16.04.2020

Endlich wieder daheim! Der Schriesheimer Manfred Görk und seine Frau saßen in Neuseeland fest

Endlich wieder daheim! Der Schriesheimer Manfred Görk und seine Frau saßen in Neuseeland fest

Banges Warten, dazu noch einquartierte Obdachlose im Motel – Nach einer Woche Ausharren in der Selbstisolation, kam die ersehnte Nachricht

Manfred Görk kurz vor dem Rückflug im Flughafen von Auckland: So endete, was als sechswöchige Neuseeland-Rundreise begonnen hatte. Repro: Dorn

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Manfred Görk und seine Frau Yanping Ma gehörten zu den rund 12.000 deutschen Urlaubern, die in Neuseeland gestrandet waren. Beide waren am 2. März in dem Inselstaat eingetroffen, dort hatten sie eine sechswöchige Rundreise geplant, saßen aber ab dem 26. März für zehn Tage in einem Motel fest. Nun berichtet der Schriesheimer, wie er es wieder zurück in die Heimat schaffte.
*
"Nach einer Woche Ausharren in der Selbstisolation kam am 2. April die erlösende Nachricht der neuseeländischen Regierung: Die Rückholflüge dürfen starten, sofern dabei kein neuseeländischer Bürger gefährdet wird. Konkret hieß das: Jeder, der ein Ticket hat, darf sich innerhalb von 24 Stunden vor dem Abflug auf direktem Weg zu den Flughäfen Auckland oder Christchurch begeben. Lufthansa schickte einige Maschinen nach Neuseeland, nachdem Überflug- und Landegenehmigungen erteilt waren. Jeder verstand, dass es ein paar Tage dauern würde, trotzdem stieg die Unruhe bei den Wartenden. ,Wann bekomme ich ein Ticket?’, war die entscheidende Frage. Bereits am nächsten Tag war die erste Maschine der Air New Zealand auf dem Weg nach Frankfurt. Zwei Tage später startete auch die Lufthansa.

Die Botschaft entschied, wer wann fliegen kann, die Airlines verschickten die Tickets, jeder Flug war voll, zumal zusätzlich noch Reservelisten geführt wurden, ja manche sogar noch eine Stunde vor Abflug telefonisch gefragt wurden, ob sie in zehn Minuten am Flughafen sein können. Wir bekamen kein Ticket und auch keinen Platz auf einer Reserveliste. Erst nach drei Tagen war die erste Person aus unserem Motel abgeflogen. Hier war Langeweile eingekehrt, mittlerweile waren alle Spazierwege mehrfach gegangen. Die Unruhe stieg, immer wieder waren die Augen auf Facebook gerichtet, um Neues zu erfahren.

Drei Tage lang war der Aufenthalt im Motel von einer unschönen Abwechslung geprägt: Die Polizei hatte ein Dutzend Obdachlose einquartiert. Das war sicher eine sinnvolle Maßnahme, allerdings hatten diese Leute überhaupt kein Interesse daran, sich selbst zu isolieren. Sie genossen den ungewohnten Komfort durch geselliges Beisammensein, ohne den geringsten Abstand voneinander einzuhalten. Wir Ausländer zogen uns in die Zimmer zurück, weil sie auch uns gegenüber jede Abstandsregelung missachteten. Streit in der Gruppe kam dazu, schwerer Marihuana-Geruch drang nachts durch die Fenster, Polizei erschien, um sie über die Verhaltensregeln aufzuklären. Vergeblich. Am 5. April waren sie plötzlich alle wieder weg, die Polizei hatte sie an einen anderen Ort gebracht.

Auf Facebook konnte man erleichterte und dankbare Texte von denjenigen lesen, die ein Ticket bekommen hatten. Die anderen, die so wie wir nun schon seit zehn Tagen am gleichen Ort ausharrten und immer noch nicht berücksichtigt wurden, waren frustriert oder hatten einfach die Sorge, vergessen zu werden. Jeder hatte einen Vorschlag, wie man es hätte anders organisieren können. Die Botschaft hatte ihre Regeln für die Reihenfolge – und das war gut so. Auf ihrer Homepage stand jetzt der "Landsleute-Brief". Darin bat sie um Entschuldigung für manche Pannen und bestätigte immer wieder, dass keiner zurückbleiben muss. So vergingen die Stunden in zäher Lethargie. Wer nachts aufwachte, schaute sofort aufs Handy. War die erlösende E-Mail eingegangen? Bei uns nicht.

Neben den von der Regierung organisierten Rückflügen gab es eine Airline, die weiterhin nach Europa flog: Qatar Airways. Sie hatte die Zahl ihrer Flüge sogar noch ausgeweitet. Das war unsere zweite Chance, und wir nutzen sie. Freilich immer mit der Sorge, dass auch diese Fluglinie ihren Betrieb einstellen konnte, so wie es schon lange vorher alle anderen Airlines von und nach Neuseeland getan hatten.

Unser Flug startete am 7. April. Er war der einzige an diesem Nachmittag. Der Flughafen war gespenstisch leer, hohe weiße Plastikwände waren um die Geschäfte aufgestellt, dass man wie durch eine Röhre zum Gate ging. Die große Anzeigetafel war leer, nur ein Flug war zu sehen: QR921. Als wir Neuseeland verließen, kamen Wehmut auf und Fragen. Wir waren alle zwei Wochen in einer Isolation, wir wollten nach Hause, aber was würde uns dort erwarten? Als wir nach mehr als 30 Stunden in der Luft und in Doha am Boden in Frankfurt ankamen, waren die Unterschiede zu Neuseeland gering. Ein leerer Flughafen, eine große Zahl geparkter Maschinen auf dem Vorfeld, im Zug nach Mannheim nur drei Personen in einem Waggon. Der erste Einkauf in Schriesheim war nicht anders als der letzte in Auckland. Die Leute verhielten sich weitestgehend vernünftig, hielten Abstand. Auch hier war es leiser als normalerweise. In Neuseeland war ich beeindruckt davon, wie konsequent die Regeln landesweit einheitlich kommuniziert und umgesetzt wurden. Wir wussten, dass in Deutschland die Regelungen auf Länderebene sehr unterschiedlich sind. Also galt es als Allererstes herauszufinden, was an unserem Wohnort erlaubt ist und was nicht.

Neuseeland wird uns in einer ganz besonderen Erinnerung bleiben. Beim Abschied aus unserem Motel gab man uns ein ,Please come back under better circumstances’ (Kommen Sie bitte unter besseren Umständen zurück) mit auf den Weg. ,We will, definitely!’, war meine Antwort: ,Werden wir, selbstverständlich!’"

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung