04.04.2020

Was Altenbach von Hochstädten lernen kann

In dem Bensheimer Stadtteil gibt es seit knapp zwei Jahren einen Dorfladen - Die RNZ fragte nach, wie der funktioniert

Von Micha Hörnle

Schriesheim-Altenbach. In dieser Woche nahm das Ladensterben in Altenbach an Geschwindigkeit zu: Die Wilhelmsfelder Bäckerei Bernauer schloss am 1. April ihre Filiale, und auch das Fitness- und Freizeitcenter "Move" auf der Kipp kündigte an, seinen Betrieb spätestens zum Jahresende einzustellen (RNZ vom Dienstag). Die Kommunalpolitik hat die Problematik schon länger auf dem Schirm, vor einem halben Jahr tagte erstmals eine Ideenwerkstatt. Von ihr blieb am ehesten die Idee eines genossenschaftlich organisierten Dorfladens nach dem Vorbild von Hochstädten in Erinnerung. Wie funktioniert der? Die RNZ unterhielt sich mit Andreas Klemm, der das Projekt in dem Bensheimer Stadtteil vorangetrieben hatte.

In manchem ist Hochstädten dem knapp 40 Kilometer entfernten Altenbach nicht unähnlich: Auch hier verschwanden nach und nach die Wirtschaften und die Läden, die Einwohner des Odenwalddorfes kauften in den nahen "Hauptorten" ein. Das wurmte Andreas Klemm, der selbst lange das Lokal "Fiesta" mitten im Dorf geführt hatte, und sammelte Mitstreiter.

Aber eigentlich hatten die zuerst etwas anderes im Sinn: Als einziger (und kleinster) der neun Bensheimer Stadtteile hatte Hochstädten kein Dorfgemeinschaftshaus, und aus dem Bensheimer Rathaus hieß es ständig, dafür sei kein Geld da. Nun hatte aber der einzige große Betrieb des Dorfes, das Marmorit-Werk, 2008 seinen Betrieb eingestellt, nach und nach wurden alle Gebäude abgerissen – bis auf die Kantine mit ihren denkmalgeschützten Wandmalereien. Inzwischen hatte sich ein Bürgerverein gegründet, der aus diesem Gebäude ein Dorfgemeinschaftshaus machen wollte: "Das war eine Bruchbude", erinnert sich Klemm. Immerhin bekam man vom Eigentümer, dem Gipskonzern Knauf, den ganzen Bau kostenlos und sogar eine Anschubfinanzierung, aber das meiste, so Klemm, leistete der Verein in Eigenarbeit. Nur: Die alte Kantine mit ihren drei Räumen, davon einen großen im Obergeschoss, war für ein reines Dorfgemeinschaftshaus zu groß. Inzwischen hatte auch der letzte Laden im Ort, eine Bäckerei, dichtgemacht, und so kam Klemm auf die Idee, im Erdgeschoss einen Dorfladen einzurichten.

Den Anfang machte eine Umfrageaktion unter den Einwohnern: Was wünschen die sich? Und heraus kam ein kleiner Dorfladen mit einem breiten Sortiment – Hauptlieferant ist Edeka – und vielen regionalen Produkten plus einem Café als Treffmöglichkeit. Rechtlich organisiert ist das Ganze als Unternehmensgesellschaft, eine Art Mini-GmbH, nach genossenschaftlichem Prinzip: 160 Einwohner (von insgesamt 700) kauften Anteile – einer kostete 250 Euro –, und damit hatte man 70.000 Euro für die Einrichtung und die erste Ware zusammen. Im Juni 2018 eröffneten Dorfladen und Café, und Klemm bilanziert nach knapp zwei Jahren: "Wir sind auf einem guten Weg. Wir erwarten keine Gewinne, aber eine schwarze Null. Noch haben wir die nicht ganz erreicht, aber wir rechnen in den nächsten Monaten damit."

Und ganz wichtig: Der Dorfladen funktioniert nur mit dem Café, denn mit dessen Einnahmen wird der Betrieb des Geschäfts subventioniert. Insofern trifft es den Laden schon, dass das Café, coronabedingt, geschlossen ist. Aber auch in diesen Zeiten, sagt Klemm, bewährt sich das Konzept: "Gerade in der Coronakrise schätzen die Hochstädter den Dorfladen als Treffpunkt, es wird verstärkt eingekauft. Es ist an sich eine gute Zeit, sich wieder auf den eigenen Ort zu besinnen." Mittlerweile führte das sogar zu einem Imagewandel des Stadtteils, so Klemm: "Vorher war Hochstädten ein reines Schlafdorf. Mit dem Laden stieg die Attraktivität – und auch die Grundstückspreise. Mittlerweile sagen sogar Leute, dass sie sich extra in Hochstädten ein Haus gekauft haben, weil hier etwas los ist."

Altenbachs Ortsvorsteher Herbert Kraus war selbst mit einer Delegation vor Ort und ist immer noch vom Hochstädtener Modell begeistert, das er gerne übernehmen würde. Vor allem gefällt ihm der Gedanke, dass das ein Projekt der Bürger und nicht etwa einer Stadtverwaltung gewesen ist: "Wenn ich als Bürger Anteile an einem Laden kaufe, ist die Bereitschaft größer, dort auch hinzugehen." Allerdings, und da sind sich Klemm und Kraus einig: Rein auf freiwillig-bürgerschaftlichem Engagement wird es nichts mit einem Laden, da müssen Festangestellte ran: In Hochstädten sind es vier plus sieben Aushilfen. Und, so ergänzt Klemm: "Es braucht immer einen Vorturner. Es muss Leute geben, die vom Projekt überzeugt sind und viel Zeit investieren. Wenn es die nicht gibt, hat es keinen Zweck." Klemm ist selbst einer dieser Vorturner, als ehrenamtlicher Geschäftsführer haftet er sogar für den Laden.

In Altenbach war man schon so weit, den ersten Schritt wie in Hochstädten zu machen: Eine Fragebogenaktion war schon auf dem Weg, musste aber wegen "Corona" verschoben werden: "Sobald diese Krise vorbei ist, nehmen wir das in Angriff." Und auch Räume hat Kraus schon im Blick: "Die Bäckerei ist mit 53 Quadratmetern zu klein, die Volksbank, die doppelt so groß ist, scheint mir geeigneter." Und was sagt Dorfladen-Initiator Klemm zu den Bedenken, die gerade in Altenbach in Sachen Dorfladen geäußert werden? "Bedenkenträger gibt es immer, die hatten wir auch. Man muss nur vorher wissen, ob die Bürger solch ein Projekt wollen und ob sich genügend dafür engagieren." Gründe, weswegen das in Altenbach nicht klappen soll, sieht Kraus nicht: "Zumal wir auch dreimal mehr Einwohner haben als Hochstädten."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung