29.05.2020

Der Bestattungswald kommt jetzt doch

Der Gemeinderat fällte am Mittwochabend den Grundsatzbeschluss - Betreiber für die 25 Hektar an der Kipp wird die Firma "Friedwald"

Von Micha Hörnle

Schriesheim. "Totgesagte leben länger", sagte DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker 1989 zum 40. (und letzten) Geburtstag seines Staates. Mit weniger historischer Dramatik gilt das auch für das Dauerprojekt "Bestattungswald". Bürgermeister Hansjörg Höfer hatte einmal gesagt, dass es den wohl in seiner Amtszeit nicht mehr geben wird. Wie man sich irren kann: Am Ende stimmte er selbst für den Bestattungswald – wie auch eine knappe Mehrheit des Gemeinderates. Die RNZ fasst die Geschichte des Projekts zusammen.

> Anfang und erstes Ende: Schon 2016 hatte der einstige Grüne-Liste-Gemeinderat Heinz Wagner die Idee eines Bestattungswaldes, seine Liste zog mit, schließlich fanden sich mit der SPD und der FDP weitere Unterstützer. Das wichtigste Argument, so Wolfgang Fremgen (GL) in der Sitzung vom Mittwoch: "Die Nachfrage nach naturnahen Bestattungsformen hat zugenommen. Und die individuelle Grabpflege wird schwieriger." CDU und Freie Wähler waren schon von Anfang an skeptisch: "Wir brauchen keine Konkurrenz zu unserem Friedhof. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass da Bedarf besteht", so beispielhaft vorgestern Bernd Hegmann (Freie Wähler). Und nicht zu vergessen: Welche Kosten kommen auf die Stadt zu – angefangen von der Verkehrssicherungspflicht über einen Parkplatz bis hin zu Toiletten. Auch die Bürger sind sich nicht ganz einig – so äußerten sich in der Fragestunde zwei Besucher, und zwar genau gegenteilig: ein lebhaftes Plädoyer dagegen ("Verschandelt unseren Wald") wie dafür ("Wir wünschen uns eine solche Bestattungsform").

Als geeignetes Gelände dafür wurde eine 25-Hektar-Fläche Wald an der Altenbacher Kipp ausgemacht: einerseits recht verkehrsgünstig gelegen, weitgehend erschlossen, in einem nicht allzu steilen Gelände mit einem gesunden Mischwald, aber auch relativ laut (wegen der Schützen und der Kartbahn). Hier wurde später der Boden untersucht – mit dem Ergebnis: zu steinig. Damit schien das Projekt "Bestattungswald", wenn es nicht zu pietätlos klingt, gestorben.

> Neuanfang: Die Grünen ließen sich dadurch nicht entmutigen, zumal die Firma "Friedwald" weiter an der Kipp sehr interessiert war. Auf eigene Kappe und Kosten ließ sie dort noch einmal den Boden untersuchen, berichtet Stephan Martini von "Friedwald" auf RNZ-Anfrage. Die Ergebnisse widersprachen alten Erkenntnissen über den Waldboden: "Wenn ich mal auf einen Stein soße, dann heißt das nicht automatisch, dass man dort kein Urnengrab von 25 Zentimetern Durchmesser und 80 Zentimetern Tiefe vergraben kann." Die Steine seien "locker im Boden verteilt", wie sein Dutzend eigener Bodenproben ergeben hätte. Da nun "Friedwald" das alleinige Risiko tragen wolle, gab es für Grüne Liste, SPD und FDP keinen Grund mehr, das Projekt zu aufzuschieben.

> Die Debatte: Im Grunde sind dir Fronten seit den letzten fünf Jahren die alten, vielleicht noch eine Spur härter: CDU und Freie Wähler waren davon ausgegangen, dass sich der Bestattungswald durch das Bodengutachten erledigt hätte. Und nun soll er doch durchgedrückt werden, "dabei sind wir kein Stück weiter", so Michael Mittelstädt (CDU). Nadja Lamprecht (Freie Wähler) meinte: "Andere Gemeinden warnen uns eindringlich davor. Wieso sollen ausgerechnet wir der Vorreiter an der Bergstraße werden?" Sebastian Cuny (SPD) versuchte, mit einem Schuss philosophischer Anwandlung die Wogen zu glätten ("Die Trauer ist so individuell wie das Leben"), und als Liberale hatte Ulrike von Eicke sowieso etwas dagegen, den Bürgern vorzuschreiben, wie sie sich beerdigen lassen.

> Die Überraschung: Obwohl sich Bürgermeister Höfer lange aus der Debatte herausgehalten hatte, wurde er am Mittwoch überraschenderweise zum Fürsprecher des Bestattungswaldes und bügelte die Gegenargumente ab: Der Stadt entstünden keine Kosten, der Wald sei dort "nicht sehr ertragreich", und auf dem Friedhof sei es schließlich auch laut. Er fand, es sei "nun ein Punkt erreicht, an dem wir eine prinzipielle Entscheidung fällen und dann direkt in Vertragsverhandlungen gehen sollen". Am Ende gab sein Votum den Ausschlag – bei 15 Stimmen dafür (Grüne Liste, SPD, FDP und Höfer) und 13 dagegen (CDU, Freie Wähler, AfD und Bürgergemeinschaft).

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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