19.03.2020

Schriesheim zu Corona-Zeiten: Wer ist denn jetzt noch "uff de Gass"?

In der Heidelberger Straße herrschte am Dienstagmittag recht viel Betrieb, aber Gelassenheit - Hektischer ging es in den Supermärkten zu

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Gelassenheit hat eine Heimat: die Heidelberger Straße. Denn wer sich gestern in der Einkaufsmeile umschaute, der konnte sich wundern – im positiven Sinn: Von Panik keine Spur, es war vielleicht etwas weniger los als sonst, aber immer noch ordentlich Betrieb: "Die Schriesemer sind halt immer ,uff de Gass’", lacht eine Kundin, als sie sich gerade in Gerda Kecks Schreibwarenladen eine Illustrierte kauft. "Man merkt, dass die Kinder zuhause sind", sagt Gerda Keck, "da wird viel gebastelt." Und auch jetzt brauchen die Schüler Hefte und Stifte. Aber ganz sorglos ist Keck nicht: "Ich halte Distanz, und eine Kundin hat mir Einmalhandschuhe gebracht."

Auch die 88-jährige Rita Keuthen, die ihr Rad durch die Straße schiebt, ist "sehr vorsichtig geworden. Ich meide jetzt den Kontakt, dabei bin ich sonst sehr gern auf Veranstaltungen gegangen". Auch der Gottesdienst fehlt ihr: "Ist ja alles gestrichen!" Immerhin: Die rüstige Dame, deren Kinder außerhalb wohnen, hat jemanden zum Einkaufen. Aber verdrossen wirkt sie absolut nicht.

Nicht jeder in der Heidelberger Straße hat hier auch etwas zu erledigen: Michaela Knapp aus Schriesheim hat frei, da macht sie eine Walkingtour, "weil ich mich daheim nicht einschließen will". Auch sonst reagiert sie eher gelassen: "Ich gehöre auch zur Risikogruppe und gehe ganz normal einkaufen – allerdings sollten das meine Eltern nicht tun." Inge Gutfleisch und Jürgen Heller sind von Dossenheim herübergewandert und waren beim Bäcker. Jetzt geht es über den Blütenweg nach Hause: "Wenn man jetzt nicht raus dürfte, wäre das ja kontraproduktiv." Beide sehen sich gut informiert und sind daher entspannt: "Das Leben geht für uns normal weiter." Allerdings meiden sie große Menschenansammlungen und öffentliche Verkehrsmittel. Zwei Wanderinnen aus Mannheim sind durchaus erstaunt, dass in Schriesheim so viel los ist: "Mannheim ist wie leer gefegt, da hat ganz viel zu."

Die Schriesheimerin Sigrid Berger-Seidel war gerade beim Orthopäden und will nun zur Bäckerei. Sie sagt über sich: "Ich bin nicht ängstlich, aber sehr vorsichtig." Ihre Art und Weise einzukaufen, wird sie so schnell nicht ändern: "Ich brauche sowieso nur einmal pro Woche etwas." Auch Berger-Seidel achtet darauf, einen Mindestabstand zum Gegenüber zu halten – nur in der Praxis klappt das nicht überall. Sobald sich, wie beispielsweise beim Backhaus Höfer, Schlangen bilden, kommen sich die Leute dann doch etwas näher, als sie sollten. Immerhin steht eine Flasche Desinfektionsspray auf der Theke.

Renate Oesterreich aus Wilhelmsfeld will in Utes Bücherstube, um sich "mit Büchern einzudecken". Außerdem hatte sie erst jüngst Erfahrungen mit Ansteckungskrankheiten: "Meine Kinder und Enkelkinder hatten die echte Influenza. Ich habe die drei Wochen lang versorgt – und krank geworden bin ich auch nicht. Als Christ nimmt man es eh hin, wie es kommen mag."

Im Buchladen ist ziemlich viel Kundschaft, doch Inhaberin Regine Hindorf treiben einige Sorgen um: "Es gibt, Stand jetzt, keine klaren Ansagen, wie lange wir noch offen haben." Und mehr noch: "Wenn die Bestellungen im Internet weitergehen, während die Läden geschlossen haben, wird dem Einzelhandel das Genick gebrochen." Dass Geschäfte dieser Größenordnung es schwer haben werden, eine wochen- oder gar monatelange Schließung zu überleben, liege auf der Hand – auch wenn Hindorf durchaus anerkennt, dass die Politik an Lösungen arbeitet.

Im "Kinderlädchen" ist Birgitta Frank "echt positiv überrascht", denn: "Die Leute kommen! Die Schriesheimer sind auf dem Boden geblieben." Für den Fall der Schließung bietet sie einen Lieferservice an, wirkt aber angesichts der Corona-Krise eher kämpferisch als resigniert.

Aber Schriesheim ist ja nicht nur die Heidelberger Straße. Deutlich weniger gelassen geht es bei den großen Supermärkten im Gewerbegebiet zu. Im "Rewe" gibt es kein Toilettenpapier und keine Küchenrollen mehr, aber am Donnerstag soll neue Ware kommen. Im "Aldi" hingegen kündet ein handgeschriebenes Schild davon, dass es weder Toilettenpapier noch Küchenrollen gibt – tatsächlich ist im Laden Ersteres dann doch da. Nur: Die Abgabe ist auf eine Packung pro Person beschränkt. Als ein junger Mann dann doch zwei aufs Kassenband legt, wird er zurechtgewiesen. "Und was mache ich in drei Wochen, wenn es nichts mehr gibt?", fragt er. Aber Ausnahmen gibt es nicht.

Und doch gibt es immer wieder lustige Momente. So sagt eine Kundin im "Kinderlädchen": "Das ist die perfekte Krankheit für meinen Mann: Der will sowieso nicht aus dem Haus, und jetzt hat er sogar einen guten Grund dafür."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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