26.05.2020

"Sterben gehört zum Leben dazu": Wie der 104-jährige Ludwig Weiß mit der Coronakrise umgeht

Keine Angst vor dem Virus, aber vor dem Tod auf der Intensivstation

Von Micha Hörnle

Schriesheim-Altenbach. Man hört nur selten, wie die Bewohner in Altenheimen die Zeiten von Corona – und damit ein weitgehendes Kontaktverbot – empfinden. Meist melden sich die Heimleitungen oder Angehörige zu Wort – wie beispielsweise der Heidelberger Thorsten Hupperts, dessen 88-jährige Mutter in einem katholischen Seniorenheim in Darmstadt lebte und in einem Krankenhaus an den Folgen der Virusinfektion starb. Danach forderte Hupperts radikale Änderungen bei der Arbeit in Heimen.

Der 104-jährige Ludwig Weiß, der seit knapp zwei Jahren mit seiner fast 100-jährigen Frau im "Haus Ella" im Schriesheimer Stadtteil Altenbach lebt, ist von beneidenswerter geistiger Frische – und das Ehepaar kann genau berichten, wie es die Situation sieht.

"Nein, wir haben keine Angst, wir sind bereit zu sterben, wenn es an der Zeit ist", sagt Ludwig Weiß. Und seine Frau Traude meint: "Sorgen haben wir uns nicht gemacht. Ich hatte nur einen Zorn, dass wir das auch noch erleben mussten" – und sie meint die schweren Kriegsjahre, die beschwerliche Flucht aus dem Sudetenland, auf der eines ihrer Kinder starb, und den Neubeginn in der Kurpfalz.

Aber ansonsten strahlen die Beiden eine bemerkenswerte Gelassenheit aus: "Wir können ja nicht viel daran ändern", sagt Ludwig Weiß, und seine Frau ergänzt: "Wir waren in Quarantäne und haben uns sicher gefühlt.

Am meisten hat uns die Familie gefehlt. Um uns hatten wir keine Angst, nur um die Kinder und ihre Familie." Dazu muss man wissen, dass ihre drei Kinder auch schon zur Risikogruppe gehören: Der älteste Sohn ist 77 Jahre alt und wohnt ebenfalls in Altenbach, ebenso die Tochter mit 72 Jahren, und der Jüngste, 67 Jahre alt, wohnt in Plankstadt. "Wir sind zufrieden, und es ist gut zu wissen, dass die Kinder in der Nähe sind", sagt Traude Weiß. Und doch: Dass sie ihre Angehörigen nicht sehen konnten, hat beide sehr belastet: "Das war schon schlimm, früher war jeden Tag jemand hier."

Aber immerhin: Seit letzter Woche sind auch in den Altenheimen die Besuchsverbote gelockert, und im "Haus Ella", das die beiden Brüder Maximilian und Joachim Veigel seit 1986 betreiben, treffen sich Bewohner und Angehörige seither im Freien – zumal ja auch, bis aufs Wochenende, das Wetter bisher mitgespielt hat: "Das ist schon ein Glück, dass man sich bei uns im Vorgarten treffen kann", zur Not habe man auch ein spezielles Besuchszimmer eingerichtet – allerdings muss man vorab einen Termin vereinbaren.

Ansonsten war eines der größten Probleme ab Mitte März, die nötige Schutzausrüstung zu bekommen, bis endlich genügend Masken da waren, dauerte es vier Wochen. Gerade mit dem Mundschutz hatten etliche Bewohner, gerade diejenigen, die an Demenz leiden, ihre Probleme: "Die wurden ein Stück weit traumatisiert, da kamen manchmal üble Erinnerungen an früher hoch. Vielen ist gar nicht klar, was um sie herum gerade passiert. Und unter Corona können sie sich nichts vorstellen", sagt Maximilian Veigel.

Damit nicht genug: Die geforderten Mindestabstände seien in der Altenpflege nicht einzuhalten: "Das ist völlig unrealistisch, wenn man die Bewohner aus dem Bett hebt und wäscht." Auch die Quarantäne sei nur schwer durchzuhalten: Demenzkranke ließen sich nur schwer in einem Zimmer einsperren. Zumindest für ihre Einrichtung sagen die beiden Brüder: "Das, was es an Regelungen gibt und was Herr Hupperts in der RNZ darüber hinaus gefordert hat, steht in keiner Relation zur Situation in den Altenheimen. Im letzten Jahr sind mehr Bewohner an einer Grippe gestorben als jetzt möglicherweise am Coronavirus."

Und Veigel verweist darauf, dass sich die Situation in Häusern wie dem ihren in den letzten Jahren "stark verändert" hat: "Im Grunde werden wir immer mehr zu Langzeithospizen": Die Bewohner leiden unter vielen Krankheiten, gerade Demenz, sind also "multimorbid". Deswegen bräuchten sie auch weniger eine radikale Abschottung, sondern eine einfühlsame Kommunikation seitens der Pfleger, aber auch der Angehörigen, und eine Linderung der Schmerzen: "Wir sehen es als unsere Kernaufgabe, alte und multimorbide Menschen beim Leben und beim Sterben zu begleiten. Die meisten wünschen sich, nicht auf einer Intensivstation zu sterben, sondern in ihrem gewohnten Umfeld." Das sieht auch Ludwig Weiß so: "Wir fühlen uns hier wie in einer Familie. Ich möchte nicht in ein Krankenhaus." Gerade für ihn und seine Frau sind die Besuche der Kinder und ihrer Familien mit das Wichtigste – und auch das Pflegepersonal als einzige Kontaktpersonen konnte trotz seines Engagements "die Familie nicht ersetzen". Für ihn ist klar: "Am Ende unseres Lebens wünschen wir uns, von der Familie und vertrauten pflegenden Menschen beim Sterben human und in Würde begleitet zu werden."

Gerade weil die gewohnte Umgebung und die Nähe ihrer Angehörigen so wichtig sind, zweifelt Maximilian Veigel am Sinn der Kontaktsperre: "Die ist für viele Bewohner belastender als das Virus an sich, denn sie verstehen das alles ja nicht. Die Folge: Manche ziehen sich völlig zurück, andere werden laut und fast aggressiv."

Auch die Pflegekräfte – im relativ kleinen "Haus Ella" kümmern sich 30 Mitarbeiter um ebenso viele Bewohner – litten unter der Situation und auch daran, dass sie auf Kontakte weitgehend verzichten sollten: "Natürlich haben wir an unsere Beschäftigten appelliert, Kontakte zu reduzieren. Aber was ist denn das für ein Leben, wenn man arbeitet und dann nach Hause fährt, ohne jemanden zu treffen? Und wie lebensnah ist das?"

Natürlich beschäftigen die beiden Brüder die jüngsten Corona-Ausbrüche in den Ladenburger und in den Weinheimer Altenheimen: "Das ist hochdramatisch. Aber man muss auch realistisch sein: Viele Leute in einem solchen Alter sterben in den Heimen – ob mit oder ohne Corona." Und ob und wo es eine Häufung von Infektionsfällen gebe, sei "manchmal nur Glück". Insofern ist sich Maximilian Veigel nicht sicher, was er vom bevorstehenden Kompletttest aller Heime im Rhein-Neckar-Kreis und ihrer 7000 Bewohner halten soll: "Und was ist dann die Konsequenz? Werden dann Einrichtungen geschlossen?"

Ludwig Weiß sagt mit der Gelassenheit eines 104-Jährigen: "Ich persönlich habe keine Angst vor dem Sterben und dem Tod, auch wenn mich das Virus befallen hätte. Unsere Medizin und unsere Gesellschaft sollten auf uns alte Menschen ein wenig hören und wieder lernen, dass unser Leben endlich ist und dass der Tod zum Leben dazu gehört."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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