02.04.2020

Massiver Erlös-Einbruch: Schriesheimer Winzergenossenschaft meldet Kurzarbeit an

Die erwarteten Erlöse aus der Gastronomie und von Festen sind komplett weggebrochen - Am Jubiläumsfest Ende Juni wird festgehalten

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Ihr 90. Jubiläum hatte sich die Winzergenossenschaft (WG) auch anders vorgestellt. Es sollte zwar kein so rauschendes Fest wie zum 75. werden, aber immerhin waren eine Sonderabfüllung und ein zweitägiges Kelterhausfest in der Porphyrstraße Ende Juni geplant. An beidem wird weiter festgehalten, sagt Geschäftsführer Harald Weiss. Auf jeden Fall wird es den Jubiläumswein, einen Spätburgunder, der "in frühestens sechs Wochen abgefüllt wird" (Weiss) geben, und beim Fest "planen wir momentan so, als würde es stattfinden", so Weiss. Die für den 25. April angesetzte zweite Auflage von "WG Clubbing" ist schon abgesagt. Mit diesem neuen Format im Zehntkeller – die erste Veranstaltung war am 29. Oktober – will man vor allem junge Leute vom und für den Schriesheimer Wein begeistern.

Allerdings ist die WG momentan nicht so recht in Feierstimmung, denn auch die Coronakrise hat bei ihr zugeschlagen: Der Weinverkauf an die Gastronomie, immerhin in normalen Zeiten die Hälfte der Einnahmen (was im Grunde auch für Weingüter gilt), ist komplett weggebrochen, und auch der Verkauf in den Supermärkten oder im eigenen Weinladen läuft eher schleppend: "Im Moment haben die meisten Leute andere Bedürfnisse, als Wein zu trinken – und Leute, die Angst haben, trinken keinen Wein." Im Moment sieht es eher nicht so aus, als würden sich die Leute ihre viele neue Zeit zuhause von einem guten Tropfen verschönern lassen.

Die Konsequenz: Die WG hat Kurzarbeit angemeldet, sie gilt seit gestern für die zehn Mitarbeiter – inklusive Geschäftsführer Weiss. Vorher habe man versucht, Überstunden und Urlaubstage abzubauen, aber dann blieb Weiss keine andere Wahl. Konkrete Zahlen, wie sehr sich die Corona-Pandemie in den letzten Wochen auf die Umsätze ausgewirkt hat, hat Weiss noch nicht: "Wir stehen da erst am Anfang. Das erste Drittel vom März war ja noch halbwegs normal, dann kam der Absturz, von dem wir noch nicht wissen, wie lange der dauert." Von daher könne er seriöserweise noch keine Summen nennen. Aber er ist sich sicher: "Die verlorenen Umsätze werden wir wohl nicht aufholen." Und über größere Rücklagen verfügt die WG nicht, das wäre auch gegen die Regeln einer Genossenschaft: "Wir können ja nicht das Geld der Winzer horten und Bank spielen", sagt Weiss.

Aber immerhin: Wen es doch nach Wein gelüstet, der kann sich seit letzten Samstag wieder im Weinladen eindecken. Seit Mitte März war er geschlossen, dann gab es eine neue Anordnung aus dem Stuttgarter Wirtschaftsministerium, wonach Weinläden und Weingüter doch wieder öffnen konnten. Nun gelten etwas andere, leicht reduzierte Öffnungszeiten (werktags von 9 bis 17 Uhr statt von 8 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 13 Uhr), mittlerweile gibt es auch im WG-Weinladen die mittlerweile obligatorischen Plexiglasscheibe und Desinfektionsmittel; und nach Möglichkeit sollte auch bargeldlos bezahlt werden. Weinprobe und Ausschank gibt es im Moment aus Gründen der Hygiene nicht mehr. Viel los ist hier gerade nicht: "Die Kundenfrequenz ist sehr mager", bedauert Weiss. Es gebe zwar auch einen Internetshop der WG, aber der macht noch keine allzu großen Umsätze. Aber der geöffnete Laden ist vielmehr ein Signal für die Schriesheimer, aber auch die gut 200 WG-Mitglieder (davon 110 aktive Winzer), dass man sich nicht unterkriegen lässt und präsent bleiben will.

Bekanntlich stand ja bereits der Mathaisemarkt ganz im Zeichen von "Corona". Steht Weiss denn immer noch hinter der Entscheidung der Stadt, das Fest erst begonnen zu haben, um es dann zur Wochenmitte doch abzubrechen? "Ja, mit den Kenntnissen, die wir zu dieser Zeit gehabt haben." Natürlich habe er gebangt, ob Krönung und Umzug noch stattfinden könnten, aber dann sei er doch froh gewesen, dass die noch geklappt hätten. Was sich heute wie Nachrichten aus einer fernen Welt anhört, ist noch nicht einmal vier Wochen her. Weiss steht auch dazu, dass der Mathaisemarkt frühzeitig beendet wurde: "Man macht keine Geschäfte, wenn es um das Leben von Leuten geht." Aber so richtig Feststimmung sei eigentlich von Anfang an nicht aufgekommen: "Das war alles schon gedämpfter und nicht mehr so unbeschwert und lustig wie in den Jahren davor." Einmal abgesehen davon, dass das wohl "wirtschaftlich gesehen der schlechteste Mathaisemarkt gewesen ist, seit ich hier bin". Im nächsten Jahr wird Weiss sein silbernes Dienstjubiläum feiern. Besonders leid tut es ihm um die Weinhoheiten: "Das ist schon bitter, wenn nach der Krönung quasi Schluss für sie ist."

Eine Idee, die gerade in Schriesheim die Runde macht, findet Weiss "gar nicht verkehrt" – dass die Weinstadt mit einem Fest das Ende der Corona-Pandemie feiert: "Gut wäre es, wenn wir jetzt schon alle die Köpfe zusammenstecken würden."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung