06.07.2020

Wie man rechte Kampfbegriffe erkennt und kontert

Von wegen einfache Antworten: Der ehemalige Greenpeace-Kampagnenleiter Andreas von Bernstorff klärte bei einer Lesung auf

Schriesheim. (vkn) Reges Interesse und Diskussionsbedarf zeigten die Besucher der Buchvorstellung "Rechte Wörter" von Andreas Graf von Bernstorff im Hof der Strahlenberger Grundschule. Der Heidelberger war von 1989 bis 2006 Kampagnenleiter von Greenpeace und spürte in seinen Ausführungen zum Buch rechten Kampfbegriffen in der Alltagssprache nach – und wie diese Begriffe in die Mitte der Gesellschaft gelangten. Manchmal wird er auch dreist von den Rechten kopiert: Zum ersten Mal besetzten Greenpeace-Aktivisten während des Irakkriegs 2003 das Brandenburger Tor in Berlin – eine spektakuläre Idee von Bernstorffs. 13 Jahre später entrollten die rechtsextreme Identitäre Bewegung ihre Transparente an derselben Stelle.

Es war die dritte Veranstaltung der Reihe "Sich für die Demokratie einsetzen" der Grünen Liste Schriesheim, federführend organisiert von Margit Liedloff. Sie und weitere Mitstreiter sorgten bei der Lesung für einen etwas anderen Ablauf, indem sie abwechselnd ausgewählte Passagen nach einer Einleitung des Autors vortrugen. Das lockerte die Veranstaltung erfrischend auf.

"Um gegen Rechte bestehen zu können, müssen wir entsprechend auftreten können", begründete Liedloff, warum dieses Buch so gut in die Vortragsreihe der Grünen passe. Bernstorff liefert knapp zusammengefasst Hintergründe und Erläuterungen zu den Begriffen. Oft erfuhren die Begriffe, mit denen rechte Gruppierungen argumentieren, eine Umdeutung und meinten ursprünglich das Gegenteil.

Bernstorff erläuterte drei wesentliche "Feindbilder oder Narrative" des rechten Weltbildes aufgrund dreier Herausforderungen oder Phänomene im angehenden 21. Jahrhundert. Das sind die Genderfrage (oder neues Geschlechterverhältnis), der Klimawandel und die Migration (oder postkolonialen Wanderungsbewegungen). Um diesen hochkomplexen Phänomenen zu begegnen, benötige es in der Argumentation der Rechten aber keine Parteiendebatte oder gar Wissenschaft, sondern dafür reiche "der gesunde Menschenverstand", so Bernstorff. "Aber wer bestimmt, was der gesunde Menschenverstand ist, wenn nicht die Partei?", so Bernstorffs Frage.

Es gelten einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen. Der Klimawandel werde schlicht geleugnet, oder wenn er einmal eingeräumt werde, dann "geschieht der Klimawandel ohne Schuld der Menschen". Gegen die Migration werde von der Rechten ein "Ethno-Pluralismus" gefordert. Der teile die Menschen in verschiedene Rassen, die jede für sich bleiben solle.

Was sich vermischt habe, soll wieder getrennt werden. "Das ist aber eine Umdeutung von Pluralismus", so Bernstorff. Seit die Beobachtung durch den Verfassungsschutz drohe, werde bei der AfD inzwischen der Spruch "Migration führt zum Volkstod" vermieden. Jetzt werde argumentiert, es gebe eine "wesentliche Veränderung ohne Zustimmung des Volkes. Erklärt wird das Ganze mit einer Verschwörungstheorie. Die Veränderung werde durch das internationale Finanzkapital veranlasst, das sich an der US-Ostküste einen Stützpunkt geschaffen habe. Als Namen werden die Rothschilds und George Soros genannt, beides sind Juden.

Das von den Juden dominierte Finanzkapital an der Ostküste der USA spielte schon im Weltbild der Nazis eine herausragende Rolle. Mit "Geschlechter-Gleichschaltung" stellte Bernstorff einen Kampfbegriff der Neuen Rechten im Kontext der Genderfrage vor, der einen bestehenden Begriff aus der NS-Zeit einfach umkehrt.

Das sei kennzeichnend, so Bernstorff. "Die AfD hat den Nazi-Vorwurf immer in der Tasche, wenn sie sich in ihre Nähe begibt."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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