21.01.2020

Bergsträßer Kreisverband: Grüne traten vor 40 Jahren als bunter Haufen an

Neujahrsempfang in Schriesheim - Erfolg hat Arbeit nicht leichter gemacht - Landtagsabgeordneter Sckerl forderte Gesellschaftsvertrag für Landwirte

Von Nicoline Pilz

Schriesheim. Es war ein bunter Haufen, der vor 40 Jahren antrat, den Planeten zu retten: Sie kamen aus der Friedensbewegung, waren Atomkraft-Gegner, Feministinnen, Marxisten, Ökos, Spontis und enttäuschte SPDler. Ihre Farbe wurde Grün für die Hoffnung, als Logo wählten sie die Sonnenblume. Der Bergsträßer Kreisverband widmete seinen von den "Britkrauts" musikalisch begleiteten Neujahrsempfang im "Goldenen Hirsch" dem 40. Jubiläum der Grünen in der Region. Unter anderem mit einem tiefen Blick von Gründungsmitglied Gisela Reinhard in die lokale und regionale Geschichte.

An dem damals verbindenden Wunsch, den Planeten Erde zu retten, habe sich bis heute nichts geändert, sagte Stadt- und Kreisrätin Fadime Tuncer. Sicher, es sei anfangs "chaotisch" zugegangen. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb nach dem Gründungskongress der Grünen am 15. Januar 1980 von einem "grellen Albtraum", die entsetzten etablierten Parteien hofften auf ein rasches Ende. Vergeblich. "Unser Gründungsthema Ökologie beherrscht die gesamte europäische Politik seit 20 Jahren, auch wenn längst nicht alle Probleme gelöst sind", sagte Tuncer.

1998 kam es zur ersten Koalition auf Bundesebene, 2011 wurde mit Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident gewählt. Und damit gingen auch Veränderungen einher, die, so Tuncer, auch im Kreisverband sichtbar seien. "Unsere Themen sind mitten in der Gesellschaft angekommen. Andere Parteien haben sie in ihr Programm übernommen – da können wir nicht so viel falsch gemacht haben."

Heute sind die Grünen in 66 baden-württembergischen Kommunen stärkste politische Kraft, im Kreisverband in vier Gemeinden. Nach der Kommunalwahl 2019 waren die Grünen noch nie so gut vertreten wie jetzt. "Aber die Arbeit in den Räten ist mit dem Erfolg nicht einfacher geworden", sagte Tuncer.

Ohne Bürgerbeteiligung gehe kaum eine Grundsatzentscheidung über die Bühne. Tuncer erinnerte dabei an den Runden Tisch zum Artenschutz, den der Landtagsabgeordnete Uli Sckerl für Landwirte, Umweltschützer und Interessierte ins Leben gerufen hat, und erwähnte eine ähnliche Aktion zur Rebflurbereinigung in Schriesheim.

Das neue Jahrzehnt werde von den Themen Klimaschutz, Zukunft des Wirtschaftens und der Digitalisierung beherrscht, sagte Sckerl. Ein "Megathema für die Demokratie" sei der gesellschaftliche Zusammenhalt. Die Entwicklung der AfD sei Anlass für äußerste Wachsamkeit. "Viele Dinge sind heute zerbrechlich geworden", meinte Sckerl. Doch es zeige sich auch, dass eine gute Sozial- und Gesellschaftspolitik helfe.

Eine neue repräsentative Studie der Bertelsmann-Stiftung für Baden-Württemberg zeige, dass mehr als 80 Prozent der Bürger sich dem Land, ihrer Region und ihrem Wohnort sehr verbunden fühlten. Und trotz aktueller einwanderungskritischer Debatten sei die Toleranz gegenüber Menschen anderer Religion und Migranten nicht gesunken.

Bei der Integration Geflüchteter dürfe man die Kommunen nicht im Stich lassen. Geflüchtete in Arbeit und Ausbildung seien ein Erfolgsmodell – wie es nicht gehe, zeige der Fall von Mostafa N. in Ladenburg: "Wir streiten uns mit der CDU im Land in dieser Frage, dass nicht einfach so kalt abgeschoben werden kann."

Applaus spendeten die Gäste seiner Werbung für einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Verbrauchern, Landwirtschaft und Handel. Ein Raunen ging durch den Saal, als der Landespolitiker von einer Fraktionskollegin berichtete: Die Ökobäuerin bekomme gerade mal zehn Euro für ein Kalb. "Das ist billiger als jeder Kanarienvogel." Was die Deutschen für Lebensmittel auszugeben bereit seien, sei höchst bescheiden gegenüber den Ausgaben "für allen möglichen Firlefanz".

Tief in ihrem Archiv gegraben hatte Gisela Reinhard, "Urgestein" des grünen Kreis- und Ortsverbands. Mit ihren Wort- und Bildbeiträgen reisten die Besucher durch die bewegten Anfänge der Grünen: Am 13. Dezember 1979 wurde in Schriesheim der Kreisverband "Die Grünen Rhein-Neckar-Kreis" gegründet, ein Jahr später die Grüne Liste Schriesheim.

Ehrungen standen auch noch an: Für 30-jährige Mitgliedschaft im Kreis- und Ortsverband wurden Karin Smita, Wolfgang Blatter und Thomas Embach geehrt, für 40-jährige Mitgliedschaft Gisela Reinhard und Christian Wolf.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung