04.06.2020

Waldkindergarten Schriesheim: Hier kennt die Landespolitik keine Gnade

Waldkindergarten Schriesheim: Hier kennt die Landespolitik keine GnadeAuch im Waldkindergarten gilt der "50-Prozent-Deckel", obwohl die Kinder nur im Freien betreut werden

Die jetzigen Coronaregelungen werden der Situation in den Waldkindergärten nicht gerecht, meinen „Purzelzwerge“-Geschäftsführerin Corinna Buchholz (l.), Erzieherin Nina Schwarz (2.v.r.) und die beiden Elternvertreter Ana Egert-Ullrich (2.v.l.) und Nicole Zubrod (r.). Foto: Dorn

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Im Schriesheimer Waldkindergarten "Purzelzwerge" versteht man die Welt nicht mehr, man macht hier doch alles richtig: Da heißt es in Corona-Zeiten immer, sich möglichst im Freien und nicht als Gruppe in geschlossenen Räumen aufzuhalten – und genauso ist es hier unweit der Spatschlucht auch: Die zehn Kinder spielen im Freien, die Jagdhütte am Abzweig zum Weiten Tal dient im Grunde nur als Lager- und nicht als Aufenthaltsraum.

Eigentlich genügend Gründe, um über den Übergang zum Regelbetrieb, den sich viele Eltern so sehnlich wünschen, nicht nur zu reden, sondern ihn umzusetzen, wie "Purzelzwerge"-Geschäftsführerin Corinna Buchholz bestätigt. Nur: Das Land zieht nicht mit: Hier im Wald gelten dieselben Bestimmungen wie für alle anderen Kindergärten: Maximal 50 Prozent der Kinder dürfen betreut werden. Auch personell wäre das alles zu stemmen, denn kein Erzieher gehört zur Risikogruppe, und es stünden für die 20 "Purzelzwerge"-Kinder auch drei Mitarbeiter parat, während in kommunalen Kindergärten oft zwei Erzieher 25 Schützlinge betreuen.

Buchholz hat sich schon an das Kultusministerium in Stuttgart und die Kommunalpolitiker in der Region gewandt – schließlich betreibt sie neben dem Schriesheimer Waldkindergarten einen weiteren in Dossenheim und zwei in Heidelberg –, aber sie erhielt immer nur dieselbe Antwort: "Die Corona-Verordnung gilt für alle Kindergärten." Zumal in Bayern ganz anders verfahren wird: Hier haben die Waldkindergärten ohne Einschränkung bereits seit dem 11. Mai wieder geöffnet. Buchholz hat an die Politik etliche Fragen: "Wieso kann es in einem speziellen Fall wie den Waldkindergärten keine individuellen Regelungen geben? Und wieso können wir nicht jetzt schon in den Regelbetrieb übergehen, sondern müssen bis Ende Juni warten?" Zumal Buchholz andere Ungereimtheiten aufgefallen sind: Seit der Öffnung der Spielplätze ab 5. Mai haben die Kinder praktisch unbeschränkt Kontakt mit anderen – und wahrscheinlich mit mehr als sonst in der eigenen Kindergartengruppe. "Man hätte eher die Kitas als die Spielplätze öffnen sollen. Das ist für mich eine komische Reihenfolge", meint auch die stellvertretende Elternvertreterin Nicole Zubrod.

Überhaupt, die Gruppen: Da sechs der insgesamt zehn "erlaubten" Kinder (von eigentlich 20) in der Notfallbetreuung sind – deren Eltern arbeiten in der sogenannten kritischen Infrastruktur –, ist nur noch Platz für vier weitere, die immer wieder wechseln. Und so bleibt die Gruppe nie konstant, was die Kinder und die Erzieher stresst: "Jeden Tag ist alles anders, die Gruppen sind komplett unterschiedlich, das ist pädagogisch schwierig", sagt Erzieherin Nina Schwarz. Würde man jetzt in den Regelbetrieb übergehen können, wäre das für alle einfacher. Zumal, so Schwarz, die Kinder lernfähig sind: Sie halten vielleicht nicht immer Abstand, aber sie haben (und kennen) ihre eigene Brotbox. Schwarz ist frustriert: "Es ist schade, dass man den Trägern nicht zutraut, kreative Konzepte in der Kinderbetreuung zu erarbeiten."

Auch Zubrod meint: "Ich habe die Beschränkungen alle mitgetragen, aber jetzt fehlt mir das Verständnis." Und Buchholz weiß nicht mehr, wie sie das alles den Eltern noch erklären soll. Denn die meisten, so empfindet Elternvertreterin Ana Egert-Ullrich, wollen die möglichst schnelle Öffnung der Kindergärten. Und auch den Kindern tut es gut, dass die "Zeit der großen Ferien" (Egert-Ullrich) endlich vorbei ist: "Die Kinder sind so dankbar, wieder kommen zu dürfen", beobachtete Erzieherin Nina Schwarz, "da herrscht eine besondere Atmosphäre und Energie – eine geschäftige Ruhe wie bei einem langen Ausatmen."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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