29.01.2020

Bergwerksverein Schriesheim: Von "Sträflingsarbeit" und Vesperrunden

Wie rührige Schriesheimer ihr historisches Bergwerk erhalten

Von Volker Knab

Schriesheim. Was motiviert Menschen, über Jahrzehnte hinweg ehrenamtlich fast jeden Samstagnachmittag einem historischen Bergwerk zu widmen und dort sogar schwere Bauarbeiten zu verrichten? Die RNZ hat sich beim Bergwerksverein Schriesheim auf Spurensuche begeben und ist auf rührige Mitglieder gestoßen, die momentan ein großes Projekt beschäftigt.

Dass die Weinstadt auf eine lange Bergwerkstradition zurückblickt, dürften Durchreisende kaum vermuten. Aber spätestens vom Spätmittelalter an wurde an der Odenwald-Kante zumindest phasenweise Bergbau betrieben. Die erste urkundliche Erwähnung des Blei- und Silberbergwerks stammt von 1473. Erst 1816 war endgültig Schluss. Ganz dicht gemacht wurden die Zugänge, nachdem die letzte Nutzung der Grube als Luftschutzkeller endete.

Doch dank einer Gruppe engagierter Schriesheimer wurden Stollen und Gebäude erhalten. Seit 1989 ist die Grube Anna-Elisabeth ein Besucherbergwerk. Seither haben sich über 250.000 Interessierte unter sachkundiger Führung in die Stollen gewagt. Von der Gründungszeit des Bergwerksvereines an oder zumindest seit vielen Jahre aktiv sind Curt Full, Herbert Machatschek, Jutta Machatschek und Heidi Meyer. Im Gespräch mit der RNZ erinnern sie sich, wie sie zum Verein gekommen sind und was sie bis heute motiviert. So hat der Verein auch in diesem Jahr eine große Aufgabe vor sich. Mittels Anschaffung einer neuen Pumpe sollen Besucher wieder in die tieferen Bereiche des früheren Bergwerks vordringen können.

1985 sollte das historische Sudhaus abgerissen werden, das seit dem Ende der Bergbauzeit vor dem zugeschütteten Bergwerk stand. Es sollte einem Mietshaus weichen. Das Gründungsmitglied des späteren Bergwerksvereins, Jürgen Seidel, deckte die Sache auf. Aus Gründen des Denkmalschutzes entging das Sudhaus dem Abriss. Aber, so Full: "Es musste etwas passieren." Die inzwischen verstorbenen Gründungsmitglieder des Bergwerksvereins Jürgen Seidel, der langjährige Vorsitzende Wilhelm Gassert und Jürgen Grüber nahmen sich der Sache an.

Zu dritt konnten sie den Erhalt des historischen Bergwerks nicht stemmen. Sie versuchten, mit einem Lichtbildvortrag in der Volkshochschule Mitglieder zu gewinnen. Curt Full ließ sich ködern. "Ich habe damals so etwas gesucht. Es hätte auch eine Burg sein können. Aber den Schauenburg-Verein gab es noch nicht", sagt er und lacht. Von Beruf war der heutige Rentner Chemotechniker.

Ebenfalls nichts mit Bergbau zu tun hatte Herbert Machatscheks frühere Tätigkeit. Der gelernte Betriebswirt stieß etwas später als Full zum Verein und packt seither fast jeden Samstag an. "1990 bin ich aufgrund eines Zeitungsartikels auf das Bergwerk aufmerksam geworden und hab’ meiner Frau gesagt, das würde mich schon interessieren." Die erste Kontaktaufnahme misslang: Die Machatscheks fanden das Bergwerk nicht. Als die Sache schon fast in Vergessenheit geraten war, stand das Bergwerksfest an. Da knüpfte Machatschek dann den ersten Kontakt zu Wilhelm Gassert, besuchte kurz darauf die muntere Truppe auf der Dauerbaustelle "Bergwerk" – und musste gleich Steine aufschichten. "Fast wie Sträflingsarbeit", sagt er lachend. Es gefiel ihm trotzdem.

Nachdem das "Sie" untereinander auf seine Anregung hin dem "Du" gewichen war, machte er einen weiteren Vorschlag: etwas zum gemeinsamen Essen mitzubringen. "So ist es immer schöner geworden." Die Gruppe umfasste selbst in den Anfangsjahren nie mehr als zehn Männer. Dann waren es lange acht und jetzt sind es fünf Männer, die sich über Verstärkung freuen würden. "Es hat mir immer Spaß gemacht, auch wenn es manchmal schwere Bauarbeit ist", sagt Machatschek. Seit den Anfangszeiten ist seine Frau Jutta mit viel Herzblut dabei. Inzwischen ist sie Vereinsvorsitzende. Von Beruf Einzelhandelskauffrau "kann ich mit Menschen umgehen". Es gebe auch auf ihrer Seite keine tiefer liegenden familiären Bande zur Bergmannstätigkeit. Neben Bauarbeiten gibt es genug zu tun, um mit putzen, Pflege oder Verschönerungsarbeiten nur ein paar Beispiele zu nennen.

Der Vereinsvorsitz war nach dem Ausscheiden des langjährigen Vorsitzenden Gassert vakant geworden. "Dann mach ich es halt", ließ sie sich überreden. "Das ist bei uns wie bei der Fremdenlegion. Wenn du einmal unterschrieben hast, bis du dabei", sagt ihr Mann dazu, und die ganze Runde bricht in herzhaftes Lachen aus.

Heidi Meyer hat erst kürzlich "unterschrieben", jetzt ist sie Schriftführerin. Sie wohnt in der Nachbarschaft und ist dem Verein seit Jahren verbunden. Sie wusste also, worauf sie sich einlässt.

Hintergrund: Der historisch wohl interessanteste Teil des Besucherbergwerks Grube Anna-Elisabeth sind die Tiefsohlen. Im Verlauf besonderer Führungen können Besucher dort Original-Verbauten aus dem Mittelalter besichtigen. Dies ist aber nicht Teil der regulären Führungen, denn der Abstieg dorthin wird mittels Leitern durch den zwanzig Meter tiefen Blindschacht II bewältigt. Hierfür werden sogenannte "Tiefsohlen-Führungen" angeboten. Diese stoßen nicht zuletzt wegen ihres abenteuerlichen Charakters auf große Nachfrage.

Die Gänge dort unten sind sehr eng, die Teilnehmer sollten nicht unter Platzangst leiden. Dass die Führungen seit dem Sommer 2018 nicht mehr stattfinden, hat indes technische Gründe: Da die Tiefsohlen etwa acht Meter unterhalb des im Schriesheimer Tal fließenden Kanzelbachs liegen, herrscht dort ein erhöhter Wasserzulauf. Damit die Stollen begehbar bleiben, muss das eindrückende Wasser regelmäßig abgepumpt werden. Dabei muss die Pumpe eine Förderhöhe von 30 Metern bewältigen. Aktuell kann der Bergwerksverein keine Tiefsohlen-Führungen mehr anbieten, weil die Pumpe im Besucherbergwerk ausgefallen ist. Die komplette Tiefsohle und etwa die Hälfte des Blindschachts II sind "abgesoffen", so die Ehrenamtlichen.

Bergwerk ist härter als Baumarkt-Pumpen

Der Verein steht jetzt vor dem Problem, eine neue Pumpe beschaffen zu müssen. Deshalb haben die Mitglieder einen Spendenaufruf gestartet. Die Neubeschaffung einer Pumpe gestaltet sich schwieriger als erwartet. Das Vorgängermodell ist nicht mehr erhältlich. Alle Pumpen, die die Vereinsmitglieder seit dem Ausfall in Baumärkten gekauft haben, waren den Bedingungen im Besucherbergwerk nicht gewachsen. Sprich: Sie gaben "nach wenigen Wochen den Geist auf", wie der Technische Leiter der Grube Anna-Elisabeth in seiner Projektbeschreibung schildert. Mit Unterstützung des Pumpenfachhandels hat der Verein jetzt eine auf zwei Pumpen basierende Lösung entwickelt, deren Gesamtkosten auf 4718 Euro veranschlagt sind. Dem Verein fehlen weitere 1500 Euro, um das Projekt umzusetzen.

Info: Spenden an: Volksbank Kurpfalz eG. DE93.6729.0100.0057 3727 10. (vkn)

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung