01.07.2020

Wie "Poetry-Slammer" über das Virus triumphieren

Wie "Poetry-Slammer" über das Virus triumphierenDrei Poeten und ein Sänger fanden den Weg auf die Strahlenburg - Für den Kulturkreis die erste Veranstaltung seit Corona

Die exakt 99 Gäste verfolgten die Beiträge über Kopfhörer – die natürlich vor- und nachher desinfiziert wurden. Foto: Dorn

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Eigentlich ist die Idee, die der Kulturkreis schon letztes Jahr hatte, fast zwingend: Wo trafen sich einst die Dichter? Klar, auf der Burg! Auch wenn im Mittelalter die Minnesänger wohl nie zur Strahlenburg kamen, taugte immerhin ihr fiktiver Besitzer, Friedrich Wetter Graf vom Strahl, zu einer der Hauptfiguren in Heinrich von Kleists "Kätchen von Heilbronn" – weswegen die drei Schriesheimer Gesangvereine das Ritterdrama mehrfach (zuletzt 2008) an Ort und Stelle aufgeführt haben. Und doch: Seit dem letzten Jahr kommen die Dichter moderner Art (deswegen nennen sie sich ja auch "Poetry-Slammer") auf die Strahlenburg, um ihre eigenen Werke vorzutragen.

Und natürlich waren die Regional-Poeten Laura Gommel (Heidenheim, jetzt Heidelberg), Carro Goebel (Kaiserslautern, jetzt Heidelberg), Moritz Konrad (Neckarsteinach, jetzt Karlsruhe) und Sänger Engin (Bretten, jetzt Mannheim) am Montagabend vom Panoramablick über die Rheinebene samt Sonnenuntergang (daher auch der Titel der Veranstaltung "Poetry Sunset") pflichtschuldigst beeindruckt.

Aber noch viel wichtiger war ihnen, endlich wieder vor Publikum auftreten zu können – und auch für den Kulturkreis war das die erste Veranstaltung seit der Corona-Zwangspause. Und so stand das Dichtertreffen im Zeichen der neuen pandemischen Zustände: Sänger Engin musste wegen der Aerosole einen Mindestabstand von 2,50 Metern zum Rest einhalten, und auch die Gästezahl war auf 99 begrenzt – dabei hätte man locker 250 Karten verkaufen können, sagte Christian Glocker vom Kulturkreis. Mit so wenig Gästen – im letzten Jahr waren es gut 160 – war die Veranstaltung natürlich nicht kostendeckend: "Aber das kann man ja mal machen. Wichtig ist, dass man überhaupt mal wieder etwas macht", sagte Glocker nach der Veranstaltung der RNZ.

Und hätte der "Poetry Sunset" nur zwei Tage später stattgefunden, wären wegen der weiteren Lockerungen ab dem 1. Juli auch alle, die reinwollten, reingekommen. Aber so waren schon nach zwei Tagen alle Karten für diesen Montagabend weg, wie Glocker dem Publikum berichtete: "Es gibt einen Hunger nach Kultur!" Und es gibt auch einen Hunger der Künstler nach Publikum, wie Moritz Konrad, der den Abend auch sehr launig moderierte, zugab: "Es ist verrückt, wieder auf der Bühne zu stehen, das hat sehr gefehlt." Natürlich arbeitete sich das poetische Quartett – Konrad und Gommel waren schon mal im Zehntkeller aufgetreten – an Corona ab, Konrad zitierte immer mal wieder aus seinem Pandemie-Tagebuch ("Seitdem man nicht mehr rausgehen kann, habe ich gemerkt, wie wenig ich vorher draußen war"). Goebel wiederum ist frisch von Mannheim nach Heidelberg gezogen – und freut sich jetzt schon auf die Zeit ohne Virus: "Wenn das vorbei ist, will ich atmen, dann wird es gesellig und bunt. Dann gibt es wieder die rosa Flecken von Rotwein, dann hat das weiße T-Shirt wieder eine Aufgabe."

Aber ganz ehrlich: So bedeutend ist Corona dann doch nicht, dass es nicht auch um die wirklich wichtigen Dinge gegangen wäre: die Liebe (dafür war meist Sänger Engin zuständig), die Wohngemeinschaft (unter Studenten wie Konrad immer ein Thema), das Erwachsenwerden (für Goebel grausam, weil alle Kindheitsträume wahr werden – und man dann nichts mehr mit ihnen anfangen kann), die Familie (so las Gommel eine rhythmische Liebeserklärung an ihren Opa), sogar Depressionen waren für Goebel bedichtenswert.

Manches war etwas pathetisch – aber das darf die Jugend ja auch sein –, manches einfach sehr lustig. Vor allem dem 24-jährige Konrad, schon seit 2012 Poetry-Slammer, ist die Gabe der scharfen Beobachtung gegeben, aus der er kleine Miniaturen macht – wie der Eintrag aus seinem Corona-Tagebuch vom 22. Juni, kurz nach den Stuttgarter Krawallen: "Ein Ein-Euro-Laden wurde geplündert. Ist das eine Sache, die auch außerhalb von Schwaben passiert?"

Sänger Engin mit seiner kraftvollen Stimme und etwas schnodderigen Texten – er studiert an der Mannheimer Pop-Akademie – fand auch einen schönen Abschluss des Abends, als in der Dunkelheit nur noch die blauen Kopfhörer des Publikums zu sehen waren: "Ihr seht aus wie blaue Aliens, eine richtige Invasion auf der Burg. Ich werde Euch in guter Erinnerung behalten."

Sänger Eingin trat zusammen mit den zeitgemäßen Dichtern („Poetry-Slammern“) Carro Goebel, Laura Gommel und Moritz Konrad auf der Strahlenburg auf. Foto: Dorn

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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