14.07.2020

Umzug und Neugestaltung: Schriesheims "Edelstein" will aufs Gärtner-Gelände ziehen

Der alte Standort in der Talstraße soll für das Betreute Wohnen erhalte bleiben. Wenn der "große Wurf" scheitert, gibt der Betreiber Schriesheim auf.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Es könnte sein, dass der Gordische Knoten von gleich zwei wichtigen städtebaulichen Projekten Schriesheims mit einem Hieb zerschlagen wird: die Sicherung des Seniorenheims "Edelstein" und die Neugestaltung des Gärtner-Geländes an der B 3. Denn bisher waren beide Einzelvorhaben, jedes für sich, gescheitert: Der "Edelstein"-Betreiber Seniorenwohnstift Bühl (SWB) kam mit seinen Neubauplänen in der Talstraße wegen des Widerstands von Ausschuss und Anwohnern gegen zu hohe und zu massive Gebäude nicht weiter; und auch Grundstückseigentümer Klaus Gärtner traf mit den Ideen für eine Reihenhaussiedlung auf dem Areal des Autohauses auf große Bedenken. Die Lösung: Das "Edelstein" expandiert auf das Gärtner-Gelände.

Die Pläne, die am Mittwoch Bürgermeister Hansjörg Höfer der Presse vorstellen will und über die der Gemeinderat in seiner nächsten Sitzung am 22. Juli beraten wird, sehen vor, dass der "Edelstein" sein Pflegeheim direkt an der B 3 neu baut. In der Talstraße würde nur noch Betreutes Wohnen angeboten. Hier müsste wahrscheinlich auch neu gebaut (oder wenigstens kernsaniert) werden. Ob alle drei nicht denkmalgeschützten Gebäude – das Haupthaus des alten Kurhotels, das kleine "Haus Friede" und der Anbau aus den sechziger Jahren – abgerissen werden, kann SWB-Geschäftsführer Hubertus Seidler noch nicht sagen. Zumindest hätte es für ihn Charme, die alten Bauten weitgehend zu erhalten. An der B 3, so der Plan, kauft SWB das Gärtner-Gelände nicht, sondern bekommt es auf 99 Jahre in Erbpacht. Der Kontakt sei von Gärtner aus aufgenommen worden, beide Parteien wurden von der Kommunalpolitik ermutigt, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten.

"Der alte Standort wird nicht aufgegeben", betont Seidler auf RNZ-Anfrage. Aber es sei ja augenfällig, dass es in den bestehenden drei Gebäuden nicht mehr lange weitergehen könne. Erstens seien die "ein Sanierungsfall: Der ganze Brandschutz, Elektroinstallation, Wasser und Dächer müssen alle neu gemacht werden" – auch wenn die Grundsubstanz eigentlich ganz gut sei. Und zweitens gilt seit dem 1. September 2019 die Regelung, dass es keine Zwei- oder Mehrbettenzimmer mehr geben darf. Die Folge: Nun hat im "Edelstein" jeder Bewohner ein Doppelzimmer für sich. Damit sinkt die Belegung, bei gleichbleibend hohen Fixkosten. "Das ist nicht mehr wirtschaftlich tragbar", sagt Seidler. Im Moment kümmern sich 56 Mitarbeiter um die 40 Bewohner – noch vor wenigen Jahren gab es hier 72 Heimplätze. Dabei sei es mitnichten so, dass keiner mehr in der Talstraße wohnen wolle – im Gegenteil: "Der Bedarf ist da, es stehen 40 Personen auf unserer Warteliste. Die Schriesheimer wollen eben in Schriesheim bleiben."

Mit der Erweiterung auf das Gärtner-Gelände würde es auf einen Schlag 150 Plätze für die Pflege oder das Betreute Wohnen in der Weinstadt geben – bis zu 60 in der Talstraße und 90 an der B 3. "Wir sind uns absolut sicher, dass wir diese Plätze alle belegen können", sagt Seidler. Für ihn ist die Idee von der Expansion an die Landstraße ("eindeutig ein besserer Standort als in der abgelegenen Talstraße") fast zwingend – und wäre im Grunde so etwas wie die letzte Chance für das "Edelstein": Schon vor acht Jahren hatte der damalige "Edelstein"Betreiber, der Evangelische Verein der Inneren Mission, erfolglos mit der Evangelischen Stadtmission in Heidelberg über eine Übernahme verhandelt, schließlich führt die schon seit Jahrzehnten das deutlich größere Seniorenheim Stammberg. Erst vor drei Jahren stieg dann die SWB als neuer Betreiber mit ihren Neubauplänen ins "Edelstein" ein. Sie ist seit 41 Jahren im Geschäft und betreibt 16 Seniorenheime, vor allem im Mittelbaden. Geschäftsführer Seidler resümiert: "Wir sind jetzt zweimal mit unseren Anträgen für einen Neubau in der Talstraße vor dem Ausschuss gestrandet, das ganze Projekt wird immer weiter in die Zukunft verschoben. Dabei wäre es uns sehr gelegen, dass es endlich losgeht." Nach gut drei Jahren mit drei Umplanungen sehe er "jetzt Licht am Ende des Tunnels". Gerade für die Mitarbeiter – viele von ihnen haben einen Schwerbehindertenausweis – sei eine Perspektive sehr wichtig. Wenn alles gut geht, könne die SWB in zwei Jahren bauen, nach etwa 18 Monaten, Anfang 2023, wäre alles fertig. Seidler findet: "Das ist eine lange Zeit, in der wir unseren Betrieb nur mühsam aufrechterhalten können."

Klaus Gärtner sagte der RNZ, dass das Betreute Wohnen auf seinem Autohausgelände "von vielen Seiten gewünscht ist", zumal es ja nun auch Zeitdruck gebe, weil der "Edelstein" in seiner jetzigen Form nicht mehr lange existieren könne. "Es gibt keine Widerstände, insofern sieht es gut aus." Und was würde passieren, wenn der Plan von den zwei "Edelstein"-Häusern in Schriesheim scheitert? "Dann", so meint SWB-Geschäftsführer Seidler, "sind wir gezwungen, auf den Standort Schriesheim ganz zu verzichten."

Hintergrund: Die bewegte Geschichte des "Hauses Edelstein"

Das "Haus Edelstein" hat eine bewegte Vergangenheit: Sie begann zur vorletzten Jahrhundertwende als Kurhotel – noch heute ist das auch manchmal "Mühlenhaus" genannte Gebäude an der Talstraße das Gesicht des "Edelstein". Es erhielt seinen Namen von einer markanten Felsgruppe auf dem Gipfel des Ölbergs, die 1919 bei einer unbeabsichtigten Sprengung im Steinbruch in sich zusammenstürzte.

Kurzzeitig residierte hier eine Fabrik für Eismaschinen, 1925 kaufte die AB-Gemeinschaft (Evangelischer Verein für innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses) das Kurhotel und machte es zu einem Jugendheim, denn damals war das Bedürfnis nach Wanderfreizeiten groß. Ein Jahr später übernahm Georg Sauter die Leitung.

Auf Dauer konnte die Jugend alleine das Haus aber nicht finanzieren. "Da bahnte Gott einen neuen Weg", schrieb Pfarrer Werner Hauser in seiner Chronik: 1934 kamen die ersten Dauergäste. Während des Zweiten Weltkriegs fanden viele Ausgebombte hier eine Unterkunft und blieben bis ins Alter – und zwar als eine Gemeinschaft, weswegen man sich hier mit "Bruder" oder "Schwester" anredete. So wurde das Jugendheim "unter Gottes Führung zu einem Altenheim". Bruder Georg Sauter baute das Heim aus. 1963 kam Bruder Paul Schöffer als Mitarbeiter und späterer Nachfolger ins Haus, 1967 entstand der große Anbau mit neuer Küche, Aufzug und Pflegeabteilung: Das Haus Edelstein entwickelte sich zu einem Alten- und Pflegeheim. 1970 wurde Paul Schöffer Hausvater. 1975 feierte das Haus Edelstein 50-jähriges Jubiläum, 30 Brüder und Schwestern nahmen daran teil, die auch schon bei der Einweihung dabei waren. 1984 übernahm Hausvater Dieter Ehrismann die Heimleitung, dem 2005 Myrta Constabel folgte. (hö)

Unterdessen hatte 1990 die Trägerschaft des Heimes gewechselt: von der AB-Gemeinschaft zum Evangelischen Verein der Inneren Mission (Karlsruhe). Als Constabel 2018 in den Ruhestand verabschiedet wurde, begann eine ganz neue Epoche: Die Senioren-Wohnstift Bühl (SWB), eine Privatfirma, übernahm das gesamte Seniorenheim – und plante einen Neubau.


Hintergrund: Seit 2018 steht das "Gärtner-Gelände" an der B3 leer

68 Jahre lang wurden in der Landstraße 108 Autos verkauft, doch Ende September 2018 schloss Klaus Gärtner für immer die Pforten des etablierten Betriebs – aus Altersgründen. Einen Nachfolger konnte er nicht finden; 44 Jahre, also sein ganzes Arbeitsleben, hatte Gärtner in seinem Autohaus verbracht.

Eine Zeit lang sah es danach aus, als könnten auf diesem 6000 Quadratmeter großen Gelände in Schriesheimer Bestlage – dazu gehört auch die mittlerweile geschlossene "Matratzen Concord"-Filiale – 30 Doppel- und Reihenhäuser entstehen, worüber der Ausschuss für Technik und Umwelt bereits nicht-öffentlich im März 2018 beriet. Der größte Diskussionspunkt war weniger die Nachnutzung als Wohngebiet an sich, sondern die Art der Bebauung. In der Zwischenzeit, am 1. Februar 2019, war hier die provisorische Rettungswache des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) eingezogen, in der ein rund um die Uhr einsatzbereiter Wagen stationiert war. Kaum acht Monate später, Mitte Oktober, "wanderte" der ASB in sein nächstes Provisorium, in eine Halle im Hirschberger Gewerbepark. Langfristig soll es aber einen richtigen Rettungswachenneubau am Schriesheimer Autobahnzubringer geben.

Unterdessen hatte der Gestaltungsbeirat Bedenken gegen die Reihenhausbebauung angemeldet, daraufhin dachte die Stadt über einen Einstieg in ein Bebauungsplanverfahren nach, um besser mitreden zu können. "Wir wollen einfach noch einmal genauer schauen, was aus diesem Grundstück herausgeholt werden kann", sagte damals Fadime Tuncer, Stellvertreterin von Bürgermeister Hansjörg Höfer. Würde ein Bauträger auf dem Autohaus-Areal aktiv, könnte die Stadt bei dessen Planungen nicht mitbestimmen. Dem Gemeinderat bliebe nur die Möglichkeit, das Vorhaben am Ende komplett zu stoppen. "Deswegen würde die Kommune nach einem entsprechenden Ratsbeschluss lieber selbst in die Planung einsteigen", sagt Tuncer, "auch wenn das den ursprünglichen Zeitplan deutlich bremst". Schon vor einem Dreivierteljahr war ein Ideenwettbewerb geplant. (hö)

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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