11.05.2020

Evangelische Gemeinde Schriesheim: Rückkehr zur "Normalität" verlief zögerlich

Zum ersten Präsenz-Gottesdienst seit Beginn der Krise kamen weniger als zehn Besucher. Der Livestream geht weiter.

Schriesheim. Mit Tränen in den Augen betrat eine Frau am Sonntagmorgen die evangelische Kirche in Schriesheim. Normalerweise besucht sie nur selten einen Gottesdienst, doch nun nahm sie die erste Gelegenheit wahr, um bei einem der ersten Präsenz-Gottesdienste der Region dabei zu sein. In den knapp 30 Minuten fand sie Trost: "Ich bin berührt, ich war wieder bei einem echten Gottesdienst."

Sie zählte zu den weniger als zehn Gästen. Vor der Krise füllten sonntags mehr als 200 Besucher die Bänke im unteren Kirchenschiff und auf der Empore. Der erste Versuch einer Rückkehr zur "Normalität" zeigte nun die Angst der Menschen. Pfarrer Kieren Jäschke ließ sich nicht beirren und zitierte Jesus: "Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen."

Für den Gottesdienst hatten Thomas Rufer und Petra Lux vom Ältestenrat ein Hygiene-Konzept erarbeitet: Zur Begrüßung konnte jeder seine Hände desinfizieren. Es wurden Nummernkarten verteilt. In den Bänken waren die Sitzkissen so angeordnet, dass die Menschen Abstand halten konnten. Rufer: "Die Abstände sind ungewohnt. Doch so haben wir Platz für 88 Besucher."

Auch für den Pfarrer war die Situation ungewohnt. Seit Dezember, noch vor der Krise, hatten Jäschke, seine Kollegin Suse Best und ihr Team Gottesdienste per Livestream gesendet: "Zuerst war der Livestream-Gottesdienst nur für nicht-mobile Gemeindemitglieder gedacht. Unser Glück, so waren wir etwas vorbereitet. Ich stelle mir dann meine Zuhörer auf dem Sofa vor. Nun sehe ich sie wieder und rede zu ihnen, direkt." Er lächelte: "Ich habe nun Gemeindemitglieder gesehen, die wir nicht digital erreichen. Ich habe mich gefreut." Jäschke las den Spruch zum Sonntag: "Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er schafft Wunder." Ein wenig absurd, denn in Corona-Zeiten darf die Gemeinde nicht gemeinsam singen. So betete Jäschke: "Wir bitten dich: Lass uns spüren, dass du da bist." Gerade in Corona-Zeiten sprach er über den Atem: "Es gibt Momente, in denen uns der Atem stockt, gerade in Momenten größter Herrlichkeit."

Sehr persönlich berichtete er von so einem Moment: Mit 14 Jahren war er mit sich und der Welt uneins. Es gab Probleme in der Schule, mit Klassenkameraden. In dieser Stimmung des persönlichen Unglücks radelte er zum Tischtennis und spürte plötzlich: "Wow! Auch wenn ich auf der ganzen Welt mit niemandem befreundet sein sollte, so habe ich doch einen wahren, guten Freund, nämlich Gott. Dieses Erlebnis trägt mich bis heute." Auf der Empore interpretierten Martin Fitzer und seine Frau Susanne eine Sonate des Barock-Komponisten Benedetto Marcello.

Martin Fitzer sagte: "Auf der Straße dürfen wir beieinander laufen. Hier achten wir auf Abstand." Noch am Vorabend hatte er Verordnungen studiert. Er saß wie gewohnt an der Orgel, sie spielte die Altflöte mit rund sechs Metern Abstand zur Brüstung. "Wir kennen uns so gut, wir können auch auf Abstand zusammenspielen", sagte sie. Besucher Hartwig Schudt arbeitet in einer Heidelberger Klinik. "Es ist etwas anderes, wenn man Menschen direkt vor Augen hat. Man bekommt etwas für das Herz", meinte er zu dem Gottesdienst. Kirchenältester Horst Burgdörfer sagte: "Es war die Essenz eines Gottesdienstes." "Sehr berührend", meinte Martina Mühlbacher. Und Gerlinde Metzger sagte: "Ich hoffe, dass es nächsten Sonntag wieder einen Gottesdienst geben wird."

Danach fanden sich sofort junge Musiker ein: für den Livestream-Gottesdienst. Sie sangen: "Du mein Gott bist größer, höher, weiter als der Himmel und deine Liebe tiefer als das Meer."An der Kamera stand Rolf Döbler, Maschinenbauingenieur: "Unser Team kann mit der Kamera Details zeigen, die man sonst nicht wahrnimmt." Die Livestream-Gottesdienste sendet er im Internet in Echtzeit, zwischen 180 und 250 "Gäste" nehmen teil.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung