesheim auf Anhieb etwa acht Prozent der Stimmen holen, entscheidet sich Reinhard am 5. Juli, spontan zu einem Treffen im "Deutschen Kaiser" zu kommen. "Ich war auf dem Weg zu einem VHS-Kurs in Mannheim, bin in Edingen-Neckarhausen von der Autobahn und wieder nach Schriesheim gefahren", sagt sie.

Es folgen zahlreiche Treffen, mit dabei ist schon im Spätsommer 1979 ein junger Konditor namens Hansjörg Höfer. "Für mich war immer klar: Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir in die Gremien", sagt Reinhard. Sie wird zur ersten Vorsitzenden des Kreisverbands in der Rhein-Neckar-Region, fährt als Delegierte zum Gründungsparteitag der Bundes-Grünen in Karlsruhe.

Auf Landes- und Gemeindeebene machen sich die Grünen so schnell wie möglich daran, Kandidaten für Wahlen aufzustellen. "In Schriesheim wollten wir Interessierte nicht durch eine Partei-Mitgliedschaft abschrecken, deshalb haben wir die Grüne Liste gegründet", sagt Reinhard. Bei der ersten Nominierungsversammlung 1980 ist Bürgermeister Peter Riehl anwesend, um zu prüfen, ob alles mit rechten Dingen zugeht.

Reinhard wird in den Gemeinderat gewählt, die ersten Themen sind die geplante Flurbereinigung, Recycling und Verkehrsberuhigung. "Ich war Teil einer möglicherweise gefährlichen Gruppe, Frau und zugezogen", sagt sie. "Das war nicht leicht." Aber auch ohne Mehrheiten habe sie mit ihrem Kollegen Reimund Schambeck schnell etwas in den Köpfen bewegen können: "Viele Themen wurden von anderen aufgegriffen."

40 Jahre später ist Hansjörg Höfer Bürgermeister, die Grüne Liste stellt mit neun Stadträten die stärkste Fraktion. Dadurch habe sich die Aufgabenstellung geändert, sagt Reinhard: "Ich wünsche mir, dass es gelingt, wieder mehr mit den anderen Fraktionen in die Gestaltung zu gehen." Sie habe bei ihrer Bürgermeister-Kandidatur 1997 gemerkt, was es heiße, für alle Menschen Politik zu machen. "Spätestens seit der Wahl von Winfried Kretschmann als Ministerpräsident müssen wir uns der Wirklichkeit stellen, dass wir nicht immer bei der reinen Lehre bleiben können", sagt Reinhard. "Auf unsere Wirkung in den vergangenen 40 Jahren können wir aber stolz sein."

Hintergrund: Der erste Ortsverband der Grünen an Bergstraße und Neckar wurde 1979 in Schriesheim gegründet. Bei einem Neujahrsempfang feiert der Kreisverband am Sonntag, 19. Januar, von 17 Uhr an das 40-jährige Bestehen im Gasthaus "Zum Goldenen Hirsch". Ansprachen halten unter anderem Gisela Reinhard, Kreisverbandschefin Fadime Tuncer und Landtagsabgeordneter Uli Sckerl. Die musikalische Umrahmung übernimmt die Band "Britkrauts" um Jan Wölfer. (fjm)

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung