20.04.2020

Keine Feier für 40 Jahre: Bei der Schriesheimer Weinstube Müller halten jetzt alle zusammen

Keine Feier für 40 Jahre: Bei der Schriesheimer Weinstube Müller halten jetzt alle zusammen

Gerade jetzt halten alle zusammen In Zeiten der Krise zeigt sich, wie stark ein Familienbetrieb sein kann - Jubiläumsfeier wird nachgeholt

Das 40-Jährige ihres Familienbetriebs feiern – wenn auch unter ungewohnten Umständen einer Pandemie – Martina, Stefan, Wilhelm, Renate und Dominik Müller (v.l.). Foto: Dorn

Von Nadine Rettig

Schriesheim. Die urigen Innenräume von "Müllers Weinstube" haben über die Jahre hinweg wohl schon viele gesehen – von Geburtstagen über Hochzeiten bis hin zu Jubiläen ist die Weinstube in Schriesheim eine beliebte Adresse. Für viele Gäste wurde die Weinstube nach so vielen Jahren sogar wie eine Feier in ihrem zweiten Wohnzimmer, weiß Martina Müller. Doch auf die gebührende Feier zum eigenen Jubiläum muss die Gaststube fürs Erste verzichten, "Corona" sei "Dank".

Denn am 13. April war es genau 40 Jahre her, dass Wilhelm Müller die Türen zur Weinstube im umgebauten Erdgeschoss seines Elternhauses in der Max-Planck-Straße 8 nah am damals noch frisch gebauten Schulzentrum für die Besucher zum ersten Mal öffnete. Und zu diesem besonderen Anlass sollte es Ende des Monats eigentlich eine "Jubiläumswoche" sowie einen "Jubiläumsabend" mit einem Überraschungsabend für Wilhelm Müller geben. "Jetzt haben wir eine ganz andere Überraschung", fasst er die Auswirkungen der Corona-Pandemie für die Gastronomiebetriebe zusammen.

Seit er sich vor 40 Jahren als Quereinsteiger in das Abenteuer eines eigenen Gastronomiebetriebes gewagt hatte, hat sich vieles verändert. Doch ihren Grundwerten ist die Familie über die gesamten Jahrzehnte hinweg treu geblieben. Nach und nach hat Wilhelm Müller seine Tochter in den Familienbetrieb eingearbeitet, und seit zehn Jahren führten die beiden den Betrieb gemeinsam. Seit Januar hat sich auch dies geändert. Denn seither hat Wilhelm Müller die Weinstube offiziell an seine Tochter übergeben.

"Das 40-Jährige wird nicht mehr unter meiner Regie stattfinden", hatte er anlässlich des 35-jährigen Jubiläums gesagt – und das machte er nun wahr. Dennoch werde man ihn noch häufig in dem Betrieb sehen, wo er seiner Tochter mit Rat und Tat zur Seite stehe. "Bisher konnten wir ihn noch nicht runterfahren. Dafür haben wir den Knopf noch nicht gefunden", scherzt seine Frau Renate Müller.

Tochter Martina ist darüber aber sehr froh. Seit ihrer Kindheit weiß sie, was es bedeutet, in einer Familie aufzuwachsen, die einen eigenen Betrieb führt. "Wir sind quasi hier in der Weinstube groß geworden", erinnert sich auch ihr Bruder Dominik Müller. Und auch wenn es ihn beruflich nicht in die gastronomische Richtung gezogen hat, so hilft er immer gerne aus, wenn Not am Mann ist. Für Martina Müller ist es eine große Stütze, die gesamte Familie hinter sich zu wissen. Denn auch ihr Mann Stefan Müller, der ebenfalls nicht aus dem Gastronomiegewerbe kommt, helfe ihr mit seinem Blick von außen oft enorm weiter.

"Das Wichtigste für einen guten Betrieb ist, dass die Basis stimmt und alle an einem Strang ziehen", sagt sie. Und gerade in Zeiten von Krisen werde dies umso deutlicher. Und bisher habe sich gezeigt, dass sie sich in einer solchen Ausnahmesituation nicht nur auf ihre Familie, sondern auch auf die Mitarbeiter und Gäste voll und ganz verlassen könne. "Wir haben auch in dieser Zeit einen enormen Rückhalt vom gesamten Team und legen Wert auf eine offene und ehrliche Kommunikation", so Müller. Denn nur so könne man auch nach der Corona-Krise wieder an die vergangenen Zeiten anknüpfen.

Und viele Mitglieder des Teams gehören bei der Weinstube beinahe selbst schon zur Familie. Ein Koch sowie eine Küchenfrau feiern im nächsten Jahr ebenfalls ihr 40-jähriges Jubiläum im Betrieb, eine weitere Küchenfrau ist auch schon seit 35 Jahren dabei. Und auch viele der Gäste kennt Martina Müller schon von Kindesbeinen an.

Eben diese Gäste sind es jetzt auch, die den Abholservice, den die Weinstube an einigen Tagen der Woche anbietet, voll auskosten. "Bei einem solchen Rückhalt wird einem immer wieder klar, warum man das macht", freut sich Martina Müller über die Resonanz. Aber auch sie muss sich aktuell umstellen: "So oft wie momentan war ich abends noch nie zu Hause", sagt sie und lacht.

Doch sie freut sich schon darauf, wenn sie ihr privates Wohnzimmer wieder gegen ihr zweites Wohnzimmer, die Weinstube, eintauschen kann. Und so wie ihr geht es vermutlich vielen Gästen. Und die geplanten Feierlichkeiten werden im Herbst nachgeholt. "Der Wein geht bis dahin nicht kaputt, und das Essen wird frisch gemacht", blickt Wilhelm Müller optimistisch in die Zukunft der Weinstube – damit hier noch viele Jubiläen und andere Feste gefeiert werden können.

Bescheiden waren die Anfänge der Weinstube – hier Wilhelm Müller mit seinen Kindern Martina und Dominik. Repro: Dorn

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung