11.05.2020

Der tägliche Kampf gegen sich selbst

Der tägliche Kampf gegen sich selbst

Als Schriesheimer Ordnungsamtsleiter muss Bodybuilder Achim Weitz auch dafür sorgen, dass die Fitness-Studios geschlossen bleiben

Das waren noch Zeiten: Achim Weitz bei einer Trainingseinheit in seinem geliebten Fitness-Studio. Foto: privat

Von Daniel Hund

Schriesheim. Breite Schultern, dicker Bizeps und Oberschenkel, die Baumstämmen gleichen. Wenn Achim Weitz, 48, die Tür aufmacht, wird es dunkel. Respekt flößt er ein, aber Angst braucht man vor ihm keine zu haben. Im Gegenteil: Weitz ist ein sympathischer Zeitgenosse. Aufgeschlossen und hilfsbereit. In Schriesheim weiß man das zu schätzen, macht es sich sogar zu nutzen. Denn der Mann mit dem kräftigen Händedruck arbeitet dort als Leiter des Ordnungsamtes.

Langweilig wird es ihm nie. Vom Mathaisemarkt, über Trauungen bis hin zu verkehrsrechtlichen Angelegenheiten – Weitz ist in Schriesheim eine Art Allzweckwaffe. Seit rund acht Wochen dreht sich eigentlich alles nur noch um ein Thema: Corona hier, Corona da. "Es ist wirklich unglaublich, was da so alles anfällt, ständig müssen neue Verordnungen umgesetzt werden oder neue Regeln erlassen werden", plaudert Weitz aus dem Nähkästchen. Selbst für ihn ist es da nicht immer leicht, den Durchblick zu behalten.

Vierfacher Deutscher Meister

Viele Mitbürger sehen in ihm mittlerweile möglicherweise sogar eine Art Buhmann. Schließlich ist er es, der auch die unangenehmen Dinge umsetzen muss. Los ging es in Schriesheim mit dem Abbruch des Mathaisemarktes und der Schließung der Gastro-Betriebe, ehe kurz darauf so gut wie alles dicht gemacht werden musste.

Unter anderem natürlich auch die Fitness-Studios. Womit wir bei einem ganz sensiblen Thema wären. Denn Weitz selbst ist nicht irgendwer, er ist Bodybuilder und zwar ein hochdekorierter: Viermal krallte sich der Kraftsportler, der in Neckarhausen lebt und in Ladenburg aufgewachsen ist, schon die deutsche Meisterschaft, stand auch bei den Weltmeisterschaften knallhart und symmetrisch auf der Bühne und poste die Konkurrenz oftmals in Grund und Boden. Wann alles angefangen hat? Weitz lächelt: "Das ist jetzt über 30 Jahre her. Ich lebe diesen Sport und werde ihn immer leben."

Momentan ist das allerdings nicht so einfach. Die Muckibuden sind zu. Stoppen lässt sich einer wie er davon aber nicht. Improvisieren heißt das Zauberwort. Hier kommt die eigene Terrasse ins Spiel. Dort hat der glühende Fan des SV Waldhof Mannheim ein paar Kurz- und Langhanteln gebunkert, auch eine Hantelbank gehört zu seinem Notfall-Equipment. "Das ist zwar alles recht spartanisch, aber was soll’s, zum Überbrücken reicht es", räumt der Koloss zähneknirschend ein.

Besonders bitter: Eigentlich ist er sein eigener Gegner, kämpft tagtäglich gegen sich selbst. Er muss das verbieten, was er so liebt. Und in diesem Zusammenhang gibt es eine amüsante Geschichte zu erzählen: Kürzlich, Weitz hatte ausnahmsweise mal frei, ging eine Beschwerde in seinem Büro ein. Angeblich würde in einem der beiden Fitness-Studios in Schriesheim – trotz Coronaverbot – trainiert werden. Eine Kollegin übernahm den Fall, gemeinsam mit der Polizei düste sie zum vermeintlich illegalen Workout. Und ihr schwante Böses: "Da ich frei hatte, zählte sie eins und eins zusammen und ging davon aus, dass auch ich der ungebetene Trainingsgast sein könnte", lacht Weitz.

Was natürlich Blödsinn war, der muskelbepackte Kollege war artig zuhause, chillte auf der Couch. Und wer war’s dann? Niemand! Der illegale Pumper entpuppte sich als legaler Handwerker.

Hört sich alles lustig an, doch so langsam hört der Spaß eben auf. Vor allem, wenn man weiß, dass die Studios in Nordrhein-Westfalen in dieser Woche wieder öffnen dürfen und in Baden-Württemberg frühestens nach Pfingsten wieder gepumpt werden darf. "Für einige Bodybuilder in Deutschland, die von diesem Sport leben, ist das existenzbedrohend", sagt Weitz.

Und der weiß genau, wovon er spricht. Als 2. Vorsitzender des Baden-Württembergischen Verbandes und Kampfrichter ist er permanent mit Athleten in Kontakt.

Er selbst ist mittlerweile im Hobby-Modus angelangt, die aktive Wettkampf-Karriere beendet. Doch auch Weitz will endlich wieder ins Gym. Schließlich sollen aus den Baumstämmen keine Zahnstocher werden.

Achim Weitz hält sich auf der heimischen Terrasse fit, die Waldhof-Maske wird er möglicherweise brauchen, wenn die Muckibuden wieder öffnen. Foto: privat

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung