14.06.2020

Tiere sind weg - Auf dem Mühlenhof endet eine Ära

Im Internet wird verbreitet, dass die Sozialeinrichtung mit dem Ruhestand Heinz Waegners schließt - Doch die Wahrheit ist weniger dramatisch

Von Micha Hörnle

Schriesheim. So dramatisch kann es klingen, wenn man sich nur aufs Internet verlässt: Der Mühlenhof wird geschlossen, die Tiere sind weg! Zumindest liest sich so ein Eintrag auf Facebook: "Der Mühlenhof als Projekt der Evangelischen Stadtmission Heidelberg schließt seine Pforten, da die Hauptverantwortlichen in den wohlverdienten Ruhestand eintreten. Das bedeutet, dass es keine Stallöffnungen, kein Ponyreiten, keine Kindergeburtstage und andere Angebote mehr geben wird. Das Restaurant ,Wirtshaus’ bleibt weiter geöffnet."

Das alles stimmt – und stimmt doch wieder nicht: Ja, Mühlenhof-Leiter Heinz Waegner ist zu Monatsbeginn in den Ruhestand gegangen. Ja, das "Wirtshaus" bleibt ganz normal geöffnet. Ja, es gibt wohl keinen Streichelzoo mehr; alle Tiere wurden mittlerweile abgegeben. Aber: Nein, der Mühlenhof ist nicht Geschichte, auch zieht sich nicht die Stadtmission aus dem Projekt zurück. Es wird weiter Arbeitsmöglichkeiten für Wohnsitzlose geben. Und auch das Areal bleibt weiter im Besitz der Manfred-Lautenschläger-Stiftung. Und auch das "Incluso"-Projekt für behinderte Menschen ist davon nicht betroffen.

Und doch: Dass die "Ära Heinz Waegner" zu Ende geht, ist ein tiefer Einschnitt, ziemlich genau zehn Jahre nach der Einweihung des Mühlenhofs – er entstand auf dem Gelände der ehemaligen Kerzenfabrik Högg. Denn Waegner und seine Frau wohnten hier und kümmerten sich Tag und Nacht um die Tiere, die bald zum Markenzeichen des Mühlenhofs wurden. Allerdings, und daran erinnert Heidi Farrenkopf, die bei der Stadtmission die Wiedereingliederungshilfe leitet: "Es geht hier weniger um einen Streichelzoo als um Arbeitsmöglichkeiten für Wohnsitzlose."

Und das war auch die Idee, für die sich der Mäzen Manfred Lautenschläger 2008 begeisterte: Leute ohne festen Wohnsitz bekommen in der freien Natur und in der Arbeit mit Tieren eine sinnvolle Beschäftigung. In diesem Sinne ist er dem nahegelegenen Talhof mit seiner Schreinerei und Wäscherei nicht ganz unähnlich, aber im Mühlenhof ist man vielleicht mehr draußen – und vor allem wohnt man dort nicht: Die Wohnsitzlosen kommen aus dem Wichernheim in der Heidelberger Altstadt – dessen Leiter ja Waegner auch war – jeden Morgen zur Arbeit hierher.

Wie genau die Zeit nach Waegner – er wollte sich gegenüber der RNZ nicht äußern – aussieht, das kann Farrenkopf noch nicht in allen Details sagen: "Vieles hat im Mühlenhof nur deswegen funktioniert, weil Waegner hier so viele Aufgaben mit viel Aufwand übernehmen konnte. Aber auch nach seinem Ruhestand wird es weitergehen." Waegner muss nun ausziehen – und einen, der sich so wie er "reinhängt", wird es so schnell nicht mehr geben. Farrenkopf sagt: "Das Konzept wird etwas anders sein, aber Tiere wird es weiter geben." Fest steht nur, dass es den kleinen Tierpark, der eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung brauchte, so nicht mehr geben kann. Im Moment ist Farrenkopf "mit einem externen Partner im Gespräch", der sich dann in einer Art Pachtmodell um die Tiere – wohl nur noch Pferde – kümmert und auch die Reithalle betreibt. Ergebnisse gibt es vielleicht noch im Juli. Am wichtigsten ist für Farrenkopf, dass es weiter Arbeit für Wohnsitzlose gibt – und das steht nicht zur Disposition.

Jürgen Opfermann, der vor neun Jahren das "Wirtshaus" im Mühlenhof übernommen hat, ist von den Entwicklungen "völlig unberührt": Er hat einen separaten Vertrag mit der Stadtmission – und hat nach der coronabedingten Zwangspause seit dem 20. Mai wieder offen. Zwar gibt es im Moment noch reduzierte Zeiten (freitags bis sonntags), und ihm fehlen die Veranstaltungen, aber er sagt auch: "Wir werden es überleben." Und vielleicht kommt auch mal wieder einer vorbei, der bis zu seinem schweren Radunfall am 21. Juli 2019 oft da war: Manfred Lautenschläger. Ausgerechnet an "seinem" Mühlenhof war er damals gestürzt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung