07.04.2020

Schriesheimer FSJler: Trotz Corona geht ihnen die Arbeit nicht aus

In der Ferne in bewegten Zeiten: Ein Südafrikaner und eine Indonesierin absolvieren ihr Freiwilliges Soziales Jahr in Schriesheim

Von Florian Busch

Schriesheim. "Wir sind sehr froh, dass wir hier sind", freuen sich Jessica Sinlae aus Indonesien und Dylan de Vos aus Südafrika. Die beiden machen seit dem 6. März ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Evangelischen Kirchengemeinde – und das trotz des Coronavirus. Denn obwohl das öffentliche Leben zurzeit nahezu zum Erliegen gekommen ist, gebe es genügend zu tun. Von Eintönigkeit keine Spur: "Die Aufgaben sind immer andere", erzählt Jessica. Unter anderem tragen die Zwei das Gemeindeblatt aus oder verteilten die Umschläge der Briefaktion. Zu Beginn ihres FSJ waren sie außerdem bei einigen Angeboten der Protestanten für Kinder und Erwachsene dabei und arbeiteten auch viel im Begegnungszentrum und Café "mittendrin".

Das liegt derzeit alles auf Eis. Was am meisten fehle, seien die Gespräche mit den Leuten, meint Jessica, die seien immer sehr nett und freundlich zu ihnen. Beide schätzen aber auch die Ruhe im Ort, das sei bei ihnen zu Hause ganz anders. "Es ist sehr schön hier", findet Dylan. Ein Problem haben sie dann aber doch mit Schriesheim: "Es ist zu kalt", meinen sie und lachen. Sowohl in Südafrika als auch in Indonesien, das viel näher am Äquator liegt, sei es deutlich wärmer. Dafür gibt es hier wiederum Schnee, den Jessica gerne einmal mit eigenen Augen sehen möchte.

Zeit hat sie dafür bis Ende Februar, dann endet das FSJ. Bis dahin können die Zwei zwar nicht nach Hause, das sei aber auch ohne das Virus nicht möglich gewesen, so Jessica: "Zu weit weg." Ihre Freizeit verbringen die Beiden vor allem in ihren Zimmern oberhalb des "mittendrin". Dylan hat täglichen Kontakt mit seiner Familie und Freunden über das Internet oder per Telefon, für Jessica ist das schwieriger. Das Problem ist die Zeitverschiebung: Während Südafrika seit der Umstellung auf Sommerzeit sogar in der gleichen Zeitzone wie Mitteleuropa liegt, laufen die Uhren in Indonesien sieben bis neun Stunden vor. Aus diesem Grund hat Jessica bisher auch nur vereinzelt mit ihren Eltern telefoniert, "weil die schlafen", wie sie mit einem Lächeln erzählt.

Das sei für sie aber kein größeres Problem. Für ihr Studium musste die 23-Jährige nämlich schon früher als andere von daheim ausziehen. Schon davor hatte Jessica einige Freiwilligenarbeit geleistet und merkte während ihres Studiums, dass ihr das fehlte. Als sie dann nach ihrem Abschluss zu arbeiten begann, habe sie ihr Chef irgendwann gefragt, ob eine solche Aktivität im Ausland nicht etwas für sie sei. Nach eifriger Überlegung "habe ich die Chance dann ergriffen".

Anders lief es bei Dylan. Eigentlich wollte der 20-Jährige mit einem Studium anfangen, war sich aber nicht sicher, was er überhaupt studieren möchte. Deshalb, und um einige soziale Fähigkeiten zu entwickeln, wollte er dieses FSJ machen. Gleichzeitig schrieb er sich aber auch bei Universitäten ein. Als er dann von beiden Seiten eine Zusage bekam "habe ich eine Münze geworfen", erzählt Dylan und lacht.

Dass beide während einer weltweiten Ausnahmelage tausende Kilometer weit von ihrer Heimat entfernt sind, mache ihnen keine Angst. Im Gegenteil: "Wir haben großes Glück, dass wir in Schriesheim sind", stellt Dylan fest. In Indonesien würden vor allem die wegfallenden Einnahmen durch den Tourismus das Land und die Menschen hart treffen. Aus diesem Grund sei auch der Flughafen auf Bali, der Touristenhochburg des Landes, noch nicht geschlossen. Jessica findet das zwar falsch, meint aber gleichzeitig, wegen den fehlenden Einnahmen: "Es ist sehr hart, würde man Bali schließen."

In Südafrika herrsche aktuell ein "totaler Lockdown", also eine komplette Abriegelung des öffentlichen Lebens, berichtet Dylan. Die Menschen dürften nur mit triftigen Gründen ihre Häuser verlassen. Dies werde von der Polizei sehr streng kontrolliert, bei Verstößen drohe sogar eine Haftstrafe: "Die Situation wird sehr ernst genommen." Zu Beginn ihres FSJ hatten Jessica und Dylan noch Angst davor, rauszugehen, da in Deutschland noch keine größeren Maßnahmen ergriffen worden waren. Diese Angst sei aber inzwischen verflogen, da nun auch hierzulande etwa größere Gruppen verboten sind. Viel mehr, als sich selbst zu infizieren, befürchten beide sowieso, das Virus unbemerkt an andere, zum Beispiel ältere Menschen, weiterzugeben.

Probleme gibt es außerdem noch mit der deutschen Sprache. Ein geplanter Kurs wurde abgesagt, deshalb bekommen sie Online-Unterricht über einen Videochat. Zwar seien sie noch am Anfang, "aber wir machen Fortschritte", erzählt Jessica stolz. Das lässt sich Dylan nicht zweimal sagen – und präsentiert prompt seine Sprachkenntnisse: "Guten Morgen, guten Abend, wie geht’s?"

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung