03.07.2020

Die CDU hat die Qual der Wahl

Die CDU hat die Qual der WahlDuelle, die keine sind: Gleich vier Kandidaten für Land- und Bundestag stellten sich auf einmal in Schriesheim vor

Die Kontrahenten: Andreas Gabriel (l.) und die Abgeordnete Julia Philippi (2.v.l.) mit ihrem Ersatzbewerber Bastian Schneider (3.v.r) wollen für den Landtag sowie Alexander Föhr (3.v.l.) und Ulf Martini (r.) für den Bundestag kandidieren. Unparteiisch moderierte deren Vorstellung die Schriesheimer CDU-Vorsitzende Christiane Haase (2.v.r.). Foto: Dorn

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Zwei Dinge muss man der CDU lassen: Sie sorgt für Auswahl, wenn es um die Kandidaten für den Bundestag und den Landtag geht. Und wenn alle mal aufeinandertreffen – wie am Mittwochabend im Schriesheimer "Goldenen Hirsch" – dann gehen alle anständig miteinander um.

Erst auf den letzten Drücker hat sich der Hohensachsener Ulf Martini um die Nachfolge von Karl A. Lamers beworben, da bereiste bereits der Heidelberger Alexander Föhr den Wahlkreis, nachdem er Ende April seine Kandidatur bekannt gegeben hatte. Schon deutlich länger, seit dem 10. März, hat sich der Lützelsachsener Andreas Gabriel gegen die amtierende Landtagsabgeordnete Julia Philippi aus Dossenheim – sie war 2018 für Georg Wacker nachgerückt – in Stellung gebracht. Am 10. Juli haben die CDU-Delegierten in der Schriesheimer Mehrzweckhalle die Wahl zwischen Philippi und Gabriel, 15 Tage später entscheiden sie in Dossenheim, ob sie Föhr oder Martini auf den Schild heben.

Inhaltlich sind die vier Bewerber gar nicht so weit auseinander: Natürlich ging es um die Stuttgarter Krawallnacht, die alle entschieden verurteilen – was nicht verwundert, denn die innere Sicherheit ist so etwas wie der Markenkern der Christdemokraten. Während Philippi die Erfolge der Landesregierung (zumindest ihres schwarzen Teils) betonte – von der Hilfe für die Familien und die Kommunen (" größter Rettungsschirm aller Zeiten") bis hin zur neuen, einfacheren Corona-Verordnung –, nahm sich Gabriel schwerpunktmäßig die großen Umbrüche in Wirtschaft, Technologie und Infrastruktur vor. Einig sind sie sich beide, dass sie den Wahlkreis Weinheim, einst eine uneinnehmbare CDU-Bastion, wieder vom Grünen Uli Sckerl zurückerobern wollen: Das letzte Mal trennten Sckerl und Wacker 3,4 Prozentpunkte. Philippi ist da guter Dinge: "Wenn es ernst wird, vertrauen die Menschen der CDU."

Mehr Spannung versprach der Auftritt des "Neuen", Ulf Martini, den sein eigener Stadtverband Weinheim nicht unterstützt. Er hat keine Chance, aber er nutzt sie: "Ich kandidiere nicht gegen Alexander Föhr. Aber ich finde es gut, wenn es eine Auswahl gibt." Dass er an seiner eigenen Basis durchgefallen ist, "damit kann ich leben". Man könne nun "zwischen zwei unterschiedlichen Typen entscheiden" – hier das, nach eigener Aussage, "politische Greenhorn" Martini, dort der Politikroutinier Föhr. Zumindest vom Familienstand her sind sie sich recht ähnlich: verheiratet, zwei Kinder, mal mit (Martini), mal ohne Hund.

Durchaus selbstironisch stellte sich Martini den Schriesheimern vor: "Ich bin Insolvenzverwalter, von der Beliebtheit her liegt dieser Beruf noch hinter dem von Politikern." Und gleich kam er auf sein Lieblingsthema zu sprechen, die seit dem 1. Juli geltende Umsatzsteuersenkung, auf die "keiner gewartet" habe und die "gut gemeint, aber nicht so gut gemacht" sei.

Föhr hingegen stellte sich den Schriesheimern als "Parteisoldat" (so nannte ihn mal eine Zeitung), aber auch als "Vereinsmeier" vor: "Ich halte diese Begriffe für gar nicht schlimm." Schließlich ist er seit 2014 Stadtrat in Heidelberg, im Jahr drauf wurde er dort Parteivorsitzender, außerdem ist er Sitzungspräsident der Ziegelhäuser Karnevalsgesellschaft. Thematisch war er breiter aufgestellt als Martini: Der Kommunikationschef der AOK Rhein-Neckar schlug einen weiten Bogen von der Gesundheitspolitik ("ein bisschen mehr Mensch und weniger Zahl") über die Vereine ("sie sind der Kitt für die Gesellschaft") bis hin zum Glasfaserausbau, schließlich war er vor drei Wochen auch Zuhörer bei der Altenbacher Ortschaftsratssitzung: "Wenn nicht die Telekom dafür sorgt, muss es der Bund tun." Sein Credo: "Wir sind nicht nur die Partei der Finanzen, sondern des sozialen Zusammenhalts." Und er versprach, ganz in der Lamers-Tradition: "Ich will bei den Leuten sein."

Die Schriesheimer CDUler gingen recht freundlich mit den vier Kandidaten um, nur Urgestein Siegfried Schlüter prüfte Martini auf seine kommunalpolitische Beschlagenheit, schließlich sei er ja nicht in den Gemeinderat gewählt worden. Darauf Martini: "Ich kann mit Niederlagen umgehen." Ansonsten gab es durchaus eine Überraschung an diesem Abend: Bastian Schneider, der CDU-Vorsitzende in Ladenburg, Ersatzkandidat von Julia Philippi und mit seinen 29 Jahren schon Richter am Verwaltungsgericht in Karlsruhe, der mit einer kurzen geschliffenen Rede – Hauptthema: Stuttgarter Krawalle – überzeugte. Er will mit Philippi "im Team antreten". Und wie sehen die Chancen der vier Kandidaten aus? Beobachter rechnen mit einem leichten Vorteil für Amtsinhaberin Philippi, die aber auch noch recht frisch im Landtag ist. Föhrs Sieg über den bisher unbekannten Martini scheint jetzt schon sicher.

CDU-Fraktionssprecher Michael Mittelstädt berichtete aus dem Gemeinderat – von den Landeshilfen, die Philippi gepriesen hatte ("für Schriesheim wirklich nicht viel"), über die Schulsanierung ("gut investiertes Geld") bis hin zum Bestattungswald ("lohnt sich nur für den Anbieter"). Aber da gab es noch das Reizthema Neubaugebiet südlich vom Schlittweg: "Wir müssen uns fragen, ob es Sinn macht – und was es uns kostet, gerade was den Ausbau von Schulen und Kindergärten angeht, wenn wir mehr Bewohner haben. Ob sich der Bürgermeister in seinem letzten Amtsjahr diesen Schuh noch anzieht, ist offen." Gabriel warf seinen Blick weiter nach vorn: "Ich unterstütze, dass die CDU in Schriesheim künftig den Bürgermeister stellt, wie es uns in Weinheim mit Manuel Just, immerhin einem Konservativen, geglückt ist."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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