13.05.2020

Bei "Blumen-Kimmel" und im Raiffeisenmarkt wird eingekauft wie selten zuvor

Weil Urlaub auf Balkonien gerade boomt - Beide Läden hatten auch im "Lockdown" geöffnet

Von Nadine Rettig

Schriesheim. "Wenn das so weitergeht, dann könnte man die Bundesgartenschau bestimmt bald in Schriesheim machen", sagt Kai Jochim und lacht. Jochim ist Niederlassungsleiter des ZG-Raiffeisenmarktes in der Weinstadt. Und während viele Betriebe in anderen Branchen derzeit ums Überleben kämpfen, haben Gärtnereien und Märkte mit einem großen Pflanzensegment zur Zeit Hochkonjunktur.

Dass viele Schriesheimer aufgrund der Coronakrise mehr Zeit haben und sich bei dem gegenwärtigen Sonnenschein ihrem Balkon oder Garten widmen, spürt auch die Gärtnerei "Blumen-Kimmel". Im Blumengeschäft selbst sei zu Beginn der Beschränkungen zwar anfangs weniger Betrieb gewesen wie zu normalen Zeiten, erinnert sich Inhaberin Daniela Schmidt, die den Betrieb gemeinsam mit ihrem Bruder führt. Jedoch habe dafür das Sommergeschäft mit Beet- und Balkonbepflanzung nahtlos nach Ostern begonnen – deutlich früher als sonst.

"Zurzeit sind viele Menschen daheim, und das Wetter spielt auch ideal mit. Außerdem haben viele ihren Sommerurlaub wohl schon abgeschrieben und möchten sich ihre Zeit auf Balkonien umso schöner machen", erklärt sich Schmidt den frühen Start in die Gartensaison. Da der Betrieb durch die eigene Produktion in die landwirtschaftliche Sparte falle, durfte man die gesamte Zeit über offen haben, erklärt Schmidts Bruder Florian Kimmel.

Und wie wichtig das für den Familienbetrieb war, wird schnell klar. "In unseren Gewächshäusern musste die Produktion ganz normal weiterlaufen. Auch mit dem Risiko, dass dann nichts davon bei uns in den Verkauf gehen kann", erklärt Schmidt. Doch da viele Großhändler ihre Schnittblumen zurzeit nicht mehr aus den Niederlanden oder anderen Ländern beziehen können, sei die Auslieferung, die "Blumen-Kimmel" an andere Händler macht, deutlich angestiegen, sagt Gärtnermeister Florian Kimmel. Manches war im Voraus nicht abzusehen.

Denn auch wenn in manchen Sparten des Betriebs die Arbeit ansteigt, fällt anderswo fast alles weg. Momentan sei die Zeit, in denen viele Blumenarrangements für Feiern wie Kommunion, Konfirmation oder Hochzeiten bestellt würden. Doch das sei nun nahezu alles storniert, sagt Schmidt. Und auch zum Osterfest, welches sonst immer eines der Hauptgeschäfte im Jahr sei, habe man nicht genau gewusst, mit was man rechnen könne. "Aber dann standen die Kunden tatsächlich bis zum Gehweg Schlange", freut sich Schmidt.

Doch in dem Familienbetrieb stehen nicht nur die alltäglichen Abläufe, sondern vor allem der Schutz und die Gesundheit der Kunden und Mitarbeiter im Vordergrund. Aus diesem Grund dürfen auch nur zwei Kunden zeitgleich den Verkaufsraum betreten. "Wir müssen auch für unsere Mitarbeiter Verantwortung übernehmen", sagt Schmidt. Und ihrem Team ist sie in dieser Zeit besonders dankbar: "Wir haben wirklich ein tolles Team, das auch in dieser Zeit voll hinter uns steht und mit dem wir gemeinsam Ideen umsetzen können."

Ähnlich geht es auch dem Niederlassungsleiter Kai Jochim vom Schriesheimer Raiffeisenmarkt. "Bei uns ziehen alle ausnahmslos an einem Strang, und jeder Mitarbeiter will für unsere Kunden da sein. Darauf bin ich sehr stolz", freut er sich. Und in dem Markt, der seinen Hauptumsatz über das Pflanzensegment erzielt, kann er aktuell jede seiner helfenden Hände gebrauchen. Die Verkaufszahlen seien in praktisch allen Segmenten in die Höhe geschossen. Egal ob Mehl, Pferdefutter oder sogar Pflanzkartoffeln, in jedem Bereich seien Hamsterkäufe zu beobachten gewesen. "So etwas habe ich noch nicht erlebt", resümiert Jochim die Ausnahmesituation.

Doch auch wenn es schön sei, dass die Zahlen im Betrieb stimmen, sei das Wichtigste dennoch die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern, die an vorderster Front agieren. Daher zieht Jochim eine ganz klare Bilanz: "Ich hätte lieber normale Umstände ohne Corona und dafür auch einen ganz normalen Umsatz."

Und auch er spürt, dass es die Schriesheimer aktuell auf ihre Balkone und in ihre Gärten zieht. Denn die Vorbestellungen, die man im Bereich der Gartenartikel gemacht habe, würden aktuell bei Weitem nicht ausreichen. "Wir sind praktisch täglich dabei nachzubestellen", sagt er. Von seinen Kunden wünscht er sich, dass sich alle an die Abstandsregeln halten. "Wenn wir auch hier alle an einem Strang ziehen, blicke ich optimistisch in die Zukunft, dass sich alles wieder normalisiert", ist sich Jochim sicher. Bis dahin steht all den herausgeputzten Gärten in Schriesheim à la Bundesgartenschau nichts mehr im Wege.

Hintergrund: Wer jetzt Lust bekommen hat, den eigenen Garten oder Balkon auch herauszuputzen, für den schlägt jetzt die Stunde, Balkonien erblühen lassen, sagt Daniela Schmidt von "Blumen-Kimmel". Was man pflanze, müsse man zwar vom Standort abhängig machen, doch durch das warme Wetter man nun schon alles einsetzen, was man sich für den Sommer wünsche. Wichtig sei nur, in kalten Nächten die frischen Pflanzen mit einem Vlies zu schützen. Doch sobald die Pflanzen nach etwa 14 Tagen angewachsen sind, seien sie auch schon robuster, so ihr Bruder Florian Kimmel. Zudem sei es dann ideal, die Pflanze zu düngen.

Wer von seinem Selbstgepflanzten auch gleich noch profitieren will, der kann dem Tipp von Kai Jochim (Raiffeisenmarkt) folgen und für sich selbst Tomaten oder anderes Gemüse anbauen. Denn selbst wenn man nur einen kleinen Garten oder Balkon hat, könne man sich dort die kleinen Leckerbissen selber züchten. Mehr "von hier" in der eigenen Küche geht wohl kaum. (nare)

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung