10.03.2020

Mathaisemarkt Schriesheim: Günther Oettingers Heimspiel auf der Abschiedstournee

Mathaisemarkt Schriesheim: Günther Oettingers Heimspiel auf der Abschiedstournee

Festredner Oettinger fühlte sich bei seiner Rückkehr auf den Mathaisemarkt wohl – Zum Schluss gab’s zwei besondere Geschenke

Von Frederick Mersi

Schriesheim. "Die Montagsmädels müsstest Du noch kennen", raunt Peter Riehl seinem "alten Freund" auf dem Weg zum Gewerbezelt zu. Der nickt. "Vor allem wenn man so gut aussieht", scherzt Riehl. Günther Oettinger grinst. Vorsitzender der CDU Baden-Württemberg war er, Ministerpräsident des Landes und EU-Kommissar in zwei verschiedenen Ressorts. Nach dem Ende seiner politischen Laufbahn ist er auf Abschiedstournee, bevor es voraussichtlich ab Ostern so richtig losgeht mit seiner Tätigkeit als selbstständiger Politikberater – und in Schriesheim genießt der Schwabe Heimvorteil.

Im Gewerbezelt trifft Oettinger zum Beispiel Jens Zimmermann wieder, der als Geschäftsführer inzwischen die Leitung der Mannheimer Tankschutz-Firma seines Vaters Fred übernommen hat. "Mit 80 Jahren wurde es mal Zeit", sagt der – und wundert sich, dass Oettinger 14 Jahre nach seinem ersten Mathaisemarkt-Auftritt so viele Hände schüttelt.

Nur einen Tag zuvor hat Oettingers Parteikollege Jens Spahn dazu geraten, Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus abzusagen. Den ehemaligen Ministerpräsidenten stört das nicht: Er schüttelt Hände, umarmt Besucher und posiert für Fotos. "Wenn ich 86 Jahre alt wäre und Diabetes hätte, hätte ich hier nicht gesprochen", sagt er bei der Pressekonferenz – und weist am Rande darauf hin, dass zum CDU-Parteitag im April 1001 Delegierte kämen. "Das wird nach Spahn-Regeln also abgesagt."

Oettinger lobt aber auch die Entscheidung von Bürgermeister Hansjörg Höfer, den Mathaisemarkt stattfinden zu lassen. "Hätte man ihn abgesagt, wäre die Verwunderung bei den Menschen größer gewesen", sagt Oettinger. Und die größte Veranstaltung am Montagabend sei das Zweitliga-Spitzenspiel des VfB Stuttgart gegen Arminia Bielefeld.

Ins Hamel-Festzelt kommen zur eigentlichen Mittelstandskundgebung des Bunds der Selbstständigen (BDS) deutlich weniger Besucher. Das Deutsche Rote Kreuz schätzt sie auf 400 bis 500, Bürgermeister Hansjörg Höfer auf 800 bis 900. Den Applaus der Anwesenden hat Festredner Oettinger schon bei seiner Begrüßung sicher, doch auch während seiner Rede über die Rolle Deutschlands und Europas in einem weltweiten "Kampf der Systeme" spendet das Publikum viel Beifall.

Das "Cleverle" spricht wie schon in seiner Zeit als Ministerpräsident frei, gestikuliert energisch und präsentiert sich als überzeugter Europäer und Demokrat: "Wenn uns unsere Werteordnung erhaltenswert erscheint, müssen wir dafür kämpfen, verdammt noch mal", ruft er ins Mikrofon. Beifall brandet auf. Lob erhält er nach seinem Auftritt von allen Seiten. "Ein Mann, der es versteht, Klartext zu reden", sagt Bürgermeister Hansjörg Höfer. Friedrich Ewald, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Winzergenossenschaft, fragt sich ob Oettingers Auftritt laut, "warum so ein Mann in der Bundespolitik keine Rolle mehr spielt". Marcus Zeitler, Oberbürgermeister Hockenheims, sagt: "Er kann Festzelt. Eine tolle Rede in schweren Zeiten." Zum Schluss gibt’s stehende Ovationen.

Gleich zwei Geschenke erhält Oettinger noch dazu. Nachdem er ein Präsent seines "alten Freundes" Peter Riehl – ein Viertelliter-Weinglas mit einer Gratis-Füllung pro Schriesheimer Gasthaus – laut eigener Aussage nach einmaliger Benutzung im Kofferraum zerdeppert hatte, kommt Nachschub von Bürgermeister Höfer und den "Montagsmädels". Letztere haben dabei auch Wert auf eine Weinflasche mit direkter Zufuhr gelegt.

"Können Sie es mir rüberbringen?", fragt Oettinger vor seinem Auftritt am Stand des Weinguts Max Jäck im Gewerbezelt. Ein Wunsch, dem die Gruppe gern nachkommt. "Ein Heimspiel", sagt Oettinger daraufhin und grinst. Dass es sein letzter Auftritt in der Weinstadt war, darf bezweifelt werden. Ins Notizbuch der "Montagsmädels" notiert er: "Auf eine dritte Begegnung."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung