10.07.2020

Eine Geburtstagsfeier mit Folgen - so kam es zum Corona-Ausbruch

Drei Schulklassen in Schriesheim und Ladenburg müssen in Quarantäne - Ruf nach Maskenpflicht - Die Spur führt nach Memmingen

Von Maren Schenk und Micha Hörnle

Schriesheim/Ladenburg. In Schriesheim gibt es jetzt vier Coronafälle – alle in einer Familie, die sich vor zehn Tagen bei einer privaten Feier in Memmingen angesteckt hat. Deren Kinder gehen in Schriesheim und Ladenburg in die Schule. Die RNZ trägt zusammen, was man über bisher über den Pandemie-Ausbruch in der Region weiß.

Wer ist die Familie, die sich infiziert hat? Es handelt sich nach RNZ-Informationen um eine Flüchtlingsfamilie, die sich in Schriesheim in der sogenannten Anschlussunterbringung befindet, also in einer von der Stadt angemieteten Wohnung lebt. Nach jetzigem Stand haben sich die Mutter und drei Kinder mit dem Coronavirus angesteckt, die zwei anderen Kinder und der Vater nicht. Die drei infizierten Kinder sind alle schulpflichtig: Sie gehen in die vierte Klasse der Kurpfalz-Grundschule, in die fünfte des Kurpfalz-Gymnasiums und in die neunte der Werkrealschule in Ladenburg.

Wer muss jetzt in Quarantäne? Das betrifft die jeweiligen Klassen der drei infizierten Schüler – in Schriesheim 36 und in Ladenburg 14 Kinder. Außerdem begaben sich insgesamt fünf Lehrer – zwei in Schriesheim und drei in Ladenburg – freiwillig in häusliche Isolation. Auch die gesamte betroffene Familie – egal, ob ihre Mitglieder infiziert sind oder nicht – ist nun in einer 14-tägigen Quarantäne. Alle Testergebnisse für die betroffenen Mitschüler stehen noch aus, sie gelten als "Kontaktpersonen der Kategorie 1". Alle, Infizierte und Kontaktpersonen, werden täglich vom Gesundheitsamt angerufen und nach ihrem Gesundheitszustand befragt. Die zwei kleineren Kinder der Familie sind negativ auf das Virus getestet worden – deswegen gibt es auch keine Konsequenzen für die Schriesheimer Kindergärten.

Was bedeutet das für die Schulen? Die Schulleiterin der Kurpfalz-Grundschule, Sabine Grimm, bestätigte auf Nachfrage der RNZ, dass es einen Fall von SARS-CoV-2-Infektion in einer vierten Klasse mit insgesamt 14 Schülern gebe. Grimm wurde am Mittwochmorgen vor Schulbeginn vom Gesundheitsamt informiert – "die betroffene vierte Klasse wurde unverzüglich wieder nach Hause entlassen". Grimm ergänzt: "Alle Kinder dieser Klasse sind zunächst bis zum 22. Juli in häuslicher Quarantäne und werden zeitnah auf das Virus beim Gesundheitsamt Heidelberg getestet."

Die Lehrerin, die diese Klasse mit dem infizierten Kind unterrichtet hat, müsse laut Aussage des Gesundheitsamtes nicht zwingend in häusliche Quarantäne, da die Kollegin mit den Kindern umsichtig, doch konsequent die AHA-Regeln (Abstand-Handhygiene-Alltagsmaske) befolgt hat – "obwohl dies von Seiten des Ministeriums im Grundschulbereich so eigentlich gar nicht mehr vorgesehen ist", ergänzt Grimm. "Für ihr verantwortliches und weitsichtiges Handeln bin ich der Kollegin sehr dankbar!" Aber doch entschloss sich die Lehrkraft freiwillig, die nächsten zwei Wochen zuhause zu bleiben. Die beiden Klassen, in denen lediglich Verdachtsfälle aufgetreten sind, werden bis auf Weiteres "normal" beschult, so Grimm.

Am Kurpfalz-Gymnasium besucht eine infizierte Schülerin eine fünfte Klasse mit 22 Schülern. Da die Klassen derzeit geteilt sind, muss nach der Vorgabe des Gesundheitsamtes die betroffene Teilgruppe jener Klasse 14 Tage zuhause bleiben, erklärt Schulleiter Jürgen Sollors. Alle 14 weiteren Schüler dieser Teilgruppe werden auf SARS-CoV-2 getestet.

"Die Schülerin war nur am Montag in der Schule, am Dienstag ist sie freiwillig zuhause geblieben, und in den zwei Wochen davor war sie im Homeschooling, sodass nur eine Lehrerin die Klasse in einem sogenannten Fächertag unterrichtet hat", erklärt Sollors. Diese Lehrerin bleibt nun in freiwilliger häuslicher Isolation.

"Wir halten der Herausforderung stand, wenn wir uns an die Hygiene- und Abstandsregeln halten", sagt Sollors. Immer montags beim Eintreffen der neuen Schülergruppen weisen die Lehrer auf diese Regeln hin. Der Schulleiter hielt das Lehrerkollegium noch einmal besonders an, ein noch stärkeres Augenmerk auf die Einhaltung der bestehenden Regeln zu richten. Er geht davon aus, dass sich Infektionen dann nicht ausbreiten. Aktuell scheine es so, "dass diese Situation durch unvernünftiges Handeln im privaten Bereich entstanden ist", so Sollors.

Der Direktor berichtet auch von verunsicherten Eltern und einem Ruf nach Maskenpflicht. Er weist darauf hin, dass weder Schulen noch Gemeinden oder Landkreise als Schulträger eine Pflicht zum Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen im Schulgebäude erlassen dürfen, sondern nur das Land. "Wenn sich die Eltern aber einig sind, unterstütze ich den Wunsch, Ihre Kinder mit Masken in die Schule zu schicken", so Sollors in einer Mitteilung an die Eltern. Empfohlen ist das Tragen einer Alltagsmaske beispielsweise in der Kurpfalz-Grundschule, wenn die Schüler in Bewegung sind, während des Unterrichts am Platz im Klassenzimmer dagegen nicht.

In der Ladenburger Werkrealschule besucht das dritte infizierte Schriesheimer Kind die neunte Klasse. "Die Stadtverwaltung steht im engen Austausch mit dem Rhein-Neckar-Kreis, dem Schulamt und der betroffenen Schule", sagte die Referentin von Bürgermeister Stefan Schmutz, Nicole Hoffmann auf RNZ-Anfrage. "Die Schule hat in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt die notwendigen Maßnahmen ergriffen, und wir werden die weitere Entwicklung intensiv begleiten. Zum jetzigen Zeitpunkt besteht seitens der Stadt Ladenburg jedoch kein konkreter Handlungsbedarf", so Hoffmann. "Allerdings zeigt der konkrete Fall eindeutig, dass die Pandemie nicht vorüber ist und die Hygiene- und Abstandsregeln auch weiterhin eine hohe Relevanz besitzen sollten." Die Schule selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Welche Konsequenzen hat der Corona-Ausbruch in Schriesheim? Bisher recht wenige – bis auf die Quarantäne der Familie und der betroffenen Klassen. Vorsorglich stellte aber der Baseballclub Raubritter sein Training ein – auch wenn keines der infizierten Kinder hier Mitglied war. Andere (Sport-) Vereine machen weiter wie bisher.

Wo hat sich die Familie infiziert? Laut den ersten Informationen des Gesundheitsamtes des Rhein-Neckar-Kreises soll sich die Familie Ende Juni bei einem Moscheebesuch "außerhalb des Kreises" mit dem Virus infiziert haben. Eine längere Recherche führte die RNZ auf eine heiße Spur ins Allgäu: In Memmingen gab es eine private Feier in einer Moschee, wohl einen Geburtstag, den auch die Schriesheimer besucht hatten. Am Montag registrierte das Landratsamt des Unterallgäu-Kreises eine infizierte Person, die auf der größeren Party war. Daraufhin wurden 30 Kontaktpersonen identifiziert, die alle getestet wurden. Am Donnerstag wurde bekannt, dass neun davon mit dem Coronavirus infiziert waren – die Schriesheimer Familie nicht eingerechnet.

Das hatte in diesem Landkreis weitreichende Konsequenzen, wie Sprecherin Eva Büchele der RNZ berichtete: In Hawangen bei Memmingen wurde eine Kita, in die ein infiziertes Kind geht, für 14 Tage geschlossen, auch wenn deren 60 Kinder negativ getestet worden waren. Im nahen Markt Rettenbach musste die Klasse eines infizierten Schülers in die Isolation, auch wenn es keine Hinweise auf Ansteckungen gibt. Zu allem Überfluss war eine weitere infizierte Person in einem Freibad in Ottobeuren, in dem sich 350 Personen aufhielten. Diese müssen nicht in Quarantäne, sollen aber be­sonders auf Coronasymptome achten. "Man sieht, das war ein ganzer Rattenschwanz an Folgen dieser Feier – mit einer fast detektivischen Arbeit des Gesundheitsamtes", so Büchele. Sie konnte aber nicht sagen, ob bei der Veranstaltung die Corona-Hygienevorschriften missachtet wurden.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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