21.05.2020

Zum Geburtstag bricht Alt-Bürgermeister Riehl sein Schweigen

Zum Geburtstag bricht Alt-Bürgermeister Riehl sein SchweigenIm RNZ-Interview erklärt Alt-Bürgermeister Riehl, wie er die gegenwärtige Krise sieht und was ihm am meisten Sorgen macht. Zur Kommunalpolitik schweigt er eisern.

Peter Riehl wie man ihn kennt: immer etwas verschmitzt und gelegentlich auch tiefschürfend. Heute wird er 78 Jahre alt. Foto: Dorn

Schriesheim. Man hat lange nichts mehr von Alt-Bürgermeister Peter Riehl öffentlich gehört – und das hat seinen Grund: Denn nach dem Ende seiner vierten Amtszeit 2006 legte er sich ein kommunalpolitisches Schweigegelübde auf: kein Wort über den Gemeinderat oder seinen Nachfolger Hansjörg Höfer. Heute wird er 78 Jahre alt – da ist es an der Zeit, einen der erfahrensten Kommunalpolitiker der Region zu fragen, ob er so etwas wie Corona in 32 Jahren als Bürgermeister erlebt hat – und was ihn im Moment am meisten umtreibt.

Herr Riehl, zunächst einmal: Wie geht es Ihnen, Ihrer Frau Evelyn und Ihrer 94-jährigen Schwiegermutter Nelly Goss? Sind Sie alle in Corona-Quarantäne?

Uns geht es sehr gut, wenn auch mit Einschränkungen. Meine Frau ist nach einer gesundheitlich schweren Zeit wieder auf dem Wege der Besserung, bei mir ist es beim Gehen noch nicht ganz so gut – was soll ich sagen: Hüfte, Knie, Knöchel. Aber ich bin in guter ärztlicher Behandlung. Und nein: keine Quarantäne, aber große Vorsicht.

Sie waren 32 Jahre Bürgermeister, so lange wie kaum einer sonst. Haben Sie so etwas, was mit der momentanen Coronakrise vergleichbar wäre, jemals erlebt?

32 Jahre war auch Werner Oeldorf, mein Kollege aus Hirschberg, im Amt. Aber, und da darf ich für uns beide sprechen: Etwas Vergleichbares haben wir noch nicht erlebt. Ja, es gab mal Grippewellen oder Zeiten knapper Finanzen, gerade am Ende meiner Amtszeit. Aber das war überschaubar, das war relativ einfach zu bewältigen.

Niemand weiß, wie sehr sich Corona auswirken wird. Was befürchten Sie, für Schriesheim gesehen, am meisten?

Mir tun besonders die älteren Leute leid, gerade die, die im Altenheim so lange keinen Besuch von ihrer Familie bekommen durften. Ich hoffe sehr, dass das bald gelockert wird. Für die Stadt als Ganzes sehe ich vor allem die wirtschaftlichen Auswirkungen – und die werden mit der Coronakrise nicht enden. Viele örtliche Geschäfte, Lokale und Firmen werden leiden – und die Bürger können sich nicht mehr treffen. Es fehlt die Gemeinsamkeit, die für das Leben einer Stadt so wichtig ist. Und wenn die Geschäftsleute wirtschaftlich leiden, können die auch unsere Vereine nicht mehr in der gewohnten Weise unterstützen. Das macht mir sehr große Sorgen.

Mal ehrlich: Können die Kommunalpolitik oder die Stadtverwaltung etwas tun, um die Auswirkungen der Pandemie abzumildern?

Nein, dazu fehlen einer Stadtverwaltung oder einem Bürgermeister die Mittel und die Möglichkeiten. Die Gemeinden werden auch auf Dauer große finanzielle Schwierigkeiten bekommen – deren gute Zeiten sind wohl auf längere Sicht vorbei.

Was hätten Sie, wären Sie noch Bürgermeister, in einer solchen Situation getan?

Darüber will ich keine Auskunft geben, weil ich auch nicht in der Situation bin.

Sind Sie mit dem Krisenmanagement Ihres Nachfolgers zufrieden?

Ich habe immer gesagt, dass ich mich aus dem kommunalpolitischen Geschehen heraushalten werde. Ich habe zu meiner Frau nach dem Ende meiner Amtszeit gesagt: "Wenn Du merkst, dass ich wieder in politische Veranstaltungen gehe, dann ziehen wir sofort nach Bayern." Und das wäre mir sehr schwergefallen, weil ich so sehr an Schriesheim hänge. Daher habe ich diesen Vorsatz durchgehalten. Natürlich werde ich von den Bürgern auf dieses und jenes angesprochen, aber die Menschen dürfen keine Antwort von mir erwarten. Ich gehe ein-, zweimal die Woche noch in den Bauhof, dem ich mich nach wie vor verbunden fühle. Wir sprechen auch über Angelegenheiten der Stadt, aber das bleibt unter uns.

Sie halten sich ja mit gutem Recht aus der Tagespolitik heraus. Juckt es Sie nicht doch, sich wieder einzumischen?

In keinster Weise. Ich bin heute noch froh über meinen Entschluss, nach vier Amtszeiten nicht mehr anzutreten, auch wenn ich damals erst 63 war. Ich habe das noch nicht ein Mal bereut. Ich habe meine vier Amtszeiten in guter Erinnerung und freue mich, wenn die Bürger das auch so sehen.

Dann stelle ich mal drei Fragen. Die erste: In welche Richtung sollte sich der Mathaisemarkt entwickeln? Ich habe den Eindruck, dass der Glanz dieses Festes etwas matt geworden ist.

Unter dem heutigen Mathaisemarkt hätte ich mir etwas anderes vorgestellt, vielleicht sollte es mehr in die ursprüngliche, eher "bürgerliche" Richtung gehen. Aber das ist schon sehr schwer, weil sich die Welt eben verändert hat und alles sehr in Richtung "Event" tendiert. Aber im Grunde mache ich mir nicht viele Gedanken darüber, weil ich auch absolut keine Kritik am Fest in seiner jetzigen Form üben will.

Die zweite: Eines Ihrer Lieblingskinder, der Madonnenberg-Verein, scheint von der Bildfläche verschwunden zu sein. Oder täusche ich mich?

Kein Kommentar.

Die dritte: Hätten Sie die Schulsanierung als Einzelprojekt mit der Sanierung des Kurpfalz-Gymnasiums so angepackt? Oder hätten Sie alles lieber neu gebaut?

Auch da maße ich mir kein Urteil an. Aber schon zu meiner Zeit wollten wir das Schulzentrum sanieren, aber da kamen uns immer wieder finanziell schlechte Zeiten dazwischen. Ein bisschen etwas konnten wir immer mal wieder tun.

Bei Neubauprojekten gibt es oft Kritik. Aber läuft Schriesheim nicht generell Gefahr, mit der Neubebauung des OEG-Bahnhofs, mit dem Abriss der "Pfalz", des "Schwarzen Adlers" oder des Kreisaltenheims seine historische Seele zu verlieren?

Auch da will ich nichts weiter dazu sagen. Denn das hängt immer von der momentanen Situation ab: Was sagt die Bevölkerung dazu? Was ist notwendig? Und was ist der Wert historischer Gebäude?

Im nächsten Jahr wird es einen Wahlkampf um das Bürgermeisteramt geben, da ja Ihr Nachfolger nicht mehr kandidiert. Werden Sie sich da in irgendeiner Form einbringen?

In gar keiner Form.

Sollte der nächste Bürgermeister unbedingt wieder aus Schriesheim kommen – so wie in den letzten 180 Jahren?

Es kommt auf die Person und ihre Fähigkeiten, nicht auf den Wohnsitz an. Mir hat es geholfen, Schriesheimer zu sein. Aber das ist lange her.

Mal etwas Persönliches: Was macht ein Alt-Bürgermeister den ganzen Tag? Zeitung lesen? Kontakte pflegen? Nostalgisch sein?

Ich fühle mich gesundheitlich sehr wohl. Es ist ein großes Glück, dass wir die Schwiegermutter im Hause haben, also eine kleine Familie sind – auch wenn meiner Frau und mir Kinder und damit Enkel versagt geblieben sind. Es ist mir eine riesige Freude, wie die Bürger mit mir umgingen und noch umgehen. Das gilt besonders, wenn sich unsere Kinder und Jugendlichen wohlfühlen. Ich denke nur im Guten an meine Zeit als Bürgermeister und als Schriesheimer zurück. Die gemeinsame Zeit mit dem Gemeinderat, der Verwaltung und den Bürgern war für mich nie zu übertreffen. Ich freue mich besonders, dass meine damaligen Kritiker sowohl in der Verwaltung als auch unter den Bürgern heute mit mir ein offenes und ehrliches Verhältnis haben. Aber irgendwelche weitergehenden Tätigkeiten, auch in Vereinen, habe ich eingestellt. Meine Zeit verbringe ich, im Gegensatz zu früher, viel zu Hause. Ich arbeite sogar im Garten, was niemand von mir geglaubt hat. Ich gehe auch zu zwei Stammtischen, beide in der Weinstube Hauser. Das sind alles Freunde und Bekannte, in etwa mein Alter, aber da wird kaum politisiert.

Vor drei Jahren gab es zu Ihrem 75. Geburtstag ein kleines Stadtfest. Planen Sie etwas Vergleichbares zu Ihrem 80. in zwei Jahren?

Das müssen der dann amtierende Bürgermeister und der Gemeinderat entscheiden.

Viele Ihrer alten Weggefährten sind nicht mehr im Amt oder sogar gestorben. Wen vermissen Sie am meisten?

Das ist schwer zu sagen. Ich kann da nicht alle nennen, aber sicher doch den Ehrenbürger Peter Hartmann, dessen Tod vor zwei Jahren viele Erinnerungen hervorgerufen hat, gerade an seine Unterstützung in all den Jahren. Aber ich denke auch an Klaus Landwehr, einen ehemaligen Mitarbeiter im Bauhof, der meiner Frau und mir immer ein guter Freund und Hilfe war.

Worauf sind Sie denn am meisten stolz?

Am meisten auf das Verhältnis zu den Bürgern – und von ihnen zu mir. Und dass das heute noch anhält, bei vielen sogar noch besser geworden ist.

Was war Ihr größter Fehler? Ihr recht autoritärer Führungsstil etwa?

Ich habe meinen Führungsstil nie als autoritär empfunden. Am Ende hat doch immer das Menschliche gesiegt.

Haben Sie innerlich Ihren Frieden mit den Grünen, immerhin Ihre größten politischen Gegner und nun stärkste Ratsfraktion, gemacht?

Schon lange, denn heute sind sie die dominierende politische Kraft in Schriesheim – und nicht nur dort –, die einfach beachtet und gehört werden muss.

Haben Sie Ihren Frieden mit Ihrem Nachfolger gemacht? Immerhin hatten Sie Hansjörg Höfers Wahl Ende 2005 als "Riesenfehler" bezeichnet.

Diese Kritik war nicht an meinen Nachfolger gerichtet, sondern an die Parteien, die den damaligen Kandidaten Peter Rosenberger nicht genügend unterstützt haben. Mit Herrn Höfer komme ich aus.

Werden Sie heute noch um Rat gefragt – von wem auch immer?

Ich habe von Anfang an Antworten auf Fragen abgelehnt, die kommunalpolitische Dinge betreffen. Wenn man mich persönlich anspricht, bin ich immer für die Menschen da.

Was wünschen Sie für Schriesheim und für sich?

Für Schriesheim alles Gute, und dass die Stadt weiter besteht – mit all ihren Menschen, Einrichtungen, Vereinen und Firmen. Für mich wünsche ich mir ein möglichst langes Zusammenleben mit meiner kleinen Familie – und dass die vielen Freundschaften bleiben.

Hintergrund: Peter Riehl wurde am 20. Mai 1942 als einziges Kind des Schriesheimer Ehepaares Hanna und Theodor Riehl geboren. Sein Vater war ab 1935 Ratsschreiber; dessen angebliche Nähe zum NS-Regime und sein Kampf um die Wiedereinstellung waren in den fünfziger Jahren Anlass für viel Streit – und haben auch den jungen Peter geprägt.

1960 trat er in den öffentlichen Dienst ein, prägend war sein Amt als Ratsschreiber in Heddesheim seit 1968, im Jahr zuvor hatte er Evelyn Goss geheiratet. In dieser Zeit fasste er den Entschluss, Bürgermeister zu werden. 1974 wurde der parteilose Riehl als Kandidat des "bürgerlichen Lagers" im ersten Wahlgang gewählt.

Seine Hauptaufgaben: Integration der eingemeindeten Dörfer Altenbach und Ursenbach, Altstadtsanierung und Modernisierung der Infrastruktur. Dreimal wurde er wiedergewählt: 1981 (87 Prozent), 1989 (92 Prozent) und 1997 (68 Prozent).

Am 31. Januar 2006 ging er in den Ruhestand und wurde zum Ehrenbürger ernannt – der zweite der Stadt, neben Peter Hartmann (1914-2018). (hö)

Seine „kleine Familie“: Peter Riehl mit Frau Evelyn bei seinem 75. Geburtstag 2017 (im Hintergrund: Bürgermeister Hansjörg Höfer, CDU-Landtagsabgeordneter Georg Wacker und Sparkassenchef Rüdiger Hauser). Foto: Dorn

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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