22.07.2020

Tieffrequenter Schall: Ein Dauerbrummen in Altenbach, das zur Qual wird

Die Altenbacherin Susanne Klug leidet unter tieffrequenten Geräuschen - Mit dem Bau des Branichtunnel fingen ihre Beschwerden an

Von Marco Partner

Schriesheim-Altenbach. Es passiert in der Nacht. Wenn es draußen ruhig und friedlich ist, hört sie es. "Ein extrem dumpfes Wummern und Bollern, vergleichbar mit einem Schiffsmotor", sagt Susanne Klug. Nur, dass weit und breit keine Industrie vorzufinden ist. Abgelegen in Altenbach, wenn man so will im hintersten Winkel Schriesheims, wohnt die 61-Jährige mit ihrem Mann. Drumherum nur Hügel, Vogelgezwitscher, Wald und Idylle. Wäre da nicht dieses vibrierende Geräusch, das ihr den Schlaf raubt. Klug vermutet: Es kommt von der Malzfabrik, doch diese liegt vier Kilometer Luftlinie entfernt. Möglich wäre das durch eine besondere akustische Empfindsamkeit: der Wahrnehmung von tieffrequentem Schall.

Wie kann das sein, wie soll das gehen? Diese verwunderten Fragen bekommt Klug oft zu hören. Nur etwa drei bis fünf Prozent der Menschen können die Brummtöne unter 100 Hertz empfinden. Für Klug ist es jedoch keine übersinnliche Fähigkeit, sondern eine gesundheitliche Belastung: Schwindel, Schlafstörungen, Herzflattern, Magenprobleme bis hin zur Übelkeit sind die Folge. "Ich weiß, es ist schwer nachzuvollziehen. Ich hätte es vor ein paar Jahren selbst nicht geglaubt", betont sie.

Denn bis vor ein paar Jahren herrschte noch Stille. Seit fast 30 Jahren schon wohnen die Klugs in Altenbach. Dass sie mit einem sensiblen Hörempfinden ausgestattet sei, war in ihrem Leben nie Thema. "Angefangen hat alles erst 2014", erinnert sich Klug. Damals wurde sie jede Nacht von einem undefinierbaren Dröhnen gestört. "Ich konnte nicht mehr schlafen, also habe ich das ganze Haus abgesucht, dann die nähere Umgebung." Bis sie mit dem Auto weiterforschte, und letztlich nach fünf Kilometern nächtlicher Irrfahrt auf die Baustelle des Branichtunnels stieß. Zur Überraschung stimmte das Dröhnen mit dem Geräusch im Schlafzimmer überein. "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es von so weit herkommen könnte."

So paradox es klingt, fand sie im georteten Lärm etwas Ruhe, oder zumindest die Gewissheit, dass sie sich das Dröhnen nicht einbildet – und nach dem Abschluss der Tunnelarbeiten kehrte auch nachts wieder Stille ein. Bis im Sommer 2018 wieder ein Geräusch über das Tal hinaufschwappte. Diesmal machte Klug die Malzfabrik und das benachbarte Blockheizkraftwerk als Geräuschquelle aus. Sie kontaktierte die Gemeinde und bat, eine Testung durchzuführen und gegebenenfalls eine Schallisolierung zu errichten. Tatsächlich machte auch der Rhein-Neckar-Kreis Messungen. Beide Anlagen entsprächen jedoch dem genehmigten und geprüften Stand.

"Wir führen schon seit Jahren Gespräche mit Frau Klug. Die Anlagen wurden geprüft, es wurden keine Korrelationen festgestellt, messtechnisch war der Lärm nicht greifbar", erklärt Inhaber Axel Kling auf Anfrage. Keine Sichtverbindung, weite Entfernung: Eine Schallübertragung von der Mälzerei bis nach Altenbach sei physikalisch schwer vorstellbar. Auch als die Anlage nachts abgestellt wurde, habe Susanne Klug den brummenden Lärm festgestellt. "Wir haben wirklich viel unternommen, es muss eine andere Ursache haben", betont der Unternehmer.

Eine andere Geräuschquelle konnte die 61-Jährige aber nicht ausfindig machen. Somit fühlt sich Klug etwas allein gelassen. Im Gegensatz zum nächtlichen Ticken einer Uhr oder dem Brummen eines Kühlschranks kann sie das Problem nicht einfach abschalten. Einfach Ohrstöpsel tragen oder Schallschutzfenster einbauen zu lassen, mache wenig Sinn. "Ein Autobahngeräusch kann man so wegblenden, aber ich nehme ein Vibrieren, einen Druck wahr. Das Geräusch geht durch Fenster und Wände hindurch", erklärt sie. Auch die Wohnung selbst könne dabei wie ein Resonanzkörper fungieren.

Sie hat viel nachgeforscht und festgestellt: Tieffrequente Geräusche überschreiten häufig nicht die gültigen Lärm-Immissionsrichtwerte, und können dennoch zu erheblicher Lärmbelästigung Betroffener führen. Der Grund: Die Tests fangen meist nur akustische Effekte im gängigen Frequenzbereich von bis zu 100 Hertz ein. Aber erst in den Basstönen darunter fangen Klugs Probleme an.

Oft quartiert sie sich aufgrund der Geräuschbelastung daher schon selbst aus, hat sich in Schriesheim ein Zimmer gebucht oder hat bei Verwandten in Hockenheim übernachtet. "Aber das ist ja kein Dauerzustand", wünscht sie sich, dass das Problem mehr Gehör findet, auch wenn es nur eine Minderheit betrifft. "In Heidelberg und Weinheim schildern Betroffene ähnliche Probleme, es hat sich schon eine kleine Gruppe gebildet, aber ich denke, das Phänomen betrifft ganz Deutschland." Tatsächlich belegen zahlreiche Studien die steigenden Beeinträchtigungen durch Infraschall im Wohnumfeld. "Tieffrequente Geräusche in der Umgebung von Wohnbebauungen werden durch eine Vielzahl von Geräten und Anlagen verursacht. Überwiegen diese Geräuschanteile im ruhigen Wohnraum, so werden sie schnell zur Belastung", heißt es in dem 2017 erschienenen Leitfaden "Tieffrequente Geräusche im Wohnumfeld" vom Umweltbundesamt.

Meist seien es stationäre Geräte wie Luftwärmepumpen, Klein-Windkraftanlagen, Heizungs- und Lüftungsanlagen oder Klima- und Kühlgeräte, welche die belästigenden tieffrequenten Geräusche erzeugen. "Diese führen zu einer neuen Art der Beeinträchtigung, da diese im Wohnumfeld errichtet und dauerhaft betrieben werden", heißt es in dem Leitfaden. Selbst die beste Dämmung sei unwirksam, wenn der betroffene Raum eine akustisch ungünstige Geometrie aufweist. Hinzu komme eine dezentrale Energieversorgung, wie Biogasanlagen oder Windräder, die ebenfalls von manchen Menschen als Infraschall wahrgenommen werden.

Auch einen Umzug würde Klug in Kauf nehmen. Über den Energie-Atlas sucht sie nach geeigneten Wohnstandorten, die weniger Anlagen verzeichnen. "Finde ich eine, rufe ich bei den Behörden an, um Auskunft über vorhandene Planungen zu bekommen. Bisher konnte ich aber noch keine Gemeinde finden, die im Bereich von zehn Quadratkilometern keine wesentlichen Anlagen in Planung hat", glaubt sie, dass sich das Problem nur verlagern würde.

Viele Nächte hat sich Klug schon um die Ohren geschlagen. Sie weiß, sie kann nicht nur auf eine äußere Verbesserung hoffen, sondern muss auch einen inneren Weg finden. Mit Entspannungsmusik, Yoga und Meditation versucht sie, dem nächtlichen Schall zu begegnen: "Ich habe das Gefühl, dass es zumindest ein bisschen hilft. Mein größter Wunsch wäre aber, dass auf individuelle Befindlichkeiten mehr Rücksicht genommen wird."

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung