27.06.2020

Schriesheimer Ringer: Rumäne Attila Tamas "will hier nie mehr weg"

Schriesheimer Ringer: Rumäne Attila Tamas "will hier nie mehr weg"Vor zehn Jahren kam er nur zum Ringen an die Bergstraße - Inzwischen ist er hier sesshaft geworden

„Ich habe mit niemandem geredet, und ich habe nichts gegessen“: Attila Tamas muss schmunzeln, wenn er an seine ersten Stunden in Schriesheim denkt. Heute ist er in der Weinstadt daheim und aus dem örtlichen Kraftsportverein nicht mehr wegzudenken. Foto: Dorn

Von Carsten Blaue

Schriesheim.Attila Tamas sitzt in der Geschäftsstelle des Schriesheimer Kraftsportvereins (KSV). Der 29-jährige Rumäne ist ein Bär von einem Mann. Ringer, ein 100 Kilogramm schweres Kraftpaket und die Ruhe selbst. Er spricht recht leise, langsam, mit Bedacht. Und immer mit einem Lächeln. Vor zehn Jahren kam er als Athlet an die Bergstraße, um die damalige Zweitliga-Mannschaft des KSV zu verstärken. Erst blieb er nur während der Runden und rang auch später in der Bundesliga. Vor vier Jahren hat er sich entschieden zu bleiben. Er lebt und arbeitet in Schriesheim, ist aus dem KSV nicht mehr wegzudenken und seit vergangenem Jahr auch Trainer der Ringerabteilung, ausgestattet mit einer B-Lizenz. Er sagt: "Ich will nie mehr weg."

Dass es so kommen würde, hätte er sich vor zehn Jahren wahrscheinlich selbst noch nicht träumen lassen. Wenn er an seinen ersten Tag in Schriesheim denkt, muss er lachen: "Das vergesse ich nie." Es war ein Donnerstag. Im KSV hatten sie organisiert, dass er vom Flughafen abgeholt wird: "Ich hatte noch nie ein Wort Deutsch gehört." Mit Englisch ging’s. Der Verein hatte zur Begrüßung der Athleten an der eigenen Halle den Grill angeworfen. "Ich habe mit niemandem geredet, und ich habe nichts gegessen." Was auch sportliche Gründe hatte, denn Tamas musste "Gewicht machen", also Kilos verlieren, um am Wochenende in seiner Gewichtsklasse ringen zu dürfen.

Seinen ersten Kampf gewann er mit klar mit 4:0 gegen Kevin Diersch vom RSV Spiesen/Elversberg. Ein guter Start. Sportlich und auch menschlich. Daran, dass sich die KSV-Ringer aus dem Ausland in Schriesheim schnell wohlfühlen, hatte die Familie des damaligen Vorsitzenden Klaus Grüber einen großen Anteil. Das betont auch Tamas. Als es in seinem Umfeld daheim in Rumänien damals Probleme gab, geriet Tamas sportlich aus dem Takt: "Ich habe alle Kämpfe verloren." Er durfte heim, konnte alles klären und kam zur Rückrunde wieder: "Dann habe ich alles gewonnen."

Tamas stammt aus Oradea, einer Großstadt mit 160.000 Einwohnern unweit der Grenze zu Ungarn. Er war bei den Männern sieben Mal rumänischer Meister und 15 Jahre lang Mitglied der Nationalmannschaft seines Heimatlandes. Fünfter bei Europameisterschaften und Siebter bei Weltmeisterschaften waren seine besten Platzierungen.

Vergleiche zwischen seiner Heimat und Deutschland zu ziehen, fällt ihm schwer. "Ich war durch das Ringen sehr viel im Ausland unterwegs." Klar sei aber doch, dass es speziell an der Bergstraße viel ruhiger sei als daheim in Rumänien: "Und ich mag es so ruhig. Ich bin auch viel in den Wäldern um Schriesheim unterwegs. Das ist für mich ideal. Ich könnte nie in Mannheim leben."

Und er sei damals mit offenen Armen empfangen worden: "Sonst wäre ich nicht mehr hier." Außerdem half ihm seine zugängliche Art: "Ich habe mich zwischen die Leute gestellt und die Sprache gehört. Erst ging es nur mit Händen und Füßen. Aber mit der Zeit habe ich Deutsch gelernt." Hilfreich war auch, dass er in Schriesheim schnell zum Publikumsliebling wurde. Außerdem fand er Arbeit.

Zu Hause hatte er erfolgreich Sport studiert. In Schriesheim habe ihm sein damaliger Mannschaftskamerad Marc Hartmann angeboten, bei ihm im Handwerksbetrieb zu arbeiten, wenn er wolle. Vor fünf Jahren sei das gewesen: "Seitdem bin ich bei ihm." Beim heutigen KSV-Sportbeauftragten Peter Schmitt konnte er wohnen. Inzwischen lebt er in einer Wohnung des KSV-Vorsitzenden Herbert Graf zur Miete. Renoviert hat sie Tamas selbst. Seine Lebensgefährtin, eine ehemalige rumänische Ringerin, ist inzwischen auch in der Weinstadt heimisch geworden; diesen Sommer erwarten die beiden ihr erstes Kind.

Tamas ist ein Beispiel für Integration durch den Sport: "Die Ringer sind eine große Familie. Und speziell der KSV ist für mich wie eine zweite Familie." Der Verein hat mehrere Sparten. Unter anderem auch Boxen und die russische Kampfkunst Systema werden hier trainiert: "Wir haben in allen Kraftsportarten Migranten von fünf Jahren aufwärts", sagt Vereinschef Graf. "Wir leben die Integration vor. Und Attila ist für mich längst Schriesheimer."

Freunde hat Tamas auch schnell unter den Schriesheimer Handballern und Fußballern gefunden. Ressentiments aufgrund seiner Herkunft habe er nie erlebt. Im Gegenteil: "Ich bekomme oft Besuch von Freunden. Und die wundern sich. Denn überall, wohin ich in Schriesheim gehe, werde ich freundlich gegrüßt." Tamas lächelt, hält kurz inne und muss dann lachen: "In 15 Jahren bin ich Bürgermeister."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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